Stadtmuseum feiert Großmarkthalle

Vitamine für Mensch und Tier aus einer unbekannten Welt

von Achim Manthey

Großmarkthalle München, 1912 (c) Markthallen München

Obst und Gemüse aus mehr als neunzig Ländern. Die Münchner Großmarkthalle ist heute der drittgrößte Umschlagplatz für diese Waren in Europa. Zu ihrem 100. Geburtstag widmet ihr das Stadtmuseum eine fulminante Ausstellung.

Die Stadt schläft noch, wenn es in ihrem Bauch zu brodeln beginnt. Um fünf Uhr in der Frühe beginnen hunderte Händler ihre Stände aufzubauen und die Waren auszubreiten. Eine Stunde später, zur Marktöffnung, wird die zugelassene Kundschaft aus Fachhandel und Gastronomie über sie herfallen, drücken, wägen, prüfen und mit dem Feilschen beginnen. Orangen aus Südafrika und Spanien, polnische Zwiebeln, Pfirsiche aus Griechenland oder Äpfel aus Südtirol und Australien. Allein 24 Gemüseproduzenten bauen ihre Produkte in München und Umgebung an und bieten sie feil. "SALAT, das ganze Jahr Salat" verheißt ein Kochbuch von Katinka Mostar aus dem Jahr 1962.

Die Entwicklung Münchens zur Großstadt und die damit verbundenen Probleme bei der Versorgung der Bevölkerung machten zu Beginn des 20. Jahrhunderts neue Überlegungen erforderlich. Viktualienmarkt oder die Märkte am Salvatorplatz, dem Wiener Platz oder der Elisabethmarkt sicherten die Versorgung bis dahin. Entferntere Stadtteile wurden durch fliegende Händler oder Hausierer versorgt. Das reichte nicht mehr aus.

Die Stadt entwickelte sich rasant, sodass schon 1878 der zentrale Schlachthof an der Zenettistraße eröffnet wurde. 1912 hatte München die Zahl von 615.000 Einwohnern erreicht. Bereits 1909 begannen die Planungen der Stadt zur Errichtung einer Großmarkthalle. Nach den Plänen des Architekten Richard Schachner wurde sie gebaut und am 14. Februar 1912 eröffnet. Schon damals war es eine Stadt in der Stadt: Nur zugelassene Händler durften anbieten, die Verwaltung hatte eigene Regeln aufgestellt, die intern überwacht wurden. Es gab eine eigene Zollabfertigung, die der königlich-bayerischen Amtsspedition Balthasar Papp übertragen war, dessen Nachfahren bis heute in der Großmarkthalle präsent sind. Das Kontor ist in der Ausstellung nachgebaut, ergänzt durch Videoinstallationen, in denen Güterzüge zur Abfertigung vorbeirollen. Auch die respekteinflößende Uniform des Amtsspediteurs wird gezeigt.

Großmarkthalle München, um 1915 (c) Stadtarchiv München, Fotosammlung

 

Eine wechselvolle Geschichte begleitet den Markt in den folgenden Jahrzehnten. Handelsbeschränkungen während der Kriege, Engpässe in der Versorgung und Zerstörungen prägen das Bild ebenso wie die nun auch in Sendling beginnende Gentrifizierung. Bombenangriffe der Alliierten am 7. September 1943 zerstören die Großmarkthalle weitgehend. Die Händler bauen fahrbare Stände auf und handeln mit dem weiter, was zu bekommen ist. Erst 1950 lässt Oberbürgermeister Thomas Wimmer den Großmarkt wieder aufbauen. In den Wirtschaftwunderzeiten der 1950er/60er Jahren boomt das Geschäft, erleichtert durch die Liberalisierung des Europäischen Wirtschaftsverkehrs. Die damals erzielten Zahlen wurden nie wieder erreicht. Immer wieder gibt es Rückschläge: Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl brachte das Geschäft zeitweilig fast zum Erliegen, auch die Lebensmittelskandale der jüngeren Zeit treffen den Markt schwer.

Werbemarke des Fruchtgroßhändlers Cornelio Joris, um 1920 (c) Münchner Stadtmuseum

Etwas 300 Betriebe mit rund 3000 Beschäftigten beschicken die Großmarkthalle heute. In Organisation und Struktur ist sie ein internationaler Wirtschaftsbetrieb, nach Paris und Barcelona der drittgrößte in Europa. Hunderte Tonnen frisches Obst und Gemüse aus aller Welt werden jährlich umgesetzt. Längst wird nicht nur die Stadt versorgt. Auch Händler aus dem Umland bedienen sich dort. Ein Großabnehmer ist der Nachbar von der anderen Isarseite. Der Tierpark Hellabrunn nimmt wöchentlich etwa 2,5 Tonnen an frischem Obst und Gemüse ab und verschmäht auch die Waren nicht, die für den menschlichen Verzehr nicht mehr geeignet sind. Allein 12,5 Tonnen Bananen sind 2012 über den Fluss gewandert, die Ladung zweier Bananendampfer.

Die Münchner Ausstellung zeigt die historische Entwicklung der Großmarkthalle anhand von Schautafeln, Gemälden, Fotografien und Modellen. Verkaufsstände sind nachgebaut und der Einfluss des technischen Fortschritts auf die Logistik wird gezeigt. Auch der Arbeitsalltag der Händler und ihrer Mitarbeiter wird dargestellt. Im Ausstellungkino sind spannende Dokumentationen des Bayerischen Rundfunks zu sehen, die bis ins Jahr 1958 zurückgehen. Die Videokünstlerin Betty Mü setzt sich in einer wandfüllenden Videoinstallation ebenso kritisch wie ironisch mit dem Thema "Essen und Lifestyle" auseinander.

Großmarkthalle München 2011 (c) Daniel Schvarcz

Der Markt ist sanierungsbedürftig. Den Erfordernissen der heutigen Zeit entspricht er schon lange nicht mehr. Auch dies verschweigt die Ausstellung nicht. Gezeigt werden Entwürfe der Fakultät Architektur der Technischen Universität München, die Zukunftsperspektiven aufzeigen und sogar eine Aufwertung des Stadtteils Sendling mit sich bringen würden. Die Umsetzung könnte allerdings an den fehlenden finanziellen  Mitteln scheitern. Immmerhin sind die Pläne, die Großmarkthalle an den Stadtrand zu verlagern, vom Tisch.

Es ist eine eindrucksvolle Schau. Sie führt den Besucher in eine unbekannte Welt, die unser tägliches Leben so erheblich bestimmt - und deren Zukunft ungewiß ist.

Bis zum 15. Juli 2012 im Münchner Stadtmuseum, St. Jakobs-Platz 1, täglich außer Mo vom 10-18 Uhr. Zur Ausstellung ist für 58 Euro ein üppiger Katalog erschienen.

Veröffentlicht am: 30.05.2012

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