Chinas Megastädte auf Fotos bei Henn

Warnung vor der Monotonie des Gigantischen

von Achim Manthey

Hangzhou 06, 2011 (c) HG Esch

In der Münchner Ausstellung "Cities Unknown" dokumentiert der Architektur-Fotograf Hans Georg Esch die städtebaulichen Folgen von explodierendem Raumbedarf.

Harbin, Dalian, Buading. Sagt ihnen nichts? Das macht zunächst nichts, denn diese Städte liegen weit, weit weg, in chinesischen Provinzen. Sie sind auf herkömmlichen Landkarten kaum zu finden. Aber es sind Megastädte, mit denen verglichen unsere Metropolen Dörfer sind. Zwischen fünf und elf Millionen Menschen leben dort. In Ost-Asien wachsen die Städte in rasantem Tempo. Mehr als zwei Milliarden Menschen leben in ihnen und es werden immer mehr. Folgen eines wirtschaftlichen Aufschwungs, der zentrale Konzentrationen notwendig macht. Und das ohne Rücksicht auf Verluste. Längst sind es nicht mehr nur die weltbekannten Metropolen wie Hong Kong, Shanghai oder Wuhan, die sich molochartigausbreiten.

Wuhan 06, 2010 (c) HG Esch

Wie Stalagmitenrecken sich die Hochbauten auf dem Foto "Hong Kong 48" von 2010 den Hang empor, scheinen das Gebirge im Hintergrund überragen, verdecken zu wollen. Wie Glaswände erdrücken die Wolkenkratzer die vorgelagerten, älteren Hochhäuser, die winzig und verletzlich scheinen (Hong Kong 32 und 33 aus demselben Jahr). Wie an das Flussufer gepflanzt erscheint Hangzhou auf der 2011 entstandenen Aufnahme: Unfertig gigantische Bauten, auf denen Kräne plaziert sind, weil es immer weiter aufwärts gehen soll, umgeben eine beziehungslos in die Landschaft gesetzte Goldkugel mit Fenstern. Das nächtlich beleuchtete Wuhan hingegen präsentiert sich aus entferntem Blickwinkel nahezu westlich.

Harbin 05, 2010 (c) HG Esch

Hans Georg Esch (48) arbeitet seit 1989 als freischaffender Architektur-Fotograf. Er zählt heute zu den renommiertesten Vertretern dieser Kunstform. Seine Publikationen "Megacities" oder "City and Structure" sind wegweisend. Er lebt und arbeitet in Hennef.

Die in der Ausstellung gezeigten Fotografien dokumentieren, was ist: Architektonische Massenkonfektion, gesichts- und fantasielos, einheitlich, konform. Für Kreativität und Gestaltung war weder Zeit noch Raum. Geschlossene Reihen bis ins Detail und die Farbgebung identischer Hochbauten wirken wie ohne Rücksicht auf Verluste in die Städte geknallt, verdrängen, überwuchern, erschlagen den Bestand. Menschen sind kaum zu sehen auf den Abbildungen, kommen allenfalls als ameisenhaftes Beiwerk vor. Smogverhangen liegen diese urbanen Monster da, anonym, unkenntlich und ohne eigenen Charakter.

"Unbekannte Städte" - der Titel der Ausstellung ist gewagt und provokant, denn Millionen kennen sie, die ihnen Heimat bieten oder zumindest ein Dach über dem Kopf. Findet dort die Zukunft der Stadt statt? Die Ausstellung beantwortet diese Frage nicht. Aber sie bringt in beeindruckender Weise eine Entwicklung nahe, in der Architektur und Stadtentwicklung weit auseianderklaffen. Man kann die Fotos als Warnung verstehen.

Bis zum 20. September 2012 in der Henn Galerie, Augustenstraße 54 in München, Di-Fr 13-19 Uhr, Sa 11-16 Uhr, Eintritt frei. Zur Ausstellung ist im Quadriga Verlag ein Buch erschienen.

 

Veröffentlicht am: 01.08.2012

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