Roni Horn in Sammlung Goetz

Realität an der Grenze des Wahrnehmbaren

von Roberta De Righi

2008-2009 Farbige und schwarz-weiße Tintenstrahldrucke auf Arches Büttenpapier 30-teilig, courtesy Sammlung Goetz © Roni Horn Foto: Stefan Altenburger Photography Zürich

Wenn man von Island aus aufs Meer blickt, kann man den nördlichen Polarkreis sehen. Das heißt, sichtbar ist er eigentlich nicht, aber dennoch vorhanden. Der Polarkreis sei dort „präsent, aber unsichtbar“ beschreibt die amerikanische Künstlerin Roni Horn die Faszination für ihre Wahlheimat im hohen Norden. Und im Grunde verhält es sich mit dieser Realität an der Grenze des Wahrnehmbaren wie mit einem gutem Kunstwerk: Die Idee ist darin verborgen, wird aber durch die äußere Gestalt spürbar.

Roni Horn hatte ihre erste internationale Einzelausstellung 1980 im Münchner Kunstraum. Ingvild Goetz kaufte seitdem ganze Werkgruppen an, die zusammen nahezu alle Schaffensphasen dokumentieren. Jetzt zeigt die Sammlung Goetz eine von der Künstlerin selbst konzipierte, sehr konzentrierte Präsentation, deren pure und stille Schönheit betört.

Roni Horns Kunst basiert auf ihrer Fähigkeit zur höchst nuancenreichen Wahrnehmung - und offenbart sich in deren sensibler Übersetzung in das Medium von Bild und Sprache. Das Ergebnis sind meist Fotografien, zusammengesetzt zu raumgreifenden Foto-Installationen sowie Text-Skulpturen, Zeichnungen, Texte und Bücher.

Island, wohin es die New Yorkerin seit ihrer Jugend immer wieder zieht, ist dabei auch in vielen Werkzyklen aus dem Besitz der Sammlung Goetz Hauptgegenstand ihrer Wahrnehmungs-Studien. Die Insel ist wie ein Extrakt des Elementaren, in dem sich Landschaft und Witterung, Licht, Luft, Feuer und Wasser in hoher Konzentration und Reinheit verdichten.

Roni Horn Untitled, No.1, 1998 Iris-Print auf Satinpapier, courtesy Sammlung Goetz © Roni Horn Foto: Wilfried Petzi, München

In einer ihrer bekanntesten Arbeiten, der 100-teiligen Fotoserie „You are the Weather“, die zwischen 1994 und 1996 entstand, wird das Gesicht einer jungen Isländerin („Haraldsdottir“) zum Ort, der sich mit dem wechselnden Wetter minimal verändert. Roni Horn zeigt die junge Frau in der Nahaufnahme; diese steht stets in einem der vielen Wasserbecken Islands, doch die Fotografien zeigen nur ihr Gesicht. Nebel, Regen, Schnee oder Sonne werden darin wie in einem Spiegel nur durch die veränderten Lichtverhältnisse spürbar. Verblüffend, dass diese Frau, als die Künstlerin sie zehn Jahre später für ein Buchprojekt noch einmal porträtiert, kaum gealtert erscheint.

Elementar wirken auch Roni Horns frühe Papierarbeiten: „Just“, „That“, „Must“ oder Brooklyn Green“, in denen Farbe und Papier zur Form werden. Subtiler Humor steckt in den Foto-Drucken ohne Titel (1998–2007), die Krähen, Eulen und andere Raubvögel als Bildnisbüsten – allerdings von hinten – zeigen. Diese Tier-Porträts offenbaren eine fast menschlich anmutende Individualität. Dass das Element des Wassers für Horn die größte Bedeutung hat, zeigt auch die Serie „Some Thames“ von 2000, mit Bildern von der Wasseroberfläche der Themse; in allen Erscheinungsformen zwischen Schlackebraun und Eisblau, leicht gekräuselt und wirbelwellig.

Kaum überraschend ist, dass sich Roni Horn immer wieder auf die literarische Einsiedlerin Emily Dickinson bezieht, in deren Werk ebenfalls die Wahrnehmung der Natur im Mittelpunkt stand. So materialisieren sich auch deren Verse in den zartgliedrigen Text-Skulpturen „White Dickinson“ (2007) zu fragilen, aber äußerst ausdrucksstarken Wort-Monumenten.

Sammlung Goetz (Oberföhringer Str. 103) bis 31.8.2013, Do und Fr 14 –18, Sa 11 – 16 Uhr nur nach telefonischer Vereinbarung unter 95939690

Veröffentlicht am: 05.02.2013

Über den Autor

Roberta De Righi

Roberta De Righi ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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