Sammlung Siegert im Stadtmuseum

Das macht Spaß - Fotografische Spuren aus einer fernen Vergangenheit

von Achim Manthey

Johannes Franciscus Michiels, Bau des Doms, Köln, 1855 (c) Sammlung Dietmar Siegert

Unter dem etwas sperrigen Titel "Zwischen Biedermeier und Gründerzeit. Deutschland in frühen Photographien 1840-1890 aus der Sammlung Siegert" präsentiert das Münchner Stadtmuseum in einer fulminanten Fotoausstellung eine Zeitreise in die Vergangenheit. Und es geht um ein Geschäft.

Keine Frage: Es wird zu viel geknipst heutzutage. Statt zu sehen wird aufgenommen. Kostet ja auch nichts. Eine halbwegs brauchbare Digitalkamera ist schon um die 80 Euro erhältlich, das Mobiltelefon kann es auch. Nicht einmal Gesichter oder Orte muss man sich merken. Da helfen Zusatzprogramme beim Zuordnen. So werden Millionen fotografischer Bilder täglich aufgenommen und nicht nur durch die Medien um den Globus gejagt. Der weitaus überwiegende Teil ist privater Herkunft und wird über soziale Netzwerke verbreitet oder verkümmert - nicht selten ein glückliches Schicksal - auf dem digitalen Friedhof privater Rechner.

Gut 170 Jahre zurück war das noch ganz anders. Wir schreiben das Jahr 1826. Im französischen Le Gras richtet Joseph Nicéphorn Niépca aus dem Fenster seines Arbeitszimmers eine seltsame Apparatur auf sein Grundstück. Nach einer Belichtungszeit von acht bis zehn Stunden - die Zeit ließ sich anhand der Schattenstände rekonstruieren - ist es da: Das auf einer Zinnplatte fixierte erste Foto der Geschichte. Und das bereits einige Jahre vor Erfindung der Fotografie.

Joseph Albert, Wettlauf des Igels mit dem Hasen, 1862 (c) Sammlung Dietmar Siegert

Lustig und ernsthaft zugleich ging es auf den Münchner Märchenbällen zu, denn Humor, deutscher zumal, war schon Mitte des 19. Jahrhunderts nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Prinzen und Märchenprinzessinnen, hofiert vom gestiefelten Kater, zeigt das 1862 von Josef Lang aufgenommene Bild, das weniger in die eher mystische Welt der Gebrüder Grimm denn in Walt-Disney-Produktionen mit ihrer charmanten Leichtigkeit entführt. Das im gleichen Jahr entstandene Foto des Pfeife schmauchenden Igels, dem der Hase freundschaftlich den Arm umlegt, beide in elegante Gehröcke gekleidet, unterstreicht den Ernst der Komik. Joseph Albert hat das Foto 1862 aufgenommen.

Aber die Ausstellung macht auch deutlich, dass das neue Medium, das da ab den 1840er Jahren populär wurde, für Jux-Fotografie zu teuer war. Normalsterbliche konnten sich das nicht leisten. Wie war die Entwicklung der Technik nach 1826 weitergegangen? Naja, etwas schleppend zunächst. Der Franzose Louis Daguerres, an sich Buchdrucker, hatte ein Belichtungssystem auf Platten, die mit chemischen Emulsionen beschichtet war, entwickelt und an der Staat verkauft, der 1839 mit der Vermarktung begann. Sehr schnell kam das System auch nach Deutschland. Der Brite Henry Fox legte mit einem etwas vereinfachten System nach. Die Fotografie war geboren.

Den konkurrierenden Systemen war eines gemeinsam: Die Ausrüstung war teuer, schwer und umständlich zu handhaben. Neben unterschiedlichen Fotogeräten für die verschiedenen Entfernungen - Wechselobjektive gab es noch nicht - mussten Stative und ein komplettes Chemielabor mitgeschleppt werden. Schließlich mussten die Aufnahmen auf den belichteten Platten vor Ort fixiert werden. Wie aufwändig und kompliziert das war, zeigt die in der Ausstellung zu sehende Aufnahme von 1864, die den Fotografen Franz Richard auf seinem Kamerapodest vor der Fassade des Ottoheinrichbaus in Heidelberg zeigt. Das etwas windig scheinende Gerüst zu erklimmen allein erforderte Todesmut.

Franz Richard auf seinem Kamerapodest, 1864 (c) Sammlung Dietmar Siegert

Das alles taugte damals für den Mann von der Straße nicht. Aber sehr schnell entstand ein neuer Beruf: der des professionellen Fotografen. In den Großstädten schossen die Ateliers wie Pilze aus dem Boden. So stellte der Münchner Lithograf Joseph Albert Hanfstaengl seinen Betrieb bald auf die Fotografie um und avancierte zum Hoffotografen. Seinen Sohn Franz lernte er gleich mit an. Beiden zählen zu den bekanntetesten Münchner Foto-Pionieren.

