Hollerbilder von Gustav Kluge bei Van de Loo

Gespaltener Penis an Holunder

von Achim Manthey

"U 434" 2011, Öl auf Leinwand (Bild: Gustav Kluge, coursesy Galerie Van De Loo Projekte)

Die Ausstellung "Dunkle Materie" der Galerie Van de Loo Projekte in München zeigt eine kleine Werkschau mit Arbeiten des Malers Gustav Kluge. Mit einer sehr speziellen Auswahl.

Das U-Boot dümpelt vor der sich violett spiegelnden Fassade des Springer-Hauses in Hamburg. Lapidar ist das Gemälde mit "U 434" betitelt. Es zeigt das 1976 gebaute, technisch hochgerüstete russische Tauchschiff, das vorwiegend zu Spionagezwecken eingesetzt und vor Jahren von Hamburger Spekulanten erworben wurde, um es als "Legende des kalten Krieges" auszustellen. Umgeben, betupft ist das Boot mit - Holunderbeeren.

Die "Hollerbilder" nehmen im Werk des 65-jährigen Malers Gustav Kluge, der in Hamburg und Karlsruhe lebt und arbeitet, einen besonderen Stellenwert ein. Sambucus nigra, der schwarze Holunder, auch als "Holler" bekannt, ist eine widerstandsfähige, genügsame Strauchart, um die sich mancherlei Legende rankt und dem bis heute besondere Heilkräfte zugeschrieben werden. Im August und September verwandeln sich die weißen Blüten der Pflanze zunächst in giftige rote und schließlich in die violett-schwarzen Beeren, die der Künstler als "schwarze Materie" sieht. Seit 1997 malt Kluge an dem Zyklus seiner "Hollerbilder", von denen in der Regel nur eines pro Jahr entsteht.

"Dunkle Materie" 2012, Öl auf Leinwand (Bild: Gustav Kluge, courtesy Galerie Van De Loo Projekte)

Es ist die Gegenüberstellung von Organischem und Nicht-Organischem, die diese Bilder besonders und durchaus einzigartig macht. "Dragonholler" von 2010 zeigt einen skelettierten Drachenkopf, der - in Holler getaucht - einen überdimensionalen Penis spaltet. "Lichtholler" von 2007 beleuchtet die hingetupften Beeren mit Taschenlampen. Auf einem 2008 entstandenen Bild verschwindet der Holler schlicht in einer mit einer Zange verriegelten Plastiktüte, dieweil die Dreiersteckdose an der Wand im Hintergrund nach Art der drei Affen nichts hört, nichts sieht und nichts spricht. Das Bild "Dunkle Materie" aus dem Jahr 2012, das der Ausstellung den Titel gibt, wird vollends rätselhaft: Auf einer mit schnellem Strich farblich durchsetzten Fläche windet sich ein mit dicker Farbe aufgetragenes weißes Etwas spiralförmig in die Höhe. Auf den serpentinenhaften Windungen quellen die schwarzen Holunderbeeren gleichsam als mehr oder minder homogene Masse.

Das alles ist seltsam und berührend. Die Gemälde sind als Stillleben einzuordnen, einer Gattung der Malerei aber auch der Fotografie, die sich ohnehin stark mit der Materialität der Dinge, ihrem vielfältigen Auftreten und ihrer Morbidität auseinandersetzt. Kluges kräftige Bilder transportieren dies ins Heute, indem die natürliche dunkle Materie, die hier fließt, wogt und wabert, Besitz ergreift von endlich bleibenden Materien - und selbst doch endlich ist.

Bis zum 26. Januar 2013 in der Galerie Van de Loo Projekte, Gabelsbergerstraße 19 in München, Mi-Fr 11-18 Uhr, Sa 11-15 Uhr, Eintritt frei.

Veröffentlicht am: 09.01.2013

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