"Marcel Duchamp" im Kunstbau

München als Stadt der völligen Befreiung? - Eine Spurensuche

von Achim Manthey

Akt eine Treppe herabsteigend Nr. 2, 1912, Philadelphia Museum of Art (c) Succession Marcel Duchamp/VG Bild-Kunst, Bonn 2012

Vor 100 Jahren besuchte der französische Künstler die Landeshauptstadt. Er kam als Fremder und ging als Befreiter. Die Ausstellung "Marcel Duchamp in München 1912" sucht nach den Gründen und kann sie nicht finden.

Barer Straße 65, 2. Stock. Das Ehepaar Greß, sie Schneiderin, er Ingenieur, hat ein "schön möbliertes Zimmer" frei, wie es in der Anzeige in den Münchner Neusten Nachrichten heißt. Am 1. Juli 1912 nistet sich dort der Künstler Marcel Duchamp ein. Es hatte nur ein kurzer Besuch bei seinem Freund, dem "Kuhmaler" Max Bergmann werden sollen. Daraus wurde fast ein Vierteljahr. Duchamp wandert durch die Stadt, macht sich mit dem Künstlerkreis "Blauer Reiter" bekannt, verschickt Ansichtskarten und lässt sich von dem Fotografen Heinrich Hoffmann, der sein Studio in der Schellingstraße unterhielt, portraitieren.

Oft besucht er die Alte Pinakothek, verharrt vor den Gemälden von Lucas Cranach d.Ä., den er verehrt und der ihn nachhaltig beeinflusste. Vier Zeichnungen und ein Gemälde entstehen in den Münchner Wochen, daneben Entwürfe für später weltberühmt gewordene Arbeiten. Zunehmend faszinieren ihn technische Details, die er im Deutschen Museum und der Bayerischen Gewerbeschau entdeckt.

Marcel Duchamp (1887 bis 1968) beginnt schon im Alter von 15 Jahren zu malen. Kunststudium und eine abgeschlossene Ausbildung als Kunsthandwerker schließen sich nach der Schule an. Die Teilnahme an Ausstellungen in Paris zeigen ein diffuses Bild. Lange sucht der junge Künstler nach seiner Kunstrichtung, bevor er sich 1911 dem Kubismus zuwendet - auch dies ein kurzes Intermezzo, denn schon im Jahr darauf entsteht während seines München-Aufenthaltes sein letztes kubistisches Gemälde "Die Braut".

Marcel Duchamp, München 1912, fotografiert von Herbert Hoffmann (c) Galerie 1900-2000, Paris

Jahre später notierte Duchamp über seinen Besuch: "Mein Aufenthalt in München war der Ort meiner völligen Befreiung". Die Kunstwelt indes ist sich bis heute nicht einig, welchen Einfluss der München-Aufenthalt auf den Künstler hatte. Fakt ist: Verärgert hatte er Paris den Rücken gekehrt, weil sein Gemälde "Akt eine Treppe herabsteigend Nr. 2" - heute eines seiner  berühmtesten Werke und in der Münchner Ausstellung gezeigt - vom Salon de Indépendants in Paris abgelehnt worden war, weil es des Kubisten um Gleizes und Metzinger zu weit ging.

"Die Malerei ist am Ende", meinte er nach seinem München-Aufenthalt zu seinem Freund Constantine Brancusi angesichts der technischen Neuerungen, die es auf einer Luftfahrtschau im Pariser Grand Palais zu sehen gab. "Wer kann etwas besseres machen als diese Propeller? Du etwa?" Kam hier oder etwa schon bei den kurz zurückliegenden Besuchen im Deutschen Müseum im München die Idee für sein erstes Readymade "Fahrrad-Rad" (1913) auf, einem Objekt, dass aus einer Kombination von Rad, Fahrrad-Vordergabel und Holzhocker besteht? Von der Malerei wendet er sich ab, vertritt die Ansicht, dass schon die Auswahl eines Gegenstandes ein künstlerisches Werk sei - der Skandal war perfekt.

Die fraglos sehenswerte Münchner Ausstellung will der Frage nachgehen, ob und gegebenenfalls welch nachhaltigen Einfluss die Wochen in München auf Duchamp hatten. Damit muss sie zwangsläufig scheitern. Gezeigt wird unter anderem das 1912 hier entstandene Bild "Braut", in dem der Künstler noch seiner mitgebrachten Linie treu bleibt. Werke aus den Folgejahren weisen auf eine Entwicklung des Künstlers hin, ohne dass sich ein direkter Zusammenhang zu seiner Zeit in München herstellen ließe. Es steht sein Satz mit der "völligen Befreiung", die ihn zu einem der Mitbegründer der Konzeptkunst und Wegbereiter von Dadaismus und Surrealismus werden ließ. Aber das war Jahre nach der kurzen Münchner Zeit und wohl den vielfältigen Einflüssen geschuldet, die er zunächst in Paris, später auch in den USA ausgesetzt war.

Le Mystére de Munich, Rudolf Herz (Foto: Achim Manthey)

Die Ausstellung wird ergänzt durch ein Gebilde, das zum 21. Juni 2012, dem Jahrestag der Ankunft Duchamps in München, auf der Südwiese der Alten Pinakothek errichtet wurde. Es bildet - hochkant gestellt - den Grundriß der Wohnung in der Barer Straße 65 - das ursprüngliche Haus wurde im 2. Weltkrieg zerstört - ab, in dem Duchamp sein Zimmer bezogen hatte. Das Projekt von Rudolf Herz, realisiert durch den Architekten Peter Ottmann, trägt den Titel "Marcel Duchamp - Le Mystére de Munich" und dient wohl vornehmlich der Bewerbung des zeitglich erschienenen Buches von Herz mit gleichem Titel. Ein in mehr als ungelenker Grammatik auf eine Wand des Werks aufgespraytes "Wer genehmigt solch Schwachsinn?" stellt eine Frage, die unbeantwortet bleibt.

Aber Kunst hält das aus. Wirklich gebraucht wird diese Installation nicht. Sie beschert dem Besucher allerdings ein kostenfrei erhältliches und sehr konstruktives "Duchamp Journal" im Zeitungsformat.

Die Ausstellung im Kunstbau des Lenbachhauses ist noch bis zum 15. Juli 2012, die Installation an der Alten Pinakothek bis zum 30. September 2012 zu sehen.

 

Veröffentlicht am: 09.07.2012

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