Nazi-Propagandaplakate im Stadtmuseum

Inszenierung der Diktatur im Straßenbild - Braun bis in den Untergang

von Achim Manthey

Carl Franz Bauer, Veranstaltungsplakat zum "9. November", 1933 (c) Münchner Stadtmuseum

In der fulminanten Ausstellung "Typographie des Terrors - Plakate in München 1933 bis 1945" zeigt das Stadtmuseum die visuellen Erscheinungsformen des Nationalsozialismus auf Plakaten vom Anfang bis zum Ende.

Ein Sommerkleid von Horn, bunt, fröhlich, leicht und elegant. Das Werbeplakat des damaligen Bekleidungshauses am Stachus, entworfen und gehängt schon zu frühen Kriegszeiten, war für lange Zeit eines der letzten, das sich dem düsteren Einheits-Braun der Parteiwerbung entgegenstellte.

Schon früh hatten die Propagandisten der NSDAP Strategien für ein visuelles Erscheinungsbild, abgestimmt in Typographie, Schrift und Bild, entwickelt. Für das "Corporate Design"bot sich München als "Hauptstadt der Bewegung" als ideologisches Zentrum der Partei wieder einmal an. Vor 1933 war der Außenauftritt der Partei, geprägt durch Plakatgrafiker wie Felix Albrecht und Hans Schweitzer, bewusst martialisch und radikal. Das änderte sich mit der Machtergreifung Hitlers für kurze Zeit. Die Wirtschaftslage war schlecht, die Bevölkerung darbte. Mit den Plakaten sollten Erlösungshoffungen geweckt werden. Schlagworte wie "Arbeit" und "Nicht spenden. Opfern!" appellierten an Zusammenhalt der Menschen. Daneben versuchte sich die Nazi-Partei als konsensfähig, volksnah und staatstragend darzustellen.

IV. Olympische Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen 1936, 1934 (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2012

Hitler wurde als "der Mensch und Führer" abgebildet, die rotwangigen Mädels  im Bund deutscher Mädchen in der Hitlerjugend schwenken fröhlich Hakenkreuz-Fahnen oder schultern Spaten, während sie mit rechts "den Führer grüßen". Bauern und Handwerkerwerden direkt angesprochen und glorifiziert. An die Scholle und den Hobel für den Führer!

Mehr als 100 Plakate sind in der Münchner Ausstellung zu sehen. Sie dokumentieren die zunehmende Gleichschaltung und Verflechtung von Politik, Kultur, Sport und Wirtschaft. Martialisch wird des 9. November1923 gedacht; natürlich nicht des Scheiterns von Hitlers Putsch, sondern der beim Marsch auf die Feldherrenhalle ums Leben gekommenen Mitläufern. Die IV. Olympischen Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen werden mit einem Skiläufer, der den "Hitlergruß" zeigt, beworben auf dem von Ludwig Hohlwein gestalteten Plakat. Und die neuen Herren eingeführter "arisierter" Geschäfte in München waren sich nicht zu schade, sich in ihrer Werbung an die Erfolge der vormals jüdischen Besitzer anzuhängen: Johann Konen warb mit dem Zusatz "vormals Bach", um die angestammte Kundschaft zu halten.

Ernst Böhm, Herrenmode im "arisierten" Kaufhaus "Johann Konen vormals Bach", 1937 (c) Münchner Stadtmuseum

Bei der Plakatgestaltung war den Nazis das Schriftbild besonders wichtig. 1935 gab es eine Ausstellung zur Geschichte der Frakturschrift als der "Schrift der Deutschen". Bis 1938 entstanden zahlreiche neue Schrifttypen, die eine Vergröberung der Fraktur vornahmen und so Begriffe wie "Volksnähe" und "Deutschtum" suggerieren sollten - und doch nur Gewalt und Vernichtung unterstrichen. Das alles hielt nicht lange. Hitlers Schrifterlass vom 3. Januar 1941 machte alles Vorangegangene zur Makulatur: Die "wertende Antiqua" wurde zur Normalschrift erklärt, was faktisch einem Verbot der Frakturschrift gleichkam. Die Ausstellung widmet dem Thema breiten Raum.

Mit Ausbruch des Krieges verdüsterten sich die Bilder. Verhetzende Darstellungen "des ewigen Juden", der mit verschlagenem Gesichtsausdruck auf das Geld in seiner Hand schielt und unter dem Arm den Umriss der bolschewistischen Staaten trägt, werden zum Sündenbock für alles, was der vermeintliche "GröFaZ" anzettelte. Gegen die "Raubstaaten" wie England, die USA oder die Sowjetunion wurde agitiert. In nicht zu überbietender Weise zynisch ist eine Plakatreihe, auf der unter dem Titel "Verjudet..." die angeblich schädlichen, kriegstreiberischen Einflüsse jüdischer Bürger in Amerika auf Rüstung, Wirtschaft, Film, Kultur und Presse angeprangert werden.

Rainer Fluhme, Reichsstraßen-sammlung für das "Winterhilfswerk des deutschen Volkes", 1941 (c) Münchner Stadtmuseum

Als das Ende nicht mehr aufzuhalten ist, tauchen die Durchhalteparolen auf. SS, SA und Wehrmacht erhalten den Heiligenschein. Appelle an den Widerstandswillen und Kampfgeist der Bevölkerung rufen zum letzten Aufbäumen gegen das Unvermeidliche auf. Fast weinerlich wirken die Aufrufe zu Spenden an die Frontsoldaten: "Die Heimat zeigt wieder ihr goldenes Herz", heißt es auf einem Plakat.

Die Ausstellung endet mit dem schlichten Anschlag der "Münchner Neuste Nachrichten", der über Kapitulation und Kriegsende informiert.

Die mächtige Schau bietet starken Tobak. Der Besucher muss - auch 67 Jahre nach dem Ende des braunen Terrors - dicke Klöße im Hals in Kauf nehmen. Eine Analyse, welche Auswirkungen die plakatierte Propaganda auf die Bevölkerung nicht nur Münchens hatte, findet nicht statt. Sie war nur ein Mosaikstein in der brauen Infiltration, könnte sogar, betrachtet man die Fotografie Karl Hubbuchs aus der Provinz jener Zeit, gering gewesen sein. Die Ausstellung ist wichtig, lehrreich und uneingeschränkt zu empfehlen.

Bis zum 11. November 2012 im Münchner Stadtmuseum, St--Jakobs-Platz 1, täglich außer Mo vom 10-18 Uhr. Ein üppiger Katalog zur Ausstellung ist im Kehrer Verlag erschienen.

 

 

Veröffentlicht am: 19.10.2012

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