Fritz Winter und die abstrakte Fotografie

Äußerlich nah, Lichtjahre entfernt

von Roberta De Righi

Prismatische Lichtbrechungen, die Fotografie nahekommen: Winters "Stufungen". Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2012

Als junger Mann sah Fritz Winter die Welt wie durchs Mikroskop und durchleuchtete sie mit Röntgenblick: "Ich blicke ins Innere der Natur, die gleichsam vor meinen Augen transparent wird." Dabei war er kein Wissenschaftler, sondern Maler. Berühmt ist Winter (1905 –1976), Sohn eines westfälischen Bergmanns, der 1927 bis 1930 am Bauhaus studiert hatte und ab 1933 seine Wahlheimat in Bayern fand, vor allem durch den Zyklus "Triebkräfte der Erde". Eine kleine, inspirierende Ausstellung in der Pinakothek der Moderne präsentiert nun das weniger bekannte Frühwerk der "Licht- und Kristallbilder" in Gegenüberstellung mit Foto-Experimenten des "Neuen Sehens".

Zeitgleich zeigt zudem das Dießener Fritz-Winter-Atelier, das Winters Großneffe Michael Gausling betreibt, und seine Depedance im Unteren Schloss Pähl eine Werkschau.

Unter Winters Bauhaus-Lehrern herrschte eine Art "Wettstreit der Künste" zwischen Fotografie und Malerei. Während Moholy-Nagy die unmittelbare Technik der "Licht-Kunst" als überlegen befand, blieben Kandinsky und Klee bei der Malerei. Und auch ihr Schüler Fritz Winter ließ sich nie davon abbringen. Das Staunenswerte an seinen frühen Bildern ist, wie nah sie formal der Fotografie kommen, inhaltlich aber doch einen viel weiteren Raum eröffnen. Sie stammen alle aus der Zeit zwischen 1934 und 1936, als Winter zunächst in Allach und später in Dießen am Ammersee lebte. Dort versuchte der 1937 als "entartet" gebrandmarkte Künstler die NS-Zeit in "innerer Emigration" zu überstehen - ehe er zum Kriegsdienst eingezogen wurde, und wohin er erst 1949 aus russischer Gefangenschaft zurückkehrte.

Fritz Winters "Weiß in Schwarz". Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2012

Ob seinen Gemälden eigene Foto-Experimente vorausgingen, ist nicht bekannt. Darum setzt die Schau "Fritz Winter und die abstrakte Fotografie" auf Assoziationen, die das Zeit-Phänomen der künstlerischen Auseinandersetzung mit Licht zeigen - als eben auch Röntgen- und radioaktive Strahlen entdeckt worden waren. Man findet bei Winter viele prismatische Lichtbrechungen und kristalline Strukturen, ob in "Kristalle", "K34" oder "Stufungen". Da scheinen Alfred Erhardts großformatige Kristall-Fotografien tatsächlichnahe und Alvin Langdon Coburns "Vortographen", bei denen er mit Hilfe von Spiegeln und Lichtquellen das Fotopapier direkt belichtete. Doch in Winters "Lichtsäulen" oder "Kristalline Komposition ins Schwarz, Russischgrün und Weiß" offenbaren sich vor allem Anklänge an Feininger und Klee. Denn Winter hat den transzendierenden Blick, den er in einen beseelten Mikro- und Makrokosmos lenkt.

Fotogramm von László Moholy-Nagy. Foto: Artists Rights Society (ARS), New York / VG Bild-Kunst, Bonn 2012

Eine faszinierende Entdeckung ist sein Entwurf für die Rotunde im Essener Folkwang-Museum: ein abstrakter Reigen aus neun Bildern mit Licht-Strukturen in Grau- und Brauntönen. Eigentlich eine Frechheit: Sie sollten die Wandgemälde von Winters Bauhaus-Lehrer Oskar Schlemmer ersetzen. Und obwohl der Jungspund dies wusste, und ebenso, dass der neue Direktor das reaktionäre Kunstverständnis der Nazis propagierte, lieferte er Kartons, die auch heute noch fantastisch modern wirken. Ein Bekenntnis? Eine Torheit?

In der Schau werden Fritz Winters Kartons konfrontiert mit Moholy-Nagys Fotogrammen, für die er direkt auf dem Fotopapier mit Gegenständen und Licht experimentierte. Und hier wird wiederum deutlich: Auch das wirkt äußerlich nah, liegt aber im tiefen Inneren Lichtjahre entfernt.

Pinakothek der Moderne, bis 17. Februar, Di – So 10 bis 18, Do bis 20 Uhr, Katalog 28 Euro; Fritz-Winter-Atelier (Am Forstanger 15a, Dießen, www.fritz-winter-atelier.de), Do - Sa 14 bis 18, So 11 bis 18 Uhr

Veröffentlicht am: 11.11.2012

Über den Autor

Roberta De Righi

Roberta De Righi ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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