Aktzeichnungen in der Seidlvilla

Der diskrete Charme der Blöße

von Achim Manthey

"Mittwoch Abend", Tusche auf Papier (Bild: Cornelia von Seidlein)

Eine Gruppe Münchner Künstler, die sich die "Mittwochszeichner" nennt,  trifft sich jede Woche zum Aktzeichnen in der Schwabinger Seidlvilla zum Aktzeichnen. Ihre Arbeiten sind nun in einer kleinen, durchaus bemerkenswerten Ausstellung zu sehen.

Am Entree zur Ausstellung begrüßt den Besucher eine Pinnwand. Daran angebracht fünf Fotografien, die drei Frauen und zwei Männer abbilden. Umgeben sind die Bilder mit scheinbar wahllos angebrachten Blättern, die Akte in Zeichnungen, Tusche und als Aquarelle zeigen. "Unsere Modelle vorher-nachher" steht darauf mit kräftiger Schrift geschrieben.

Vor mehr als 20 Jahren beschlossen ein Architekt, eine Dekorateurin, ein Zeichner und eine Illustratorin, sich ein Mal in der Woche zum Aktzeichnen zu treffen. Wenngleich vom Fach, kam man ohne Lehrer, ohne Anleitung aus, machte einfach drauf los. Inzwischen ist der Kreis auf 15 Männer und Frauen aus den unterschiedlichsten Berufsgruppen angewachsen; drei der Gründungsmitglieder sind noch dabei. Sie alle verbindet die Leidenschaft zum Zeichnen.

Ohne akademische Anleitung, nur ihrem Gefühl für Ästhetik und dem künstlerisch geschulten Blick folgend, alsovöllig frei in ihrer Technik, ergeben sich höchst individuelle, ja eigenwillige Blickwinkel der Künstler auf die Modelle und ihre Darstellung. Zu sehen sind Bewegungs- und Haltungsstudien, in denen die Modelle häufig entpersönlicht scheinen. Zarte Aquarellfarben prägen die Arbeiten von Stefan Evers, Martin Burger imponiert mit farbkräftig auf Zeitungsausrissen grundierten Bildern, auf denen die Modelle mit starken Kohlestrichen konturiert sind. Barbara Klingenberg platziertihre Figur in wohliger Ironie vor einer grünen Blümchentapete. In schwarzen, scherenschnitthaften Studien scheint Agnes von Rogister Bewegung zu sezieren. Und Cornelia von Seidlein zeigt neben einer kräftigen Bleistiftzeichnung das Halbportrait einer Frau mit Pferdeschwanz, deren Körper verfließt, sich nur noch erahnen lässt. Mit feinem Strich ausgeführt sind durch schwarze Masken anonymisierte Figuren.

o.T., Tusche/Kreide (Bild: Agnes von Rogister)

Allen Bildern merkt man den Respekt der Künstler vor ihren Modellen an, von denen sich fünf nun auf der Pinnwand eingangs der Schau - bekleidet - "outen". Selten nur lassen sich die Vorbilder den Arbeiten konkret zuordnen, zuweilen lässt sich eine solche erahnen. Fast scheint es, als würden die Künstler ihre schützende Hand über die zu zeichnenden Personen halten. Keinerlei Provokation oder gar Aggressivität, die von der Darstellung einer Nacktheit, die immer auch Schutzlosigkeit ist, ausgehen kann, ist hier sichtbar. Diskretion und liebevolle Zuneigung im Miteinander herrschen vor, ohne dass die Arbeiten seicht und langweilig würden.

Die Freiheit, ohne Anleitung zu arbeiten, führt zu originellen, unkonventionellen und interessanten Resultaten. Das lohnt einen Besuch der - leider etwas lieblos präsentierten - Ausstellung.

Bis zum 11. Februar 2013 in der Seidlvilla, Nikolaiplatz 1 ins München, täglich von 12 bis 19 Uhr, Eintritt frei.

 

Veröffentlicht am: 06.02.2013

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