Bon Jovi, Venezia!

von kulturvollzug

Von der Hochschule für Fernsehen und Film in München nach Hollywood: Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck dirigiert ein Starsensemble und legt mit „The Tourist“ seinen zweiten abendfüllenden Kinofilm vor.

Für Leute aus dem Filmbiz ist es ein großer Sprung über den Atlantik, größer, als es die 3000 Kilometer Abstand vermuten ließen. So übermächtig ist Hollywood an Glamour, Material, dem Angebot an Schauspielern, in der Menge der Filme und in seiner Routine, dass ein Europäer da eingeschüchtert den Kopf hängen lassen könnte. Aber da gibt es ja den Hünen Florian Henkel von Donnersmarck, mit einem Oscar ausgezeichnet, und mit einer Eigenschaft gesegnet, ohne die in Hollywood gar nix geht. „Er kann das Wort Selbstbewusstsein buchstabieren“, sagt sein Verwandter Karl-Theodor zu Guttenberg über Donnersmarck.

Vermutlich hat er diesen Vorteil bis zum letzten ausspielen müssen, bei all dem Heckmeck im Vorfeld der Dreharbeiten zu seinem zweiten Kinofilm „The Tourist“, bei all den Stars, die er da vor die Kamera gesetzt bekam. Allen voran Angelina Jolie und Johnny Depp, und auch Timothy Dalton und einige mehr aus der oberen Etage spielen mit in diesem Streifen, der sich ganz in der Tradition des romantischen Thrillers bewegt. Jolie mimt die Klassefrau in teuren Klamotten und undurchschaubaren Verhältnissen, Depp ihre Zufallsbekanntschaft, ein linkischer Mathelehrer, der sich bald in atemberaubende Verwicklungen gezogen sieht. Ein milliardenschwerer Geschäftsmann mit russischen Bodyguards hat es auf ihn abgesehen.

Donnersmarck zeigte schon im „Leben der Anderen“ ein Talent für große, schöne Bilder, und tatsächlich hat man Venedig selten so strahlend in Szene gesetzt gesehen wie in „The Tourist“. Der Film kommt ohne hektische Schnitte aus, auch darin sieht man vielleicht so etwas wie eine europäische Handschrift. Sonst aber gilt: Diesen Film hätte auch von irgendeinem US-Regisseur stammen können. Die Verwechslungsgeschichte ist routiniert abgedreht, was den Plot und seine finale Wendung allerdings nicht unbedingt glaubwürdiger macht. Die Geschichte ist, genau betrachtet, so hanebüchen, dass sie ohne den oftmals wirklich witzigen Johnny Depp richtig hinken würde. Wie er sich allerdings als Amerikaner in Venedig schlägt, ist durchaus sehenswert. Auf „Buongiorno“ antwortet er mal eben mit „Bon Jovi“, ein solches Klischee unbedarften Amerikanertums nimmt man ihm lächelnd ab. So sind es die beiden Hauptdarsteller und eben Timothy Dalton in einer zu kleinen Rolle, die der manchmal banalen Story so etwas wie Glanz verleihen. Auch die Pannen, die sich die Interpol-Polizisten bei der Beschattung diverser Verdächtiger erlauben, bringen Spaß ins Kino. Mitten in der Weihnachtshektik ein Film, den man sich entspannt, ohne Bauchgrimmen anschauen kann – aber nicht muss. "Das Leben der Anderen" war ein außergewöhnlicher Film, "The Tourist" ist es eher nicht.     

Jan Stöpel

Veröffentlicht am: 11.12.2010

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