Fotokunst von Ibn Kendall

Rasse und Klasse - Selbstfindungsversuche durch die Linse

von Achim Manthey

"Black People don't Cry", 2012, aus der Serie "Injuries" (c) Ibn Kendall, courtesy Ambacher Contemporary

Die kleine Ausstellung "Next Generation" in München präsentiert ungewöhnliche Arbeiten des jungen New Yorker Fotokünstlers Ibn Kendall.

Die junge Farbige mit den verstört-genervt weit geöffneten Augen greift sich mit beiden Händen an den Kopf und schiebt die Rasta-Mähne zurück. Das Foto ist für sich allein bereits aussasgekräftig. Ibn Kendall indes reicht das nicht. Übermalt und mit dem Text "Black People don't Cry! I Know White People Have Stolen Alot" wird das Bild zum Plakat. Eines allerdings, das nach etlichen Regengüssen aus dem Papierkorb an der Straße gezogen und getrocknet worden zu sein scheint. Wie Ausrisse, Schabungen, Schraffuren wirken kleine weiße Flächen, die das Bild durchbrechen. Eine andere Aufnahme zeigt den - ebenfalls farbigen - Künstler auf dem Münchner Oktoberfest zwischen auf den Bierbänken tanzenden Unterleibern, wie er von einer jungen, dekolletierten Frau im Dirndl abgebusselt wird. "Does it work? Mostly on white Girls", konstatiert Kendall nach näherer textlicher Erläuterung in einer Mischung aus Zynismus, Begehren und Augenzwinkern.

Ibn Kendall (36) wurde in New York geboren, wo er auch heute lebt und arbeitet. Er gehört zu einer neuen Generation von amerikanischen Fotokünstlern, die sich zu lösen beginnt von ihren traditionellen Vorbildern. Explizit subjektive Fragestellungen, persönliche Erfahrungen im Umgang mit Sexualität und dem Finden ihrer gesellschaftlichen Rolle treten in den Vordergrund, in dem Privatheit offenbar wird. Es sind keine objektiven Chronisten mehr, sondern Tagebuchschreiber mit der Kamera. Von "dubiativen Bildern" spricht der Fotohistoriker und -kritiker Peter Lunenfeld in diesem Kontext. Der "Next Generation" war im Herbst 2012 die gleichnamige Doppelausstellung im Amerika Haus und der Pasiger Fabrik in München gewidmet.

Ibn Kendall reicht da auch schon mal eine Meldung in den Abendnachrichten, die er ins Bild umsetzt. Aus einem Bericht über die Vielzahl russischer Frauen, die - wann und warum immer - in die USA einreisen, entstand das Bild "Russian Hoes" von 2012. Es zeigt den Künstler auf dem Gangplatz eines Flugzeugs sitzend, die Plätze neben ihm sind leer. Text auf dem Bild: "Going To Purchase Some Of These Russian Hoes I Heard About On 20/20 A Few Nights Back". Es ist eine verstörende Mischung aus Hoffnung auf sexuelle Abenteuer, Ironie und schlichtem Ekel.

Die kleine Ausstellung beeindruckt. Sie zeigt Bilder abseits der Norm, zwingt zur Auseinandersetzung, zur Befassung und erzeugt Betroffenheit. Möglich jedoch, dass das Gezeigte dem europäischen Geist und Auge etwas fremd bleibt.

Bis zum 16. März 2013 in der Galerie Lichtpunkt-Ambacher Contemporary, Lothstraße 78a in München, Di-Sa 15-19 Uhr, Eintritt frei.

Veröffentlicht am: 27.02.2013

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Barbara Hartmann
27.02.2013 16:08 Uhr

Dankeschön für den Hinweis auf diese Ausstellung, hier noch ein anderer Hinweis: Informationen für Journalisten zu diskriminierungsfreier Sprache 4/2008 http://www.derbraunemob.de/shared/download/warum_keine_farbigen.pdf

Schöne Grüße, Barbara Hartmann

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