Fotografien von Oliver Mark

In Träume entrückt auf zerwühlten Laken

von Achim Manthey

"Umberto Eco's Bett", Mailand 2011 (c) Oliver Mark, courtesy Galerie Clair

Die Ausstellung "Oliver Mark - shuteye" in München präsentiert Portraitaufnahmen und andere Arbeiten des Fotokünstlers. Sie führen in nahe Traumwelten.

Heinz Berggruen hat die Augen geschlossen und lächelt weise in sich hinein vor einem Gemälde im Hintergrund. Louise Bourgeois, ihr Haupt mit dem durch Leben und Alter faltenzerfurchten Gesicht beidseits durch Mittel- und Zeigefinger gestützt, die Augen halb geschlossen, ist in Gedanken entrückt. Oliver Mark zeigt die - immer prominenten - Menschen auf seinen Portraitaufnahmen mit fast oder ganz geschlossenen Augen in intimen, fast wehrlosen Momenten. Nicht hinzusehen, sich dem Augenblick, der Inszenierung der Fotografen, der gern auch als "stiller Regisseur" bezeichnet wird, hinzugeben, braucht besonderes Vertrauen zwischen Modell und Künstler. Diese Basis herzustellen gelingt dem Fotografen auch bei Menschen, die selbst nur ungern vor der Kamera posieren. Jörg Immendorf zum Beispiel, der auf dem beklemmend schönen Bild von 2005 mit Oda Jaume und Tochter in seinem Düsseldorfer Atelier zu sehen ist, neben sich eine Trittleiter, die er, schon im Rollstuhl nicht mehr erklimmen kann. Aber er scheint davon zu träumen. Allerdings entgleitet hier die Inszenierung, denn der erschreckte, fragende, erstaunte Blick der Tochter auf den scheinbar schlafenden Künstler ist auf Befehl abzurufen. Das Motiv zieht daraus seinen besonderen Reiz.

Jenny Holzer (Hände), Leipzig 1995 (c) Oliver Mark, courtey Galerie Clair

Oliver Mark, 1963 in Gelsenkirchen geboren, spielt gern mit Schein, Traum und Pose der Protagonisten in seinen Fotos. Seit mehr als 15 Jahren arbeitet er für Magazine wie Stern, Zeitmagazin, Rolling Stone oder Vogue. Über 700 Fotos von Personen der Zeitgeschichte sind so entstanden. Mark hält Vorlesungen an der Fachhochschule Hannover und Schulungen im Bundespresseamt. Seine Arbeiten waren bislang in zahlreichen Ausstellungen zu sehen. Er lebt in Berlin.

"shuteye". Der Titel der Ausstellung lehnt sich an Stanley Kubricks Film "Eyes wide shut" von 1999 an, dieses Wechselspiel von Traum und Wirklichkeit, von Ver- und Enthüllung, wie es Schnitzler in seiner "Traumnovelle" gezeichnet hatte. Die in der Ausstellung ebenfalls gezeigten Bilder von Skulpturen und Büsten, die im Fundus der Alten Nationalgalerie der staatlichen Museen zu Berlin entstanden sind, korrespondieren mit den Portraits. Aber Mark entromantisiert hier: Die Kunstwerke, die noch mit ihren Archivnummern versehen sind, erscheinen weggeworfen, in die Ecke gelegt, vergessen. Und ruhen doch in sich. Die Grenze zwischen Stein und Leben verschwimmt.

Louise Bourgeois, New York 1996 (c) Oliver Mark, courtesy Galerie Clair

Ein dritter Abschnitt der Schau widmet sich Räumen, innen und außen, an Land und unter Wasser. Auf beklemmende Weise interagiert das 2011 in den Beelitzer Heilstätten entstandene Bild "OP I" mit dem 2007 aufgenommenen Foto "Berlin Apartment": Hier ein aufgelassener Operationssaal mit rostiger Liege, ausgeweideter Operationslampe und Graffiti auf den Kacheln, dort eine elegante Liege mit moderner Leuchte und Teegedeck auf einem Tischchen und Blick ins Nebenzimmer, eine Ausnahme wie aus einem Hochglanz-Architekturmagazin. Dass abgebildete Räume eigene Portraits sein können, beweist das 2011 in Mailand aufgenommene Foto "Umberto Eco's Bett": Intellektuell zerwühltes Laken, darauf Lesestoff und der halb gepackte Koffer des eiligen Denkers.

Die Ausstellung zeigt eine neuzeitliche Sicht auf sehr persönliche, verschlossene Welten. Das macht sie sehenswert.

Bis zum 17. November 2011 in der Galerie Clair, Franz-Joseph-Str. 10 in München, Mi-Sa 15-19 Uhr, Eintritt frei.

Veröffentlicht am: 07.11.2012

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