Fotos von Cathleen Naundorf in München

Houte Couture auf Polaroid - Glamourös und erschütternd

von Achim Manthey

The last Sitting III, Elie Saab, Grand Palais, Paris 2011 (c) Cathleen Naundorf, courtesy Bernheimer Fine Arts Photography

Die Arbeiten der deutschen Fotografin Cathleen Naundorf inszenieren große Designer-Mode an ungewöhnlichen Orten. Etwa 40 Fotografien sind nun in München zu sehen. Sie betören und stimmen traurig.

 

Das Model trägt ein bombastisches Abendkleid von Dior. Unikat natürlich und im Wert eines Mittelklassewagens. Das Publikum: Skelette! Das Bild "The Evolution of Fashion II" entstand 2010 im Anatomiesaal des naturgeschichtlichen Museums in Paris. Nebenbuhlerinnen, ebenfalls in Dior, treffen in "The Crying Game" von 2008 in einer einsamen Straße aufeinander. Zwei Kameliendamen in Roben von Chanel in weiß vor weißen Hintergrund, der das Motiv der Blüten aufnimmt, verwelken ineinander.

Die Haute Couture-Entwürfe der großen Modeschöpfer, Einzelstücke allesamt, werden von jungen, unbekannten Models getragen. Cathleen Naundorf fotografiert sie nicht etwa auf den Laufstegen, sondern an ungewöhnlichen Orten, etwa dem ehemaligen Apartment von Coco Chanel, auf der Bühne des Théatre du Trianon, in der moderenen Großküche eines Nobelhotels oder im Grand Palais mit Auguste Rodins Skulpturen im Hintergrund. Es sind höchst akribisch ausgearbeitete Inszenierungen, in denen die Künstlerin nichts dem Zufall überlässt. Knitterfrei, jeder Faltenwurf sitzt. Fast aseptisch, kalt wirken die Bilder, und sind es doch nicht.

Cathleen Naundorf wird 1968 in Weißenfels an der Saale geboren. An der Fachhochschule für Gestaltung in München studiert sie Grafik, Malerei und Fotografie, geht danach für einige Jahre als Fotoassistentin nach New York, Singapur und Paris. Jobs als Reise-Bildreporterin führen sie in die entlegensten Gegenden dieser Welt, wo sie Dokumentationen über indigene Gesellschaften erarbeitet.

Hommage to Horst P. Horst, Chanel, Apartement Coco Chanel, rue Cambon, Paris 2008 (c) Cathleen Naundorf, courtesy Bernheimer Fine Arts Photography

Die in der Ausstellung gezeigten Fotografien entstanden mit analogen Großbildkameras auf teilweise schon lange nicht mehr erhältlichem Polaroid-Fimmaterial. Auf eine Nachbearbeitung am Computer verzichtet die Künstlerin bewusst. Die in den überwiegend in Schwarz-weiß gezeigten Bildern erkennbaren Brüche, Tropfen und Risse entstehen durch eine Unterbrechung des Entwicklungsprozesses. Die teilweise Behandlung mit Klarlack - eine in der Fotografie jetzt häufiger zu beobachtende Methode künstlerischen Ausdrucks - verstärken die erzielten Effekte noch.

Die Abbildung der Menschen hinter Tüll und Pose kehren den vermeintlichen Glamour um. Die Fotografin deckt - womöglich unbeabsichtigt - die Dekadenz und Morbidität eines am Ende doch gnadenlosen Geschäfts auf. Peter Sarstedts Song "But where do you go to my Lovely" möchte einem in den Sinn kommen beim Betrachten der Bilder.

Die rund 40 ausgestellten, großformatigen Fotografien, die sich so gut in das herrschaftliche Ambiente der Galerie einfügen, sind ästhetisch, hochwertig, exklusiv - und lediglich vordergründig schön. Man kann sie so und so auf- und annehmen. Die Motive und das Umfeld, in dem sie gezeigt werden, bergen eine Portion Zynismus. Aber gerade das macht die Ausstellung interessant. "I know where you came from, my Lovely..."

Bis zum 4. August 2012 bei Bernheimer Fine Arts Photography, Brienner Straße 7 in München, Di-Fr. 10-18 Uhr, Sa 11-16 Uhr. Eintritt frei. Zur Ausstellung ist im Prestel Verlag ein aufwändiger Katalog erschienen.

Veröffentlicht am: 27.07.2012

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