Filmfest München 2012 gestartet

Neue Leitung, neues Logo, buntes Programm - ein lässiges Sommerfestival

von Angelika Irgens-Defregger

Die neue Festivaldirektorin Diana Iljine (Foto: Sonja Calwert)

Von Familienkonflikten bis zu Problemen der globalen Welt - Das 30. Filmfest München überrascht mit vielen Neuerungen und präsentiert sich neben Branchentreffs wie eh und je als Publikumsfestival

Der rote Teppich am Isarstrand ist ausgerollt. Das 30. Filmfest München hat begonnen und damit die Verzauberung des Publikums, das ein "lässiges Sommerfestival voller Kinozauber und magischer Begegnungen" erwartet. Das wünscht sich jedenfalls die neue Leiterin Diana Iljine, die sich von der Kartenabreißerin über die Starbetreuung auf den Chefsessel hochgearbeitet hat, die in der Filmwirtschaft tätig war und ein Standardwerk über Filmproduktion geschrieben hat. Ihren Einstand als Nachfolgerin von Andreas Ströhl hat die gebürtige Frankfurterin bereits im letzten November beim Internationalen Festival der Filmhochschulen gegeben. Wenngleich ihr Traum von einem richtigen Premierenkino noch Zukunftsmusik ist, so hat sie sich mit Arri und den Kinosälen der HFF als gutem Ersatz für die Museumslichtspiele und des Sendlinger Tor-Kinos zumindest den Radius der Spielorte erweitert.

Programmatisch präsentiert sich im Jubiläumsjahr das Festival, das über neun Tage geht, mit neuem Logo: schräg liegende, schwarze Sonnenbrillen auf kadmiumrotem Hintergrund, das auf die sommerliche Jahreszeit ebenso anspielt wie vielleicht auf den besseren Durchblick durch Straffung und Neuordnung seiner Programmreihen. Statt 240 Filmen wie im vergangenen Jahr begnügt man sich jetzt mit nur mehr 186.

Neues Logo (Plakat: Filmfest München)

Länderschwerpunkte sind out. "Wo ein Film herkommt, ist nicht so wichtig", so die Festspielleiterin. "Es zählt vielmehr, wie eine Geschichte erzählt wird. Unabhängige Filmemacher und individuelle Handschriften gibt es in allen Ländern." Die Welle der Globalisierung hat längst auch die Branche der Filmproduktion erreicht. Deshalb wurde die Reihe der persönlichen Handschriften der "American Indies" zu "International Independents" erweitert.

Ein weiteres Novum sind die Wettbewerbsreihen "CineMasters" (Arri-Preis) und CineVision Award neben den Reihen Specials und Spotlight. Unverändert geblieben sind die Serien Neues Deutsches Kino, Deutsche Fernsehfilme, Kinderfimfest und Open Air.

In der Sektion Neues Deutsches Kino ersetzt Christoph Gröner den ausgeschiedenen Programmer Uli Maas. In dieser Reihe zu sehen ist auch Hanna Dooses beahtenswerter Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin (dffb) "Staub auf unseren Herzen". Als Gegensätze gegenübergestellt sind hier die Schauspielerin und allein erziehende Mutter Kathi (glänzend in dieser Rolle Stephanie Stremler), die sich in Berlin von einem Bewerbungsgespräch zum nächsten hangelt, und ihre erfolgreiche Mutter (Susanne Lothar), die als Lebensberaterin von Beruf mit ihren Verbesserungsvorschlägen vor der ochter nicht Halt macht, sich rigoros in deren Leben einmischt und ihr am Ende auch noch den Sohn weg nimmt.

Erstaunlich viele Filme der deutschen Kinoreihe sind Geschichten, erzählt aus der Perspektive der kleinsten Gesellschaftsform, der Familie, die meist gescheitert, aber nicht hoffnungslos verloren scheint. Am Ende des Tunnels gibt es ein Licht. Der Held findet den richtigen Weg, wagt den Neuanfang, wie in "Invasion" von dem Georgier Dito Tsintadze, wo Verwandte des gutmütigen Witwers Joseph von warmherzig offen empfangenen zu geduldeten bis hin zu ungeliebten Gästen mutieren.

