Fotos von Hiroshi Watanabe bei Micheko

Momentaufnahmen aus aller Welt. Schön. Und?

von Achim Manthey

El Arbolito Park, Quito, Equador, 2002 (Foto: Hiroshi Watanabe, courtesy Micheko Galerie)

Die Müchner Ausstellung "Zeitreisen" präsentiert eine kleine Werkschau mit Bildern des japanischen Fotografen Hiroshi Watanabe. Sie entstanden auf seinen zahlreichen Reisen und bewegen sich zwischen Kalkül und Entdeckung.

Liest er noch oder schläft er schon? So ganz genau klärt die 2002 entstandene Fotografie eines Priesters im lackierten Beichtstuhl der Santa Domingon Kirche in Equador die Szene nicht auf. Hochwürden jedenfalls hat, die Heilige Schrift auf den Knien, das Haupt tief gesenkt. Der "Barber Shop" (2004) erhält Leben nur durch die verschwommen-mystische Gestalt hinter der Glastüre. Und voller Kampfeslust, noch nicht wissend um sein bevorstehendes Ende, stürmt der Stier in die Arena auf dem Foto "Plaza de Toros 13" aus dem Jahr 2000 - zu sehen ist nur noch sein Hinterteil.

Es ist der Blick für den Moment, der den Fotografen auszeichnet. Dabei entstehen ganz unterschiedliche Motive. Die Spitze des Eiffelturms verschwindet hinter einer verschwommen abgebildeten Baumkrone. Eine im Gegenlicht nur als Schatten erkennbare Figur scheint auf schmalen, in den Himmel ragenden Stäben zu schweben auf dem 2002 im El Arbolito Park im equadorianischen Quito entstandenen Foto. Kettenkarussel und Riesenrad erwischte der Fotograf 2010 in den Pariser Tuillerien in dem Augenblick, in dem sie eins zu werden scheinen. Kleinigkeiten, Fundstücke sind es zuweilen wie ein Kleiderpuppen-Torso in einem Schaufenster, dessen Rahmen verwittert oder ein Frauen-Schnürstiefel, der belanglos in der Auslage steht.

Priest, Santa Domingon Church, Equador 2002 (Foto: Hiroshi Watanabe, courtesy Micheko Galerie)

Hiroshi Watanabe, 1952 im japanischen Sapporo geboren, schloss sein Fotografiestudium 1975 in Tokio ab. Dort und in Los Angeles lebt und arbeitet er. Was ihn antreibt, beschreibt er selbst so: "Ich besuche Orte, die mich interessieren und faszinieren. Mich interessiert das menschliche Schaffen. Ich versuche Personen, Traditionen und Orte festzuhalten, die mich zuallererst persönlich interessieren. Ich strebe gleichzeitig nach Kalkül und Entdeckung in meiner Arbeit, halte meine Sinne aber offen für Überraschungen."

Die Ausstellung zeigt 27 Fotografien, die zwischen 1997 und 2010 in Japan, Europa und auf dem amerikanischen Kontinent entstanden. Ein Spiel mit Licht und Schatten, vor allem aber mit Perspektiven ist zu sehen. Menschen kommen selten vor. Als Schatten oder Schemen sind sie zu sehen, scheinen wie zufällig ins Bild geraten und bringen doch Leben, Dynamik, zuweilen auch geheimnisvolle Atmosphäre in die Szenerie. Die getönten Baryt-Abzüge mit ihren bis in ein Sepia reichenden Färbungen lassen die Aufnahmen unnötig antiquiert erscheinen.

Karl Krauß prägte einst das Wort: "Ein Feuilletoon schreiben heißt, auf einer Glatze Locken drehen." Das beschreibt den Wermutstropfen, der über einer ansonsten guten Ausstellung hängt, weil nur schön dann eben doch nicht reicht. Aber womöglich geht es dem Fotografen doch nur darum, das Bild einer Welt festzuhalten, die - wiewohl im Fluss - erhaltenswert ist.

Bis zum 2. März 2013 in der Micheko Galerie, Theresienstraße 18 in München, Di-Fr. 15-20 Uhr, Sa, 11.16 Uhr, Eintritt frei.

Veröffentlicht am: 08.02.2013

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