Neue Fotografien von Tomohide Ikeya

Japanische Elegien unter Wasser - Eine Hinwendung zum Düsteren

von Achim Manthey

Moon-Linn, 2011, (c) Tomohide Ikeya, courtesy Micheko Galerie

In ihrer aktuellen Ausstellung zeigt die Micheko Galerie Arbeiten des japanischen Fotokünstlers aus den Serien "Breath" und "Moon".  Er entzieht seinen Arbeiten zunehmend die Farbe.

Nackte Laiber drehen, verwinden sich, bilden ästhetische Figuren und Formationen, verlieren sich in letzten aus ihnen entweichenden Luftblasen. Ein Unterwasserballett selig Ertrinkender. Ein anderes Bild zeigt eine junge Frau, ebenfalls unbekleidet, aber dicht umschlungen von langen, dunklen Haaren, die kaum das Nötigste verdecken. Sie wirkt, als sei sie gerade von den Tiefen der See freigegeben und abgelichtet worden. Salziger Tod?

Tomohide Ikeya, 1974 in der japanischen Präfektur Kanagawa geboren, arbeitete zunächst sieben Jahre lang als Koch in einem italienischen Restaurant. Erst 2000 begann er seine Ausbildung am Tokyo College of Photography. Seit 2002 ist er freischaffender Lichtbildner und auch als Mode- und Werbefotograf erfolgreich.

Breath-Linn, 2009 (c) Tomohide Ikeya, courtesy Micheko Galerie

Die Münchner Ausstellung präsentiert jüngere, freie Arbeiten aus den Zyklen "Breath" und "Moon". Ikeya verbindet hier die Profession  mit seiner Leidenschaft für das Meer und den Tauchsport. Unterwasser-Fotos sind es trotzdem nicht, denn er fotografiert nicht die Schönheiten von Flora und Fauna der Tiefsee, sondern Tänzer in Tiefseetanks. Es sind Bilder von der Schwerkraft enthobener Butoh-Tänzer, die durchwirbelt werden von Luftblasen, die beim Ausatmen unter Wasser entstehen, und durch Wirbel und Strudel beim Eintauchen in die oberen Wasserschichten. Schöne Körper sind darunter, aber auch eine vom Mann umturtelte Frau mit kurios erscheinendem Silikonbusen und Sixpack-Bauch. Er wird der Athletin kaum Herr werden.

Breath #102 (c) Tomohide Ikeya, courtesy Micheko Galerie

In der Reihe "Breath" visualisiert der Künstler die elementare Kraft des Wassers. Es entstehen ästhetische, zuweilen in ihrer - keine Grenze überschreitenenden - Erotik provozierende Aufnahmen. Die bekannte japanische Prüderie - schon das Zeigen von Schamhaar ist verpönt - schert ihn nicht. Ikeya verfolgt diese Arbeitsreihe schon seit einigen Jahren. Im Gegensatz zu früheren Bildern, wie sie 2009 in München zu sehen waren, entzieht er den Bildern in der Nachbarbeitung immer öfter die Farbe. Letzte Anklänge an die Farbigkeit, auch hier schon blass, sind auf dem Foto "Breath-Linn" von 2009 zu entdecken. Die neuen Fotografien sind fast vollständig farbreduziert. Hier beobachtet man eine Grenzüberschreitung hin zum Schwarz-weiß.

Die zweite gezeigte Reihe, "Moon", erzählt auf eine höchst ästhetische Weise von Leben, Tod und Verfall. Models, nackt in und am Wasser, umfangen, notdürftig verhüllt durch menschliche Haare, die nicht die eigenen sein müssen. Auf einer reflektierenden Oberfläche spiegelt sich das Gesicht ("Moon-Joko", 2011), Wassertropfen perlen von der Haut der zusammengekauerten Frau (Moon-Ritsuka"). Tiefschwarze Hintergründe beherrschen die Szenerien. Die Protagonistinnen scheinen in fahles Mondlicht getaucht. Nur vereinzelt, reduziert, lassen sich farbige Augenlider oder fast verborgene Hinweise auf die ursprüngliche Haarfarbe des Models erkennen. Ikeya schreibt zu dieser Reihe: " In den Haaren, die noch lange bleiben, auch nachdem ein Mensch sein Leben schon verloren hat und zu Staub verfallen ist, verhüllt sich ein Körper im Mondschein. In meiner Bilderserie symbolisiert der Mond das menschliche Verlangen nach dem Leben und die Haare das Weiterleben über den Tod hinaus."

Einen Teil der Fotografien dieser Reihe hat Ikeya mit transparentem Acryllack überzogen, was den Aufnahmen reliefartige Strukturen bis hin zu einer Dreidimensionalität verleiht, wie bei "Moon-Linn", aus dem das Knie des Models - zugleich die Muse des Künstlers - in den Raum zu springen scheint.

Es sind - so gar nicht spätsommerlich - elegische, düstere Bilder, die an Intensität des Ausdrucks die Fotos der Amerikanerin Erin Mulvahill zu vergleichbarem Thema übertreffen. Der Künstler lotet Grenzen aus, die uns alle betreffen. Unbedingt sehenswert.

Bis zum 22. September 2012 in der Micheko Galerie, Theresienstraße 18 in München, Di-Fr. 15-20 Uhr, Sa 11-16 Uhr. Eintritt frei.

Der Beitrag wurde im zweiten Absatz am 12. September 2012 um 19.49 Uhr korrigiert. Danke der Leserin/dem Leser EM für den Hinweis.

Veröffentlicht am: 10.09.2012

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EM
11.09.2012 19:03 Uhr

\"Tomahide Ikeya, 1974 im japanischen Kanajawa geboren,[...]\" Ich will nicht kleinkariert wirken, aber wenn man über einen Künstler schreibt, sollten meines Erachtens zumindest die Grunddaten stimmen. Für den Fall, dass Sie Ihren Text korrigieren wollen: Der Name des Künstlers, der übrigens aus der japanischen Präfektur namens Kanagawa stammt, lautet Tomohide Ikeya.

Achim Manthey
12.09.2012 19:54 Uhr

Danke für den Hinweis, der schon deshalb nicht kleinkariert wirkt, weil er zutrifft. Ist doch schön, wenn man aufmerksame Leser hat. (ama)

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