Ausstellung "Cui Bono" in der Whitebox

Wo steht die Kunst und wo stehen ihre Macher? - Versuch einer Verortung

von Achim Manthey

Ugo Dossi "Tarot" (Foto vom Aufbau: Michael Wüst)

Fünf Künstler aus unterschiedlichen Ländern versuchen in der Ausstellung "Cui Bono", den Stand der heutigen Gegenwartskunst zu vermessen. Eine Standortbestimmung gelingt der guten Schau nicht.

Ein sattgrüner Spiralstrudel schleudert den goldenen Embryo aus den unergründlichen Tiefen eines Irgendwo hinaus in die Welt. Lerne! Erkenne! Mit dem Bild macht die grandiose Arbeit "Tarot" von Ugo Dossi auf. Zwischen 2009 und 2011 hat sich der Künstler (69), der in München und Berlin arbeitet, mit einer Neuausrichtung der 22 Trumpfkarten des Spiels, der sogenannten großen Arkana, beschäftigt. Von Null bis Zweiundzwanzig: Der Narr, der Hängende, der Sensenmann als Tod, der Turm kommen vor, Jungfrau, Adler, Stier und Löwe umkreisen die Schlange, die sich selber frisst. Es sind die klassischen Motive auf den Spielkarten, die Dossi entschlackt hat. Alchemisisch zwar in der Anlage, aber motivisch reduziert sind die 23 großformatigen Bilder. Nach Art der Hinterglas-Malerei sind die Motive auf Acryl-Scheiben gedruckt. Sie sind vielfältig, lassen Raum durch Leerflächen, die den Schattenwurf auf die dahinter liegende Wand für Doppelungen des Dargestellten ermöglichen. Die wandfüllende Arbeit prägt die Ausstellung.

Aron Demetz "Näthe" (Foto: Michael Wüst/Whitebox)

"Cui Bono" ist als Wanderausstellung konzipiert. Gestartet im Januar 2012 in Budapest. Nun ist die Whitebox in München die zweite Station. Wo steht die aktuelle Gegenwartskunst angesichts der tiefgreifenden und - wie es scheint - immer radikaler werdenden Veränderungen, ja ausgewachsenen Krisen in ökonomischer und sozialer Hinsicht?

Wie ordnen sich die handelnden Personen, die Sammler, Museen, Galerien und vor allem die Künstler als schwächstes Glied in dieser Kette in das sich verändernde System ein? Die Ausstellung soll will ein Spiegel der gegenwärtigen Kunstsituation in Europa sein.  Unabhängig von der Art ihrer individuellen Darstellungsformen und ohne einen roten Faden, der die Ausstellung durchzöge, korrespondieren  die vertretenden Künstler, die schon unterschiedlichen Generationen angehören,  ausschließlich über ihr Werke. Das ist hehr, richtig - und nicht neu.

Aron Demetz (40) erzählt mit seinen Menschenkindern von Einsamkeit und Aufbruch menschlicher Kreaturen. In klassischen, fast antiken Darstellungsweisen entstehen mannshohe Figuren aus Holz, überzogen teilweise mit Blattsilber oder Baumharz, die er in den Wäldern des südtiroler Grödnertalsgewinnt. Statt der Muttermilch fließt das aus Harz gebildete Blut aus den Brüsten der Frau. Ganz von Harz überzogen wirkt die Figur, als stecke sie in einem sich aufgrund des Materials ständig verändernden Kokon. Und es ist auch eine ganz ungeschützte Holzfigur zu sehen: Eine kleine Ton-Skulptur hat der Künstler mittels eines CAD-Programms gescannt und von der Maschine aus dem Stamm schneiden lassen. Die Stellen, an denen die Maschine unsauber gearbeitet hat, blieben stehen. Fasern, Holzfäden und Schnitzspäne werden zu Resthaar, Maske oder Strum6pf.

Detail aus Gabor Füllöps "Kinderspielplatz" /Foto: Vittoria Mainoldi)

Der Zypriote Alexandros Yiorkaddis (31) - quasi Gastgeber der nächsten Station der Ausstellung - befasst sich - nun ja - vor allem mit sich selbst. Jedenfalls ist er sich in seinen Figuren aus strahlend weißem Polyuretan Motiv genug. Die menschliche Gestalt und das Wechselspiel zwischen Körper und Seele sind sein Thema. Vielköpfige Torsi en block zeigen die unterschiedlichen Regungen, die sich im Gesicht ausdrücken: ernst, wütend, trauring, schreiend,schlafend. Die Seligkeit bei einem Kuss. Nur ein Lachen kommt nicht vor. In einer multimedialen Installation werden Straßenszenen auf weiße Gaze projiziert. Der Betrachter wird durch seinen Schattenwurf einbezogen in das Werk, wird hingeführt zu einer Öffnung, in die er den Kopf steckt und eins wird als einzig farbiger Punkt in einer Reihe anonymer weißer Gesichter. Dass ein kollektiver Geist dahinter steckt, offenbart das beleuchtete Hirn hinter alledem.

Nur vermeindlich harmonisch ist der "Kinderspielplatz" von Gabor Füllöp: Die Kinder wirken wie kleine ETs, ausdruckslos schwarze Augen prägen die Figuren, unterstreichen Verletzung und Brutalität. Ein Wiederholungstäter mit Zwille zerstört jede Idylle. Auch eine zweite Reihe von Ugo Dossi ist zu sehen. "Kartoffeln", die grün-giftig, silbern strahlend oder in bedrohlichem Rot-Braun wie Himmelskörper aus entferntesten Sphären erscheinen. Allessandro Papetti schließlich ist mit großformatigen Gemälden vertreten. Sakrale Szenen wechseln mit liegend oder im Sessel kauernden Akten ab, Kinder springen vor Industrielandschaften ins Wasser und die Lichter einer anonymen Großstadt werden durch helle Streifen wie eine Aneinanderreihung von Särgen vorgelagert. Es sind düstere Bilder, real und ohne Hoffnung.

Die Schau ist großartig. In der internationalen Besetzung schmückt sie die Whitebox. Die Fragestellung, wo die Gegenwartskunst steht und wo ihre Macher, beantwortet sie - wie gesagt - nicht. Wie sollte sie auch?

Bis zum 29. Juli 2012 in der Whitebox, Grafinger Straße 6 in München, Do und Fr 17 bis 21 Uhr, Sa und So 15 bis 21 Uhr

 

Veröffentlicht am: 16.07.2012

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