Druckgrafik von Chuck Close bei Thomas Modern

Straßenkarten des Lebens

von Achim Manthey

"Selbstportrait" 2012, Siebdruck in 246 Farben auf Papier (c) Chuck Close, courtesy Galerie Thomas Modern 2012

Eine Ausstellung in der Münchner Galerie Thomas Modern zeigt in einer kleine Werkschau Portraits aus dem druckgrafische Werk des amerikanischen Photorealisten Chuck Close. Es ist eine spannende Schau.

"Alex" schaut verstört, verängstigt und voller Ernst in den Ausstellungsraum. Jede Pore, jede Falte ist auf dem 1993 entstandenen, düsteren, in schwarz und verschiedenen Grautönen vor tiefschwarzem Hintergrund gehaltenen Bild erkennbar. "Roy" (2009/2010), in der gleichen Technik abgebildet, strahlt Hilflosigkeit aus, "Lucas" (2006), nach Frisur und Bart einem Struwelpeter gleich, blickt starr und fixierend auf den Betrachter. Wenn Leben von diesen Bildern ausgeht, ist es kein freundliches.

Die Ausstellung zeigt ausschließlich Portraits, die zwischen 1978 und 2012 entstanden sind. Sie bietet einen umfassenden Einblick in das druckgrafische Schaffen des Künstlers, das eine wesentliche Rolle in seinem Gesamtwerk spielt. Als Vorlage dienen große Polaroidfotografien, die Close (72) von seinen Modellen macht. Durch ein gleichmäßiges Rastersystem überträgt er die Bilder auf eine Leinwand und bearbeitet sie in aufwändigen und langwierigen Herstellungsprozessen. Es entstehen Bilder, die in ihrer künstlerischen Bandbreite von extremem Realismus bis hin zu durch Pixelstrukturen verfremdete Arbeiten reichen.

"Phil (Fingerprint"" 2009, Siebdruck in 25 Farben auf Papier (c) Chuck Close, courtesy Galerie Thomas Modern 2012

Chuck Close wird in Monroe, Washington, geboren. Schon früh wendet er sich der Malerei zu. Eine rechtsseitige Querschnittlähmung infolge eines geplatzten Blutgefäßes an der Wirbelsäule konnte seinem Schaffensdrang nicht stoppen. Mit Schienen, die den Pinsel halten, arbeitet er weiter. Schon 1969 war er auf der Whitney-Biennale vertreten, nahm 1972 und 1976 an der Dokumenta in Kassel teil und stellte 1973 im Museum of Modern Arts in New York aus. Zahlreiche Einzelausstellungen folgten seither, aktuell im Salzburger Museum der Moderne.

Es klingt paradox: Auch wenn die Arbeit in der Druckgrafik viel mit der Verwendung von Rastern und Schablonen zu tun hat, lässt sich Chuck Close nicht in solche pressen. Jenseits aller Trends ist er viel zu experimentierfreudig bei der Anwendung unterschiedlicher Techniken und Stile. Holz- und Linolschnitte, Fingerabdruck-Radierungen und Weichgrundätzungen sind in der Ausstellung zu sehen. In seinen Siebdrucken verwendet er bis zu 246 Farben wie in dem Selbstportrait aus dem Jahr 2012. Erst auf die Entfernung ergeben diese Bilder für den Betrachter ein durch Rasterpunkte gebildetes Gesicht, während in der Nahsicht nur ein amorphes System farbiger Flächen erkennbar ist. Andere Portrais bestehen aus Papiermasse. Für diese Paperworks baute der Künstler ein Gitterrost aus kleinen quadratischen Schablonen. Auf das Bild gelegt und mit Papiermasse in bis zu 22 grauen Farbtönen befüllt ergibt sich die Rasterung des Bildes, wie bei "Keith I-IV" von 1981, "Janet" oder "Lucas".

"Alex" 1992, Holzschnitt in 165 Farben, Ukiyo-e-Technik, auf Papier (c)Chuck Close, courtesy Galerie Thomas Modern 2012

Häufig tauchen die Modelle im Abstand von Jahren auf verschiedenen Bildern in unterschiedlicher Technik wieder auf. Es sind Portraits von Familienmitgliedern, Freunden, Galeristen und Künstlerkollegen zu sehen, darunter Alex Katz und Philip Glass. "Gesichter sind wie Straßenkarten, auf denen man das Leben der Person ablesen kann", schrieb Close einmal. Und immer wieder gibt es Selbstportraits, auf denen sich wie in einer Langzeitbeobachtung über Jahre die Veränderungsprozesse im Gesicht ablesen lassen. Besonders eindringlich zeigt sich das bei einer 2008 entstandenen Mappe mit 25 farbigen Radierungen, in denen die Züge des Künstlers mehr und mehr verschwimmen, sich in Abstraktionen verlieren, um sich dann zum Ende des Zyklus' farbkräftig wieder aufzubauen.

Die sehenswerte Schau erzählt viel über menschliche Gesichter und ihre Veränderungen im Lauf der Zeit. Zuweilen erreicht Chuck Close dies durch bloße Änderung der Technik beim Kunstschaffen. Das Ergebnis ist sehenswert.

Bis zum 16. Februar 2013 in der Galerie Thomas Modern, Türkenstraße 16 in Münchewn, Mo-Sa 10-18 Uhr, Eintritt frei.

Veröffentlicht am: 16.01.2013

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Alexandra M. Hoffmann
08.02.2013 00:44 Uhr

Sehr geehrter Herr Mantey,

mit Staunen habe ich Ihren Artikel über Chuck Close gelesen. Im wesentlichen haben Sie den Text des Faltblattes der Galerie Thomas eins ztu eins übernommen und dabei auch noch einen Fehler übernommen und selbst einen produziert. 1976 hat keine Documenta stattgefunden, sondern 1977. Und Documenta schreibt sich mit "c" nicht mit "k". Beides sollte ein Kunstkritiker eigentlich wissen und mehr noch, sollte er nach persönlicher Betrachtung selbst geistig aktiv werden, statt nut Vorgedrucktes zu übernehmen, um dies dann mit seinem Namen zu zeichnen.

Achim Manthey
30.03.2013 02:04 Uhr

Sehr geehrte Frau Hofmann, mit Staunen haben wir Ihren Kommentar gelesen. Sie haben natürlich vollkommen Recht - was die Schreibweise der Veranstaltung in Kassel (nur am Rande: Documenta schreibt sie sich auch nicht, sondern richtig wohl dOCUMENTA oder jedenfalls documenta) sowie die Jahreszahl betrifft. Das hätte in der Tat beim Redigieren auffallen können und müssen. Ihre Kritik im Übrigen allerdings teilen wir nicht und weisen sie zurück. Mit freundlicher Empfehlung, ama

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