Wim Vandekeybus bei Dance 2012

Ein Geschichtenerzähler, dem die Geschichten nicht gehorchen

von Jan Stöpel

Kurz vor der Menschenjagd: Jerry (rechts) und seine Jagdgenossen. Foto: Pieter Jan de Pue

In welchem Film sind wir eigentlich? Die Frage liegt auf der Hand, angesichts der Bilderflut, mit der Wim Vandekeybus' "Monkey Sandwich" das Publikum  in der Muffathalle  forderte, man kann auch sagen: überforderte.

Es ging um Film und Theater, um Zeichen, Bilder und Mythen, und jedes Element allein hätte einen Zuschauer mit Enträtseln auf Trab gehalten. Auf jeden Fall hätte man mit dem Film genug zu tun gehabt, mit all den Geschichten, die er erzählte über einen Geschichtenerzähler, dessen Geschichten sich verselbständigen, um ihren Herrn und Meister, diesen Demiurgen, vor ultimate Fragen zu stellen: Was ist denn eigentlich auf der anderen Seite? Entdeckt man da den am Berg verschollenen Vater erstarrt in einer Gletscherspalte? Oder immer nur sich selber?

Total entgrenzter Regie-Wahnsinn (Foto: Danny Willems DEF)

Der Film beginnt in der Lügenanstalt schlechthin, im Theater. Jerry Killick spielt da einen  genialen Regisseur, er macht das herausragend gut, und man ist sofort drin in dieser Geschichte, im Zickenkrieg der Schauspieler, im total entgrenzten Regie-Wahnsinn: Hat Jerry wirklich gerade von einem Schauspieler verlangt, eine Schauspielerin zu essen? "Aber ich spiele doch nur einen Mörder", stammelt der total überforderte Schauspieler. Was ist wahr, was wird nur behauptet? In der nächsten Episode wird Jerry ein Ingenieur sein, ein Schöpfer einer vorgetäuschten Welt, die in einer Katastrophe untergeht. Er wird dann auf Menschenjagd gehen, er wird schließlich  die Hauptrolle spielen in seinem eigenen Schreckensmythos, er wird ganz am Ende seinem Vater begegegnen, an einem Loch im Eis sitzend.

Kurz vor Ende der ersten Episode findet sich Damien Chapelle auf der Bühne ein, leibhaftig. Sein herausragendes tänzerisches Element wird es sein, eine Eisensäule zu erklimmen, auf winziger Fläche das Gleichgewicht zu halten und dabei zu versuchen, mit den Ebenen des Films Kontakt aufzunehmen. Manchmal kehrt er in die Ursuppe zurück, man sieht ihn, wie er in einem Glaskubus voll Wasser schwebt.  Er ist ein Fremder in der Welt, ja, aber wer ist er genau? Jerrys ungeborener Sohn? Sein Alter Ego? Wir werden am Ende nicht schlauer sein.

Rückkehr in die Ursuppe  (Foto: Danny Willems DEF)

Weil Jerry, der Regisseur, von Pygmalion in einer Schweinestadt erzählt, krabbelt Chapelle auf der Bühne umher, grunzend: Aus den Zeichen des Films versucht er sich offenbar eine Welt zu bauen. Ab und zu murmelt er, dann schreit er wieder. Man versteht den Text nicht, ganz am Ende erst kommt man drauf: Dieser Kaspar Hauser spricht eine Langspielplatte nach, die er allerdings auf Single-Geschwindigkeit angehört hat - das Märchen von der Grille und der Ameise.Meistens spielt er etwas aus dem Film nach, auch sein Stehen auf der Säule ist ein Zitat: Ein Mann lässt seinen kleinen Sohn auf seiner Hand stehen und erzählt eine Geschichte von einem alten, weisen Mann im Körper dieses kleinen Jungen.

Retten schöne Bilder eine Performance?  Man steht vor einem wirren Haufen Puzzleteile, und weiß noch nicht mal, was das Puzzle eigentlich darstellen soll. Nun wird ohnehin zu viel analysiert am Theater, alles muss verstanden werden, dabei sollte man doch Theater auch sinnlich erleben können. Das gelingt bei Monkey Sandwich nur phasenweise, und das vor allem wegen der wirklich guten Schauspieler im Film. Zu wenig Atmosphäre, zu viel Denksport: Mit diesem spröden, langen Abend ist Dance in der Rätselecke angekommen.

 

Veröffentlicht am: 01.11.2012

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