Berkan Karpats Gedenkdemontage

Entsorgte Erinnerung - Wie die Stadt eine Chance verpasst

von Achim Manthey

Die Entstehung von Erinnerungslücken (Foto: Achim Manthey)

Zum Gedenken an das, was am 11. September 2001 in New York geschehen war, entstand am zehnten Jahrestag im September letzten Jahres Berkan Karpats Installation "II.9.II - DNA der Erinnerung. Eine Stahlklage" am Karolinenplatz in München. Eine dauerhafte Platzierung im Stadtbild war nun doch nicht gewünscht. Am vergangenen Samstag hat der Künstler sein Werk symbolisch entsorgt.

 

Es war eine beeindruckende Aktion am 11. September 2011: Mit enormem technischen Aufwand war menschliche DNA, aus Blutproben von Besuchern gewonnen, anonymisiert, in Dateninformationen umgewandelt und auf einen Industrieroboter übertragen worden, der in eine zwölf Meter langs Stahlplatte Zeichen eingravierte (Kulturvollzug berichtete).

Nach dem Plan des Künstlers sollte ein Teil der Installation einen dauerhaften Platz vor dem US-Konsulat an der Königinstraße finden. Im Gegensatz zu den sonst namentlich in Stein oder Metall  eingravierten Toten sollten nach Karpats Intention durch das Berühren der eingravierten Zeichen die Opfer von 9/11, die dem Blick entzogen sind,  durch Schwingungen erspürbar bleiben.

Hammerklänge aus Stahl und neue Zeichen (Foto: Achim Manthey)

Mit  diesem Projekt ist der Künstler am Widerstand der Kunstkommission des Baureferats der Stadt München gescheitert. Begründung: "Das Gremium hat in seiner Sitzung vom 02.02.2012 folgende Stellungnahme verabschiedet: Die Kunstkommission diskutiert eingehend das Projekt hinsichtlich des künstlerischen Konzepts, der Relevanz des Themas für München, der gestalterischen Umsetzung, der Angemessenheit des Ortes sowie seiner Auswirkung auf den öffentlichen Raum. Grundsätzlich sieht die Kommission es sehr kritisch, wenn ein temporär genehmigtes Kunstprojekt anschließend dauerhaft im öffentlichen Raum verbleiben soll, da in der Stadt München die dauerhafte Ausstellung von markanten Kunstwerken im öffentlichen Raum über Wettbewerbsverfahren entschieden wird. Zudem erschließt sich nach Ansicht der Kommission  in diesem Fall das ursprüngliche Konzept, das als temporäre Aktion stimmig erscheint, in keiner Weise für einen Betrachter der Stahlskulptur. Die Kommission spricht sich daher mehrheitlich gegen eine Aufstellung der Stahlskulptur 'II.9.II. - DNA der Erinnerung' von Berkan Karpat aus."

Gabrielle Graf: Rezitate am Münchner Bach (Foto: Achim Manthey)

Die Argumentation der Stadt mutet seltsam an, zumal dann, wenn man berücksichtigt, dass unweit des beabsichtigten Aufstellungsortes der Installation an der Königinstraße ein Stück der Berliner Mauer völlig ohne jede Beziehung zum Umfeld und weitgehend unbeachtet sein Dasein fristet. Es hätte München gut angestanden, in der Nähe des US-Konsulats ein Werk künstlerisch wertvoller Erinnerung zuzulassen, das zugleich ein Zeichen der Solidarität hätte sein sollen und können.

Mit der Aktion "II.9.II. - DNA der Erinnerung - eine Gedenkdemontage" hat Berkan Karpat nun am vorgesehenen Aufstellort an der Von-der-Tann-Straße/Ecke Königinstraße einen sechs Meter langen Teil seiner Installation in Segmente zerlegt und entsorgt. So wie der Arm des Roboters bei der Entstehung der Skulptur fraß sich nun der Schweißbrenner zischend, fauchend, Funken sprühend in die Stahlplatte, zerlegte sie in Segmente, die in einem Müllcontainer landeten. Unermütlich über Stunden hämmerten Berkan Karpat und Zoro Babel auf das erste Schnittstück ein, produzierten monotone Klänge und ließen zugleich neue Zeichen entstehen. Das Rauschen des Münchner Bachs und das Zischen des Schweißgeräts mischten sich darunter. Gabrielle Graf rezitierte wieder ein lyrisches Gebetspoem, unterbrochen von der 114. Sure des Koran. Und immer wieder wurde das alles durch den Straßenlärm der stark befahrenen Von-der Tann-Straße übertönt - Synonym auch für die Schnelllebigkeit der Erinnerung.

Kunst entsorgen ist hart und macht einsam (Foto: Achim Manthey)

Immer wieder hielten Passanten vor dem Geschehen inne, trotz der metallenen Schautafel, auf der Entstehung und Sinn der Aktion prägnant und klug erläutert wurden, ahnungslos, ratlos, verwirrt. Etwas mehr Erläuterung wäre für viele hilfreich gewesen.

Die Frage nach dem Stand unserer Erinnerungskultur, ihrer ideologischen und künstlerischen Ausrichtung, aber auch nach der künstlerischen Freiheit im Konflikt mit der Verwaltung des öffentlichen Raums als Präsentationsfläche, die mehr ein Gegeneinander als ein Miteinander zu sein scheint, konnte die Aktion nicht abschließend beantworten. Wer dabei war, dem bleibt allerdings das schale Gefühl, München könnte hier eine Chance vergeben haben.

 

 

Veröffentlicht am: 03.06.2012

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