"Sommerfrische" im Schlossmuseum Murnau

Zurück zur Natur – Müßiggang in schöner Umgebung

von kulturvollzug

Titelillustration von Ferdinand Spiegel für das "Bayerische Verkehrsbuch", um 1910. Foto: Marktarchiv Murnau

Man fährt wieder in die Sommerfrische. Erkennbar wird seit einigen Jahren ein Trend, der sich teilweise mit der Wiederentdeckung der Nähe und des einfachen Lebens verbindet. Zurück zu dieser uralten Urlaubsform. In mehreren europäischen Regionen wurden entsprechende Programme entwickelt. Beispielsweise werden Grandhotels im historischen Stil aufgemöbelt. Touristische Angebote heißen beispielsweise „Wie bei Goethe“ oder „Kulinarische Sommerfrische“ Wirte kutschieren ihre Gäste im Vierspänner und kochen „wie bei Oma“. Und das Schlossmuseum von Murnau eröffnete soeben eine Ausstellung „Endlich Ferien! Von Sommerfrische und Müßiggang".

Die gute alte Sommerfrische ist also „fashionabel geworden“, um mit Ludwig Steub zu sprechen. Dieser altbayerische Alpenforscher und Alpenpublizist hatte schon 1848 bei seinen stets mit Recherchen verbundenen Reisen herausgefunden, woher das Wort eigentlich stammt. „Die Frische gehörte zu den Bozner Seligkeiten,“ schrieb er. Zum Besitzanspruch der bessergestellten Männer von Bozen gehörten: eine Frau, ein Haus unter den Lauben, ein Weingut, ein Kirchenstuhl, eine Loge im Stadttheater – und für den Hochsommer eben einen kleinen Ansitz im Mittelgebirge zum „Frische halten“.

Die Mode des über kürzere oder längere Zeit geübten Müßiggangs in möglichst schöner Umgebung wanderte bald über die Alpen. Gefördert und aufgewertet wurde die Vakanz – so die anfängliche, noch vom Sommerfrischler Ludwig Thoma verwendete Bezeichnung für Ferien – durch die Freiluftmaler des 19. Jahrhunderts sowie durch Literaten, die sich mit Vorliebe an den Seen im südlichen Bayern und im Salzkammergut niederließen oder dort umguckten. Sie wohnten anfangs zumeist in eigenen Villen oder in den Häusern von Freunden. Als etwa ab 1860 die ersten Eisenbahnen nach Traunstein und Murnau dampften und erste Reiseführer das Hochland beschrieben, entfaltete sich die Sommerfrische allmählich zu einem allgemeinen bürgerlichen Kulturgut.

Lovis Corinth und Josef Ruederer, Brief an Elisabeth Ruederer mit einer Zeichnung von Lovis Corinth vom 24. September 1896: "Der Dichter / Am Starnbergersee / Der Maler". Foto: Monacensia, Literaturarchiv und Bibliothek, München

Dies alles dokumentiert bis 1. Juli die Murnauer Ausstellung – genauer noch der Katalog dazu. Die rasch verbreiteten Werke zahlreicher Maler, Zeichner und Dichter lockten wiederum andere Stadtbürger hinaus ins Grüne. Es gibt eine umfangreiche Literatur mit Berichten, Erzählungen, Romanen aus der Sommerfrische, noch lange nach Steub und dem ebenso wanderfreudigen Münchner Hofbibliothekar Heinrich Noe, der viele Orte in den Alpen überhaupt erst bekannt gemacht hat. Elisabeth Tworek, Leiterin der Monacensia und Mitarbeiterin der Murnauer Ausstellung, hat ein Lesebuch „Literarische Sommerfrische“ herausgegeben.

Da beschreibt Otto Julius Bierbaum, wie er nach Mittenwald fuhr und Paul Heyse, wie er im Extrazug nach Berchtesgaden unterwegs war. Ödon von Horvath wandelte abseits der Alpenstraßen, Marc Twain bummelte am Alpenrand, Karl Valentin schrieb einen lustigen Brief aus Bad Aibling, Max Halbe verbrachte einen Sommer in Bernried, Thomas Mann hatte mit Großfamilie und Hund zahlreiche Sommerfrischen in mehreren Orten, worüber auch seine Kinder literarisch Zeugnis gaben. Albert Camus erinnerte sich an den Königssee, Grete Weil und Albrecht Joseph an den Tegernsee, Bert Brecht an den Ammersee, Herbert Achternbusch und Kandidja Wedekind an Ammerland. Rainer Maria Rilke verbrachte stürmische Liebeswochen in Wolfratshausen und so weiter.