Szene aus "Beast of the Southern Wild" (Foto: Filmfest Münhen)

Zweifellos ein Meisterwerk der Filmkunst ist Benh Zeitlins mehrfach preisgekrönter und zwischen Prähistorie und Endzeitstimmung angesiedelter, furioser Fiktionsfim "Beast of the Southern Wild". Die sechsjährige Hushpuppy lebt mit ihrem kranken Vater in einfachsten Verhältnissen im Mississippi-Delta, wo ihr durch eine Springflut im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser bis zum Hals steht. Aber sie lässt den Kopf nicht hängen, sondern trotzt mutig allen Gefahren, die da kommen, einschließlich rätselhafter Mammuts aus gauer Vorzeit. In dieser stark berührenden Geschichte von epischer Größe und mit einer Bildgewalt, die unvergesslich im Gedächtnis haften bleibt, läßt der New Yorker Filmemacher seiner Fantasie freien Lauf und übt gleichzeitig Gesellschaftskritik ohne erhobenen Zeigefinger. Zu sehen ist dieser amerikanische Independant-Film in der Reihe Cinevision, in der junge Regie-Talente um den CineVision Award konkurrieren. Der Preis, dotiert mit 12000 Euro, wurde dieses Jahr erstmals vom Berliner Medienunternehmen Senator Entertainment gestiftet.

Nicht weniger magisch bis surreal in dieser Reihe ist Eduardo Nunes erster Spielfilm "Southwest". Der Brasilianer überzeugt in seinem ästhetischen Schwarz-weiß-Film mit jeder Einstellung  und läßt seiner Protagonistin Claire, die im Kindbett stirbt und als Reinkarnation ihres geretteten Babys wieder erscheint, viel filmischen Raum, um sich zu entwickeln.

"Starbucks" von Ken Scott (Foto: Filmfest München)

Wie in jedem Jahr gibt es auch dieses Mal jede Menge Hommagen und Retrospektiven. Das Filmfest verneigt sich vor dem ersten Festivalleiter Eberhard Hauff, der einen Ehrenpreis erhält. Die Hollywood-Schauspielerin Melanie Griffith erhält den CineMerit Award. Mit einer Hommage ehrt das Festival die Blondine mit Engelsgesicht und tranceartigem Blick Julie Delpy. Und es zeigt Werkschauen der Filmemacher Todd Haynes, Nicolas Winding Refin, Rainer Werner Fassbinder und Loriot sowie des Filmkomponisten Giorgio Moroder, dem die Open Air-Reihe gewidmet ist. 1984 transformierte der heute 72-jährige Fritz Langs Stummfilm "Metropolis" in einem Videoclip mit Popmusik, der neben sechs weiteren Filmen mit Filmmusik des Südtirolers im Gasteig Forum unter freiem Himmel zu sehen und zu hören sein wird.

Als amüsanter Eröffnungsfilm für den Freitagabend ausgewählt wurde der franco-kanadische Film "Starbucks" von Ken Scott aus der eihe Spotlights mit Filmen, die mit ihren großen Geschichten, Gefühlen und Namen ein besonderes Kino-Erlebnis versprechen. Der Gewinner des Publikumspreises vom Palm Spring Festival ist im gewissen Sinne auch ein Familienfilm. Allerdings der besonderen Art. Die Hauptfigur hat in jüngeren Jahren als anonymer Samenspender Ged verdient. Zwanzig Jahre später wird er mit dem Ergebnis konfrontiert. Die Youngster streben eine Sammelklage an, um die wahre Identität ihres Vaters, der anonym bleiben will, zu lüften. Die Komödie, angesiedelt in der Metropole von Montreal, wird genreübergreifend zum Justizfilm.

Veröffentlicht am: 01.07.2012

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