Thomas Ruff auf Marsexpedition

Bearbeitete Weltraumbilder zwischen Faszination und Spielerei

von Achim Manthey

ma.r.s. 09_I 2012 (c) Thomas Ruff VG Bild Kunst Bonn 2012, courtesy Galerie Rüdiger Schöttle

Eine Ausstellung in München zeigt zehn Arbeiten des Fotokünstlers Thomas Ruff aus der Reihe "ma.r.s." Ein Spiel mit Farben und 3D.

Feinste Äderchen bilden eine Vielzahl kleiner Geschwüre auf der Oberfläche auf dem düsteren Bild, das an eine Aufnahme aus dem Inneren eines Körpers erinnert, die in einem Sektionssaal entstanden ist. Krater, Berggrate, Täler und trockene Flussläufe erscheinen in Sepia, metallischem Grau-blau oder giftigem Gelb. Nachtgespenstern gleich wabern weiße Dünen mit schwarzen Zugen durch das Bild, driften sich verdichtend nach linksunten ab ins Nichts.

Seit 2010 entsteht Thomas Ruffs jüngste Bilderserie "ma.r.s.", aus der die Galerie Rüdiger Schöttle in München nun einige Beispiele zeigt. Basis der Arbeiten sind über die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa publizierte, öffentlich zugängliche Aufnahmen, die von der Raumsonde "Mars Reconnaissance Orbiter" seit 2005 zur Erde gefunkt werden.

ma.r.s 07_II 2012 (c) Thomas Ruff VG Bild Kunst Bonn, 2012, courtesy Galerie Rüdiger Schöttle

Der Künstler sichtet das Material zunächst ganz subjektiv und unter ästhetischen Gesichtspunkten. Durch die Bearbeitung entstehen großformatige Bildausschnitte, die dem Betrachter durch perspektivische Manipulation und Kolorierung suggerieren können, er befände sich im Landeanflug auf unseren Nachbarplaneten. Bei anderen Arbeiten löst Ruff die Einzelheiten der Vorlage völlig auf, lässt monochrome, nur durch einzelne Farbgebungen oder Schattierungen unterbrochene Flächen entstehen, die wie surrealistische Gemälde daherkommen.

3D-ma.r.s. 03 2012 (c) Thomas Ruff VG Bild Kunst Bonn, courtesy Galerie Rüdiger Schöttle

Thomas Ruff wird 1958 in Zell am Harmersbach im Schwarzwald geboren. Von 1977 bis 1985 studiert er bei Bernd und Hilla Becher Fotografie an der Düsseldorfer Kunstakademie, wo er 1999 selbst eine Professur erhält und bis 2006 die sogenannte "Becher-Klasse" für Fotografie leitet. Ein Kind der "Düsseldorfer Schule" also. Er beginnt klassisch, konzeptionell mit Serien von räumlichen Innenansichten, Portraits und Gebäuden, in denen er zunächst die von den Bechers vorgegebenen Standardisierungen folgt, aber schon in der 1990er Jahren erste Nachbearbeitungen am Computer vornimmt. Nachtaufnahmen und Stereo-Fotografie schließen sich an - und zunehmend die Verwendung von Fremdmaterial. Ab 2008 entststeht die erste Reihe von Bildern unter Verwendung von Nasa-Material: "Cassidi", benannt nach der gleichnamigen Raumsonde, die um den Saturn kreist. Ruff zählt heute zu den weltweit bedeutendsten und erfolgreichsten Fotokünstlern. Im Frühjahr dieses Jahres wurde er im Haus der Kunst mit einer umfassenden Übersicht, die bewusste nicht Werkschau genannt werden sollte, geehrt.

Nun ist also der Mars dran. Die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten können durch ihren Detaillreichtum einerseits und die bis zur Diffusion reichenden Auflösung andererseits faszinieren. Neu sind vier Aufnahmen in 3D-Technik, die der Betrachter unter Zuhilfenahme entsprechender Brillen bewundern kann. Da springen einem Felsen entgegen, da tun sich Tiefen auf, die den Betrachter in die Mitte eines Kraters reißen. Das ist sicher ein Seherlebnis, aber mehr als Spielerei ist das nicht.

Man muss mit fotografischen Highperformern wie Ruff oder Gurski nicht unbedingt etwas anfangen können. Die Münchner Schau lohnt das Hingehen: Um sich zu begeistern oder sich in seiner Ablehnung zu bestätigen.

Bis zum 3. November 2012 in der Galerie Rüdiger Schöttle, Amalienstraße 41 in München, Di-Fr 11-18 Uhr, Sa 12-16 Uhr, freier Eintritt.

Veröffentlicht am: 26.10.2012

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