Nach Themenkomplexen gegliedert zeigt die Ausstellung die unterschiedlichen Verwendungszwecke  der Fotografie im 19. Jahrhundert. Dabei wird deutlich, dass sich die frühen Lichtbildner in erster Linie als Dokumentaristen sahen. Portraits bekannter Persönlichkeiten, die Darstellung sozialer Lebenswirklichkeiten in den Innenstädten, die Begleitung der Entstehung von Bauwerken und historischer Ereignisse und allmählich auch die Kriegsfotografie bildeten den Schwerpunkt des Schaffens. Und sehr bald entwickelte sich auch die Reisefotografie, die den Menschen sowohl die eigene Heimat wie auch die weite Welt in die gute Stube brachte.

Franz Hanfstaengl hielt des Bild Münchens seiner Zeit fest. Protzig-trutzig geradezu präsentiert sich der Scheibling-Rundturm an der Stadtmauer nahe dem Viktualienmarkt nördlich der Frauenstraße auf dem 1855 entstandenen Bild. Ruhmeshalle und Bavaria, Theatinerkirche und Feldherrenhalle sind auf Fotos von 1854 zu sehen. Und die Glyptothek steht auf der Aufnahme von 1855 noch auf einer Wiese. Akribisch zeichnet Georg Koppmann auf seinen 1883 entstandenen Aufnahmen das Bild der Straßen in der Hamburger Innenstadt, sogar mit Menschen darauf, was seinerzeit selten war. Bis in die kleinsten Wanken genau sind die Mastenwälder der Großsegler im Hamburger Hafen erkennbar. Den Bau des Doms zu Köln hielt Johannes Franciscus Michiels schon 1855 fest. Von den Türmen war da noch nichts zu sehen. Auch erste Beispiele von Produktfotografie finden sich: Der schlesische Freiherr von Minutoli verfügte über eine umfangreiche Sammlung von Gläsern, Spitzen und Skulpturen, die er für das erste Kunstgewerbemuseum der Welt, das "Minutoli'sche Institut für die Veredelung der Gewerbe und Beförderung der Künste", zu  einer beachtlichen Ausstellung zusammenfasste  - und fotografieren ließ. Aufnahmen von Ludwig Belitski, entstanden 1853/54 sind in der Ausstellung zu sehen und bieten erste Hinweise auf die neue Sachlichkeit, die sich sehr viel später entwickeln sollte.

Franz Hanfstaengl, Scheibling-Rundturm am Viktualienmarkt nördlich der Frauenstraße, 1855 (c) Sammlung Dietmar Siegert)

Die Ausstellung macht Spass. Sie zeigt, wie es hier früher einmal war, führt uns ins Heute, das zu verstehen sie den Betrachter lehrt. Dem Fotofan beweist sie, was so früh mit relativ bescheidenen Mitteln möglich war. Sie lehrt Selbstbeschränkung, wenn es um die Bedienung der Kamera geht.

250 Aufnahmen von 75 Fotografen zeigt die Ausstellung in hochwertigen Abzügen. Sie stammen aus der Sammlung des Münchners Dietmar Siegert. Rund 8000 Aufnahmen standen Kurator Ulrich Pohlmann zur Auswahl für die Schau zur Verfügung. Siegert, ein Sammler, den man getrost als liebevoll aber fanatisch bezeichnen kann, hat sie zusammengetragen und ist stets auf höchste Qualität der Abzüge bedacht. Und es gibt ein Mehr: Siegert denkt über einen Verkauf seiner Sammlung nach und sähe sie auch weiterhin gern in München, das mit der Sammlung Fotografie des Stadtmuseums neben der Agfa-Historama in Köln über die bedeutenste Fotosammlung hierzulande verfügt. Diese Chance darf sich München nicht entgehen lassen. Pohlmann selbst wirft den Begriff "Sünde" in die Diskussion, sollte sich die Sammlung nicht hier halten lassen. Sicher, es wird viel Geld in die Hand zu nehmen sein. Siegert selbst stellt sich eine Zwei vor der Million vor. Die Entscheidung liegt nun beim Stadtrat. Gemessen an dem, was aktuell für die Finanzierung von Projekten für Kunst im Öffentlichen Raum verblasen wird, ist diese notwendige Bestandserweiterung des Stadtmuseums für München allerdings alternativlos.

Bis zum 20. Mai 2013 im Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1, täglich außer Mo. 10-18 Uhr, Katalog bei Schirmer-Mosel für 49,80 Euro.

 

 

 

Veröffentlicht am: 11.02.2013

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