Storyboards im Kunstfoyer

Vom Wort über die Zeichnung zum bewegten Bild - wie Filme entstehen

von Achim Manthey

Apocalipse Now, Francis Ford Coppola 1979 (Bild Dean Tavonralis/American Zoetrope Films, San Francisco)

Eine fulminante Ausstellung zeigt an zwanzig Beispielen von Hitchcock bis Spielberg die Entstehung von Filmklassikern - zu erleben nur noch bis diesen Sonntag (16. September. 2012). Dabei sieht man: Ohne Stift und Pinsel geht es auch im digitalen Zeitalter nicht.

Wie überdimensionale Insekten, gebildet aus Stahl und Glas, kommen die Helicopter hinter der Bergsilhouette hervor und fliegen mit dem knatternd-knallenden Geräusch ihrer Rotoren in Dreier-, Vierer- oder Fünfer-Formationen auf das Kinopublikum zu. Jeder erinnert sich an die Sequenzen aus dem Vietnam-Kriegfilm "Apocalypse Now" von Francis Ford Coppola von 1979.

Das, was man da sieht, entspringt aber nicht den plötzlichen Eingebungen des Regisseurs am Set. Die Arbeit beginnt lange vor Drehbeginn. Wenn das Drehbuch da ist, beginnt die Stunde der Zeichner. Es entstehen die Storyboards, angesiedelt zwischen künstlerischem Entwurf und technischer Zeichnung, in denen ganze Szenen, Kamerabewegungen und -einstellungen in gezeichneten Einzelheiten festgehalten werden. Häufig sind es Comic-Zeichner, denen diese Arbeit übertragen wird. Es entstehen feine Zeichnungen mit Bleistift oder Tusche ebenso wie farbkräftige Aquarelle oder Arbeiten mit Bunt- oder Filzstift. Akribisch werden die Szenenabfolgen bis hin zu Körperhaltungen der Schauspieler oder den Lichteinfall in Einzelbildern dargestellt.

AI-Künstliche Intelligenz, Steven Spielberg 2011 (Bild: Chris Bakov/Stanley Kubrick Archive, The University of Arts, London)

Schon 1929 setzte der Regisseur Maurice Tourneur dieses filmische Arbeitsmittel  für seinen deutsch-französichen Stummfilm "Das Schiff der verlorenen Menschen" ein. Marlene Dietrich spielt darin die Pilotin Ethel Marley, deren Flieger über dem Atlantik abstürzt, die von der Besatzung eines Segelschiffs gerettet und von einem Arzt vor der kriminellen Mannschaft versteckt wird. Fritz Mauruschat zeichnete die Sequenz von Flug und Absturz, überblendet durch das Gesicht der Fliegerin. Der Filmausschnitt ist den Kohlezeichnungen in der Ausstellung gegenüber gestellt.

Menschenjagd, Fritz Lang 1941 (Bild: Wlard Ihnen/Collection Cinémathèque francaise, Fond Fritz Lang, Paris)

Ab dem Ende der 1930er Jahre wurden Storyboards in Hollywood regelmäßig eingesetzt. Die Produktionen wurden aufwändiger und teurer, die Produzenten, aber auch die Regisseure wollten auf Nummer Sicher gehen. Der Begriff entstand wohl - gesichert ist das nicht - in den Disney-Studios, wo die Zeichnungen an Korkplatten an der Wand gepinnt wurden. Für "Schneewittchen und die sieben Zwerge" von 1937, dem ersten farbigen, abendfüllenden Animationsfilm wurden genaueste Phasen- und Bewegungszeichnungen geschaffen und mit dem farbigen Bildhintergrund kombiniert. Für "Fantasia" von 1940, in dem Mickey Mouse als Zauberlehrling zu sehen ist, sind in der Ausstellung zahlreiche Einzelanimationen und detaillierte, sehr dynamische Spezialeffekte zu sehen.

Atlanta brennt! Die berühmte Szene aus "Vom Winde verweht" von 1939, einer der ersten Technicolor-Filme, folgt einer genauen Inszenierung anhand klarer Aquarelle, von denen einige in der Ausstellung zu sehen sind. Die pyrotechnische Umsetzung der zeichnerischen Vorgaben ist eine Meisterleistung. Die Tuschezeichnungen von Harold Michelson zu Alfred Hitchcocks "Die Vögel" legen jede Körperhaltung der Hauptdarstellerin Tippie Hedren definitiv fest. Beklemmender fast als die Filmszenen sind die aneinder gereihten Zeichnungen, auf denen ein immer größer werdender Schwarm der Vögel sich auf dem Gerüst vor dem Haus niederlässt. Auch Massenszenen, ganze Schlachten folgen einer genauen zeichnerischen Choreografie.

Die fulminante Schau zeigt an zwanzig Beispielen  Filmgeschichte, die über mehr als 70 Jahre reicht.Und es ist ein weitgehend unbekannter Aspekt des Filmemachens zu sehen. Die von Katharina Henkel, Kristina Jaspers und Peter Meine kuratierte Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Emden und der Deutschen Kinemathek Berlin möglich wurde, rückt eine eigenständige Kunstform ins Licht. Die meisten Filme gäbe es ohne sie nicht. Die Gegenüberstellung der Storyboards mit den dazu gehörenden Filmsequenzen bietet faszienierende Einblicke in das Entstehen von Filmkunst. Das ist uneingeschränkt sehenswert.

Bis zum 16. September 2012 im Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern, Maximilianstraße 53 in München, täglich von 9-19 Uhr, Eintritt frei, Katalog in der Ausstellung 25 Euro.

 

Veröffentlicht am: 15.09.2012

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