"Paradies: Liebe" von Ulrich Seidl

Ein Film voller hyperrealistischer Wahrhaftigkeit

von Katrin Kaiser

Ein bisschen schüchtern ist der Barmann, aber vielleicht ein guter Lover? (Foto: Neue Visionen Filmverleih)

Mit tollen Darstellern und gewohnter Schonungslosigkeit erzählt Ulrich Seidls "Paradies: Liebe" von weiblichem Sextourismus in Kenia. Der Film ist der erste Part einer Trilogie. Die beiden anderen Teile, "Paradies: Glaube" und "Paradies: Hoffnung", kommen im Frühjahr ins Kino.

Teresa geschäftig in ihrer tristen Küche; Teresa hängebäuchig und in Unterwäsche im Hotelbadezimmer, mit Sagrotan-Spray hantierend; Teresa im Badeanzug am Strand, von einheimischen Schmuckverkäufern belagert.

Unter kenianischer Sonne sucht die 50-jährige Österreicherin, Protagonistin von Ulrich Seidls neuem Film, Abwechslung – und Liebe. Teresas Freundin Inge, die sie begleitet, war schon öfter dort. Sie hält sich am Urlaubsort einen jungen dunkelhäutigen Beachboy und schwärmt von der sexuellen Erfüllung. Dieses Glück soll Teresa jetzt auch erleben. „She wants to become a sugarmama, too“, stellt Inge die Freundin vor.

So richtig will das bei Teresa anfangs nicht klappen, es fällt ihr schwer, sich fallen zu lassen. Bis Munga auftaucht. Der junge Mann vertreibt am Strand die Schmuckverkäufer, die sie bedrängen, und stützt sie, als sie in einen Seeigel steigt. Die Annäherung ist fast romantisch. Schlank und gutaussehend spaziert der Kenianer mit der korpulenten Frau Hand in Hand durch sein Heimatdorf. Im Bett entfaltet er fürsorglich ein Moskitonetz über ihrem üppigen Körper.

Bald wird aber klar, worum es hier eigentlich geht: Munga braucht Geld. Für die angebliche Schwester und ihr Baby, für die Cousine und ihre Dorfschule, für den Vater im Krankenhaus.

Warten auf die Liebe. (Foto: Neue Visionen Filmverleih)

„Ein kenianischer Beachboy findet es normal, wenn er dir binnen weniger Tage weismachen will, wer alles in seiner Familie krank geworden ist, wer alles einen Unfall hatte, einen Schlangenbiss, welcher Bruder an Malaria erkrankt ist oder welche Großmutter gestorben ist“, berichtet Regisseur Ulrich Seidl. Wie bei seinen letzten Filmen hat er bei „Paradies: Liebe“ mit einer Mischung aus professionellen Schauspielern und Laiendarstellern gearbeitet. Die kenianischen Beachboys sind tatsächlich kenianische Beachboys, die österreichischen Sextouristinnen sind Schauspielerinnen. Um die Hauptdarstellerin Margarethe Tiesel zu finden, hat Seidl ein Jahr lang gecastet – ein Aufwand der sich auf jeden Fall gelohnt hat. Ohne Berührungsängste wirft sich die im wahren Leben gutaussehende 53-Jährige in die Rolle der frustrierten Sextouristin, entblößt sich ohne Netz und doppelten Boden, macht sich hässlich in Pose und Verhalten.

Seidl verlangt seinen Darstellern einiges ab, um seine hyperrealistischen, schonungslosen und kraftvollen Bilderreigen entstehen zu lassen. Als Zuschauer empfindet man diese typische Seidl-Authentizität als vergnüglich und schmerzhaft zugleich. Man lacht, und im selben Moment bleibt einem das Lachen im Halse stecken: Genau so etwas gibt es wirklich.

Als Munga sich nach einiger Zeit von Teresa distanziert, stürzt die erst einmal in ein tiefes Loch. Doch die Hemmungen sind gefallen, und bald ist der nächste Beachboy zur Stelle. Teresa wird selbstsicherer, beginnt nachdrücklich einzufordern was sie will.

Zu einer besonders grausamen Szene kommt es an Teresas Geburtstag. Da bringen ihre Sugarmama-Freundinnen einen Stripper auf ihr Hotelzimmer. Auf dem rosa Doppelbett und passenderweise unter einem Tigergemälde schwingt er die athletischen Hüften – mit einer rosa Schleife am Penis. Den wildgewordenen weißen Ladys ist das nicht genug, sie wollen ihre hängenden Brüste an ihm reiben, ihn besteigen. „Wir schaun jetzt, dass er an Ständer kriegt, und wer's schafft, der is Sieger.“ Nur „einistecken“ geht nicht, das kostet nämlich mehr.

"Paradies: Liebe" hatte im Mai 2012 auf dem Festival von Cannes Premiere. (Foto: Neue Visionen Filmverleih)

Seidl erspart dem Zuschauer nichts. Wo andere Filmmacher stilisieren, verkürzen, ausblenden, nimmt sich Seidl besonders viel Zeit, um menschliche Abgründe in ihrem gesamten Ausmaß, in ihrer gesamten körperlichen Hässlichkeit zu zeigen. Er hat seine Ästhetik im Laufe der Jahre perfektioniert. Hat er in seinen frühen dokumentarischen Arbeiten wie „Der Busenfreund“ oder „Tierische Liebe“ ein abstoßendes Bild ans andere gereiht, schafft er nun eine spannende und dramaturgisch schlüssige Narration aus abgründig realistischen Szenen.

Thematisch ist „Paradies: Liebe“ ein Gegenstück zu Seidls letztem Kinofilm „Import Export“ von 2007. Auch da ging es immer wieder um käuflichen Sex, in klassischer Rollenverteilung diesmal: Zwei österreichische Verlierertypen reisen in die Ukraine, um Spiel- und Kaugummiautomaten aufzustellen, und sich zu nehmen, wen man sich für ein paar Euro gefügig machen kann. Junge Ukrainerinnen posieren vor Webcams für österreichische Lüstlinge und lassen sich auf Hotelzimmern von Männern aus dem Westen erniedrigen – weil es eben Geld bringt.

Ganz so düster wie der ukrainische Winter von „Import Export“ ist die Grundstimmung in „Paradies: Liebe“ nicht. Das liegt aber wohl vor allem an der kenianischen Sonne und der verzweifelten Agilität der Beachboys, nicht etwa daran, dass, der Film seinen Protagonisten auch nur den geringstenAusweg aus den Tiefen ihrer kleinen, abgründigen menschlichen Existenz aufzeigen oder auch nur erlauben würde. Am Ende von Teresas Urlaub ist alles wie am Anfang.

Doch so zynisch es klingen mag: Genau diese ungeschönte, ehrliche Darstellung von Trostlosigkeit macht "Paradies: Liebe" so wahrhaftig und so sehenswert.

"Paradies: Liebe", ab 3. Januar 2013 im Kino

Drama, Deutschland, Frankreich, Österreich, 2012, 130 Minuten, Regie: Ulrich Seidl, Darsteller: Margarethe Tiesel, Maria Hofstätter, Inge Maux, Peter Kazungu, Carlos Mkutano, Gabriel Mwarua. Neue Visionen Filmverleih, FSK: 16

 

 

 

 

 

Veröffentlicht am: 02.01.2013

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