Die Sommerfrische gewann Umfang und Anspruch bei einem in der Gründerzeit aufblühenden Großbürgertum. Sie wurde zum Ausdruck von Prestige. „Der Sommerfrischler von heutzutage ist meist ein gar anspruchsvolles Wesen“, lesen wir in einem Murnauer Fremdenführer von 1911. „Er wünscht mit dem Sonnenaufgang neben der Erholung verbunden eine schöne Reise, am Platze eine schöne billige Wohnung, gute Verpflegung, angenehme Unterhaltung, ozonreiche Luft, schattige Spazierwege, herrliche Umgebung, heilkräftige Bäder.“ An solchen „Grundbedürfnissen“ hat sich bis heute wenig geändert.

Was man heute touristische Infrastruktur nennt, ließ früher freilich oft zu wünschen übrig. Der wandernde Ludwig Steub stand wiederum in der Vorhut der Kritiker. Die Münchner Bohème-Gräfin Franziska von Reventlow, die mit Freunden oder mit ihrem „Bubi“ etliche Feriengegend im Alpenland frequentiert hat, höhnte aus Hohenschäftlarn: „Man braucht nicht nach Griechenland zu fahren, um schmierige Hotels, zudringliche Leute, atmende Sophas und unheimliche Betten zu finden... Pfui Teufel!“ Aber auch Kandinsky fühlte sich draußen in der Landschaft, wohin er mit Gabriele Münter meistens radelte, beim Malen durch die vielen Wanderer gestört.

Felicia Seyd und Ödön von Horváth im Garten der Murnauer Villa, 1924. Foto: Schlossmuseum Murnau, Bildarchiv

Wie reagierten nun die Einheimischen auf die – mehr oder weniger anspruchsvollen – Sommerfrischler? Angemahnt auch durch den 1890 in München gegründeten „Landesverband zur Hebung des Fremdenverkehrs in Bayern“ oder durch örtliche Verschönerungsvereine, leisteten sich die Wirte, die auf sich hielten, gegen Ende des 19. Jahrhunderts so komfortable Innovationen wie Sitzbäder, Theatersäle und elektrisches Licht. Andererseits verspotteten satirische Blätter die komischen „Preißn“, die sich gern der Kleidung und dem „urigen“ Gehabe ihrer Gastgeber anzupassen versuchten.

Natürlich waren die Gäste, die außer Geld auch Gaudi und ein bisschen Stadtleben in die Dörfer brachten, im allgemeinen gern gesehen. Der Name Sommerfrischler war aber hier gar nicht üblich. Die Fremden, die da kamen, waren einfach nur „die Stadterer“ oder „d’Sommergäst“ oder anfangs gar, wie Steub aus „der Zell“ (Bayrischzell) die Redeweise einer Bäuerin beschreibt, „die Herrischen“. Was sie dort so trieben, zeigen im Schlossmuseum gar prächtige Bilder: Sie badeten, ruhten, ruderten, zeichneten, wanderten und picknickten auf der Alm, einige gingen auch auf die Jagd oder segelten und manche berichteten über ihre Erlebnisse mehr oder weniger poetisch im Fremdenbuch. Auch das hat sich bis heute kaum geändert.

Vielerorts wurden die Feriengäste, wie vergilbte Fotos zeigen, vom Bahnhof abgeholt: mit Kutschen, Fuhrwerken, das Gepäck auf Schubkarren, im Winter mit Schlitten. Denn zur Sommerfrische kam, nachdem man den Eislauf auf den zugefrorenen Alpenseen und bald danach die nordischen Schneeschuhe entdeckt hatte, die Winterfrische – wenngleich sich dieser Begriff nie eingebürgert hat. Mit dem Begriff Sommerfrische indes, der sich grundsätzlich auf Einzelreisende oder Familien bezogen hat, war es zu Ende, als um 1930 der pauschalierte Massentourismus und gleich darauf die von den Nazis organisierte und streng gesteuerte „Kraft durch Freude“ begann.

Karl Stankiewitz

Der Autor, der auch ein Buch über die Anfänge des Fremdenverkehrs in Oberbayern („Mir ging eine neue Welt auf“) veröffentlich hat, hält am 2. Mai 2012 in Prien einen Lichtbildervortrag über „Sommerfrische".

Die Ausstellung "Endlich Ferien! Von Sommerfrische und Müßiggang" im Schlossmuseum Murnau ist noch bis zum 1. Juli 2012 zu sehen (Dienstag bis Sonntag, je 10-17 Uhr)

 

Veröffentlicht am: 02.05.2012

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