Ein Schaufenster für Kunst in München

von Achim Manthey

Sandrine Nicoletta, Il monte analogo, 2004

Ohne viel Aufhebens darum zu machen hat die UniCredit Group am Viktualienmarkt in München einen neuen Kunstraum installiert und bespielt ihn mit Werken des italienischen Kunstprojekts "Acrobazie".

Das Kunstprojekt "Acrobazie" wurde 2004 von der Kunsthistorikerin und Kritikerin Elisa Fulco in der Lombardei entwickelt, die auch als Kuratorin der Münchner Ausstellung fungiert. Ausgangspunkt des Projekts ist die Zusammenarbeit der Künstler des Malerateliers Adriano e Michele mit jungen italienischen Künstlern im Rahmen jährlich veranstalteter Workshops. Die Besonderheit liegt darin, dass das Atelier seit 1996 in den Räumen des psychatrischen Krankenhauses San Colombano al Lambro in der Provinz Mailand untergebracht ist. Die Gastkünstler schlagen für die Workshops jeweils eigene Themen vor, die sie unter Anleitung der Künstler des Ateliers gemeinsam mit den Patienten der Klinik erarbeiten.

Zum ersten Mal außerhalb Italiens, ja außerhalb des Ateliers und des Krankenhauses, werden in der Münchner Ausstellung nun mehr als 200 Werke vorgestellt, die von 2004 bis 2009 in den Workshops des Kunstprojektes entstanden sind. Um zu versinnbildlichen, dass die Kunstwerke erstmals auf Reisen gegangen sind, wurden als konzeptionelles und gestalterisches Motiv der Ausstellung fünf Verpackungskisten gewählt, die die Ausstellungsräume dominieren.

In dem ersten Workshop 2004 arbeitete die aus Bologna stammende Künstlerin Sandrine Nicoletta zum Thema Gleichgewicht. Damals entstand auch der Name "Acrobazie" für das Kunstprojekt, als Nicoletta eine Performance mit zwei Akrobaten schuf, um die Anmut des Gleichgewichts und das Risiko des Absturzes zu zeigen. Die Münchner Ausstellung zeigt neben digitalen Zeichnungen der Künstlerin auch das Lichtbild "Il monte analogo" (Der analoge Berg).

2006 arbeitete Marcello Maloberti sechs Monate lang zum Thema Anteilnahme. In der Ausstellung sind zwei Arbeiten im Collagestil sowie ein Video Set zu bestaunen.

Flavio Favelli, Itavia, 2009

Sara Rossi leitete die dritte Edition 2007. Während ihres einjährigen Aufenthaltes befasste sie sich mit dem Thema Fließen und versuchte, durch Fotografien, Texte, Zeichnungen, Videos und Videoinstallationen den fließenden Übergang zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Gesundheit und Krankheit aufzuzeigen. In der Ausstellung ist die Videoinstallation W o l'isola fuoco (W oder die Insel des Feuers) und eine Montage aus Karten mit dem Titel Carosello zu sehen.

Utopie war das Thema, mit dem sich Francesco Simeti 2008 in der vierten Edition des Kunstprojektes befasste. Es entstand Volatili, eine chorale Installation aus Tapeten, die Arbeiten der Künstler des Ateliers zeigt, die von deren Träumen und Projektionen erzählen. Die Tapete ist in der Ausstellung anzusehen.

In der fünften Edition von Acrobazie im Jahr 2009 widmete sich Flavio Favelli dem Thema Identität, die er an einem Markenzeichen festzumachen sucht, das entweder beim Erkennen helfen und dem Künstler eine Identität verleihen  - oder aber auch zu Missverständnissen, zu Verunsicherungen führen kann. In der Ausstellung ist ein Tuch mit dem Titel Itavia zu sehen, das an Taten und Untaten Italiens erinnern will, zu denen der Künstler auch den Absturz einer Maschine der Fluggesellschaft Itavia in der Nähe von Ustica rechnet. Daneben zeigt die Ausstellung das Detail einer Rauminstallation, die unter dem Titel Studiolo da esposizione (Kleiner Ausstellungsraum) für die Räume der Klinik San Colombano entstanden war.

Daneben werden in der Ausstellung eine Vielzahl von Werken gezeigt, die von Patienten der Klinik in ihrer Genesungszeit unter Anleitung der Atelier- und Gastkünstler geschaffen wurden.

Die Ausstellung beeindruckt, macht Spaß und kann uneingeschränkt empfohlen werden. "Acrobazie" versucht, "die Grenzen zwischen 'Außenseiter-Kunst' und etablierten Kunstformen aufzulösen und Vorurteile gegenüber behinderten Menschen" abzubauen. Dass dies gelingt, lässt sich in dem neuen Kunstraum nachvollziehen.

Der Kunstraum am Viktualienmarkt (Foto: Achim Manthey)

Spannend soll es auch nach Ende der Ausstellung mit dem Kunstraum weitergehen.

Zunächst befristet auf ein Jahr soll Künstlern Raum und Gelegenheit geboten werden, ihr Werk vorzustellen, temporäre Installationen zuzulassen oder sich öffentlich bei ihrem Schaffensprozess über die Schulter schauen zu lassen. Atelier oder Studioraum soll dem jeweiligen Künstler für höchsten zwei Monate zur Verfügung stehen, danach wird gewechselt. Der Initiator dieser Aktion will auf diese Weise den Diskurs zwischen der Kunst und ihrem Publikum fördern. Es wird interessant sein zu beobachten, ob dies gelingt.

Daneben werden in den Räumen des vor wenigen Wochen eröffneten Kunstraums turnusmäßig auch Werke aus dem umfangreichen Fundus der Sammlung HypoVereinsbank ausgestellt.

Nicht auszuschließen, dass die Stadt hier ein neues kulturelles Kleinod erhält, auf das sie sich freuen kann. Der Anfang weckt Interesse, Hoffnung und Erwartung.

Die Ausstellung ist noch vom 4. bis 15. Januar in dem UniCredit Kunstraum am Viktualienmarkt, Utzschneiderstraße 7/Eingang Reichenbachstraße 3  in München jeweils Dienstag bis Samstag von 14 bis 20 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei. Zur Ausstellung ist ein Katalog erhältlich. Interessierte Künstler können sich mit ihrem Konzept unter kunstraum@unicreditgroup.de bewerben.

Veröffentlicht am: 04.01.2011

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