Fotografien von Florian Heine

Gute Schuhe und ein waches Auge - Wenn jedes Bild Geschichten erzählt

von Achim Manthey

"Halbe Welt", Wien (Foto: Florian Heine

Die Ausstellung "Kurze Geschichten" in München zeigt Fotografien von Florian Heine. Sie erzählen kleine Geschichten oder deuten sie an. Manchmal ist auch die Fantasie des Betrachters gefragt.

"Aus is!" Die Fotografie zeigt lediglich diese beiden mit einem Ausrufezeichen versehenen Worte, die auf eine Holzwand gemalt sind. Und sie erzählt ein Drama von fast shakespearischem Ausmaß. Eine nur schemenhaft gezeigte Alte mit Krückstock, gebeugt von der Last der Jahre, schlurft mühsam über das Kopfsteinpflaster der Piazza della Rotonda in Rom auf einer anderen Aufnahme. Und wie nah arm und reich beieinanderliegen zeigt ein anderes, im römischen Stadtteil Trastevere aufgenommenes Bild: Vor einem heruntergekommenen Haus, an das mit dem Rücken geleht eine Bettlerin auf der Straße sitzt, halten vier gut gekleidete Männer, offenbar Geschäftsleute, erkennbar lautstark ein Schwätzchen.

Die Alte auf der Piazza della Rotonda in Rom (Foto: Florian Heine)

Florian Heine (48), der in München lebt und arbeitet, ist Kunsthistoriker. Er war auch als Architektur- und Theaterfotograf tätig, schrieb das Drehbuch zur sechsteiligen Fernsehserie "Das erste Mal - Wie Neues in die Kunst kam" und verfasste mehrere Bücher zur Geschichte der Malerei und Fotografie. In München hat er unter anderem den U-Bahnhof Feldmoching mit seiner Kunst bereichert.

 

Mit den Fotografien in der Ausstellung zeigt der Lichtbildner in München und anderen europäischen Städten entstandene Arbeiten, die überwiegend dem klassischen Gebiet der Straßenfotografie zuzuordnen sind. Es sind keine einzigartigen, aber gelungene, technisch hochwertige Momentaufnahmen, die zuweilen berühren oder, wie die bekannten "Kunstgucker"-Bilder mit einer gehörigen Portion Situationskomik daherkommen. Es ist genau dieser Nu, dieser Sekundenbruchteil, der erkannt und festgehalten sein will, der Tragödien oder Komödien erzählt."Wichtig für solche Fotos," sagte der ungarische Fotograf André Kertész (1894-1985) einmal, "sind gute Schuhe und ein waches Auge...", "denn bei jedem Schritt im Realen kann sich ein Abgrund von Poesie auftun."

Wer hat den schöneren Hut? Beuys in der Pinakothek der Moderne in München (Foto: Florian Heine)

Was macht der Mann mit der Tüte über dem Kopf auf der Münchner Ludwigstraße? Das Foto erhält Dynamik durch einen zufällig ins Bild geratenen Radfahrer. Ein wohlgenährter Priester, in Gedanken versunken - Benedikt XVI. hatte im Aufnahmemoment seinen Rücktritt noch nicht angekündigt - geht achtlos an einem Straßenmusiker vorbei, der in einem Hauseingang stehend doch nur für ihn zu spielen scheint. Die Cafeteria im Münchner Haus der Kunst wirkt plötzlich wie eine Multi-Kulti-Kneipe in der Schwanthalerstraße. Und wo sieht man schon "1/2 kg WELT für € 22,--/300", das in Wien angeboten wurde.

Es ist eine interessante, eine ruhige Ausstellung. Auf einem der Fotos ist, mit Kreide auf eine Schultafel geschrieben, zu lesen: "Wenn man's nicht kann, ist's keine Kunst/Wenn man's kann/ist's erst recht keine Kunst." Eben.

Bis zum 23. März 2013 in der Fotogalerie im Blauen Haus in München, Schellingstraße 143/Ecke Schleißheimerstraße, Di-Fr 15-19 Uhr, Sa 11-16 Uhr, Einfritt frei.

Veröffentlicht am: 19.02.2013

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