Le Corbusier in der Pinakothek der Moderne

Im Universum des Schöpfer-Architekten

von Roberta De Righi

"Die Mitte" aus dem Zyklus "Poème del'angle droit" (Foto: FLC/VG Bild-Kunst, Bonn 2012)

Le Corbusiers Schöpfertum war allumfassend: Der bedeutendste Architekt des 20. Jahrhunderts (1887-1965) verbrachte jeden Vormittag von 8 bis 13 Uhr malend und schreibend in seiner Pariser Atelierwohnung, und ging erst anschließend ins Büro, um sich der architektonischen Umsetzung seiner Ideen zu widmen. Aber seine lyrische Ader ist weit weniger bekannt als seine epoche-machenden Bauten und Theorien.

Neben zahlreichen Gemälden, die stark an Picasso erinnern, entstand an diesen Vormittagen zwischen 1947 und 1953 nichts weniger als eine Art Genesis: „Le poème de l’angle droit – Das Gedicht vom rechten Winkel“. Darin beschreibt und illustriert Le Corbusier in sieben Strophen sein Weltbild – in poetischen Texten und 19 farbigen Lithographien.

Jetzt präsentiert das TU-Architekturmuseum in einer mit dem Madrider Circulo de Bellas Artes und der Pariser Fondation Le Corbusier realisierten, staunenswerten Schau den gesamten Zyklus. Darin  erscheint die Sonne als „Herr unseres Lebens“ am Firmament, das Meer schwappt als „Mutter der Dünste“ an den Horizont und „das Wurmende und Kriechende“ deutet die „erste Vorwärtsbewegung“ an.

Die Lithographie zum Kapitel "Esprit" (Foto: FLC/VG Bild-Kunst, Bonn 2012)

Allein der Mensch steht aufrecht und gibt als einzig senkrechtes Element der ungeordneten Natur Maß und Proportion. Voilà – man erkennt darin unschwer Le Corbusiers berühmten Modulor. Und den Lauf der Sonne, der im Gedicht des rechten Winkels eine so wesentliche Rolle einnimmt, kann man an den Emailtüren im indischen Chandigarh wiederfinden, das er als Regierungssitz aus der Retorte erschuf.

Seine Sprache atmet dasselbe archaische Pathos und die Spiritualität, die man in der Kirche von Ronchamp spüren kann. Er schwärmt von der „Pracht des Sichtbetons“ und dem „Anbruch einer neuen Zeit“. In „Le poème de l’ angle droit“ erwächst die Baukunst aus den Urelementen und nach den Gesetzen der Natur – und darüber thront ein selbsternannter Schöpfergott namens Le Corbusier.

Bis 2. September 2012, Pinakothek der Moderne, Di - So 10 bis 18, Do bis 20 Uhr, Katalog und Faksimile-Band (Hatje Cantz) 35 Euro

Veröffentlicht am: 24.07.2012

Über den Autor

Roberta De Righi

Roberta De Righi ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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