Malerei und Skulptur bei Wimmer

Samtene Akte und eiserne Ladies

von Achim Manthey

Mica Knorr-Borocco "Esperanza" (Foto: Nicole Unger)

Die Ausstellung "Das Ewige im Jetzt" in München wagt eine Gegenüberstellung der vielfältige Malerei von Mica Knorr-Borocco mit den den schroff-filigranen Eisenskulpturen von David Werthmüller - und gewinnt damit.

Venedig stirbt. Die in melancholischem Blau-schwarz gehaltenen Arbeiten aus dem Venedig-Zyklus von Mica Knorr-Borocco zeigen die Trauer über den wohl unvermeidlichen Untergang dieser einst so mächtigen Stadt. Gleichzeitig vermitteln sie durch die collagenhaft eingearbeiteten Zeitungsausschnitte ("La Serenissima") und Programmhefte ("Theatro Veneziano"), deren Aktualität längst verloren ist, die Schnelllebigkeit unserer Zeit. "Visconti's Traum", so der Titel des dritten Bildes dieser Reihe, hat sich nicht erfüllt.

Ganz anders kommen die in zarten Pastelltönen gehaltenen Akte daher: luftig, leicht, samtig bildet die Künstlerin moderne Frauen ab wie die "Rothaarige", die sich mit nichts an als weißen Baumwollstrümpfen hinschmiegt und tagträumt.

Das Werk von Mica Knorr-Borocco, die in Konstanz geboren wurde, ist umfangreich und vielfältig. Die gelernte Grafikerin hatte seit 1976 zahlreiche Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland. Sie lebt und arbeitet in Utting am Ammersee.

Ganz stark sind die farbkräftigen Landschaftsgemälde in Acryl wie "Isla del Fuego (Lanzarote)", "Roseninsel" oder "Vor dem Wind". Die Künstlerin spielt hier mit unterschiedlichen Stilen, kombiniert Abstraktion mit kubistischen Elementen und erzeugt durch die reliefartige Struktur in sich stimmige Brüche. Mit leicht hingeworfenen Strichen und nur zarter Kolorierung in Pastell angedeutet hingegen transportieren die Figuren in "Vor dem Auftritt" oder in der Reihe "Karneval" Konzentration oder Heiterkeit.

David Werthmüller "Hockende" Nr. 12'100 (Foto: Fotoatelier Bernhard Haldemann, Schweiz)

Dem stehen die schroffen und doch filigranen Eisenplastiken des Schweizers David Werthmüller gegenüber. Meist sind es Frauenfiguren, die der Künstler nach und nach aus Eisenstücken aufbaut, die zuvor mit der Gasflamme bei mehr als 1500 Grad  geschmolzenund dann wieder zusammengefügt werden. Kein Wunder, dass es in seiner Werkstatt ständig wallet und brodelt und brauset und zischt.

In Lebensgröße ist eine hockende Afrikanerin zu sehen, die Hände ausgestreckt, darin ein mit schwarzem Pulver gefülltes Gefäß, das auch ein zweckentfremdeter Stahlhelm sein könnte. Das Motiv der Hockenden kommt in unterschiedlichen Formaten immer wieder vor. Starke Einflüsse afrikanischer Kunst sind erkennbar.

David Werthmüller wird 1969 in Bern geboren. Einer vierjährigen technischen Berufsausbildung schließen sich Aufenthalte in Algerien, Marokko, Niger und Nigeria an. Seit 1998 ist er als Eisenplastiker und Zeichner tätig. Er lebt und arbeitet in einem Dorf nahe Bern.

Ein Bezug der Arbeiten des Künstlers zum Werk Alberto Giacomettis ist unverkennbar. Die Bronzen des Letzteren sind mit der Hand geformt - was Werthmüller tunlichst unterlässt - und wirken spröder, maskuliner. Werthmüllers Arbeiten sind feminin: Seine Frauengestalten haben trotz der rauhen Haptik schlanke Glieder, ausgeprägt weibliche Formen und elegante, geschmückte Hälse.

Im Gegensatz dazu stehen Werthmüllers - teilweise raumgreifende - sichelförmigen Boote mit kleinen, kupferköpfigen Besatzungen. Sie wirken wie Strafgaleeren, deren anonymisierte Ruderer in Richtung Hades steuern.

Die gelungene Schau ist in Münchens ältester noch existierender Galerie - gegründet 1825 als Hofkunsthandlung und seit 1869 in demselben Haus - zu sehen. Sonst mehr der Klassik verschrieben schafft die Galeristin Christine Rettinger den Sprung in die Moderne.

Bis zum 15. Oktober 2012 in der Galerie Wimmer, Brienner Str. 7, Mo-Fr. 10-18 Uhr, Sa 10-16 Uhr, Eintritt frei. Zu David Werthmüller gibts einen kleinen, preiswerten Katalog.

 

Veröffentlicht am: 06.10.2012

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