Auftakt zum "Radikal Jung"

"Rocco und seine Brüder": Die Magie der begrenzten Mittel

von Jan Stöpel

Rocco und seine Brüder. Foto: Bettina Stöß

Stummfilm zu Beginn, ein Wunderkoffer am Ende: Antu Romero Nunes jongliert zu Beginn von "Radikal Jung 2012" geschickt mit  Filmzitaten und schafft in seiner Adaption von Viscontis Film "Rocco und seine Brüder" mehr als eine Nacherzählung - ein Plädoyer für die Möglichkeiten des Theaters.

Eine Bestätigung schon mal voraus: Eon verlässt München und auch "Radikal Jung". Das Festival der jungen Regisseure verliert damit nach der achten Auflage 2012 seinen wichtigsten Geldgeber. Dies verkündete nochmals Volkstheater-Intendant Christian Stückl, verbunden mit der launigen Aufforderung: "Wenn Ihr einen Sponsoren wisst, dann sagt's mir doch bitte bescheid."

Theater, das ist eben auch immer Kampf mit begrenzten Mitteln. Deren Einsatz wiederum kann mitunter zu kleinen Wundern führen: Theatermagie, die im Betrachter das Kopfkino anlaufen lässt, obwohl auf der Bühne tatsächlich nur Unscheinbarstes bewegt wird. Antu Romero Nunes schaffte das in München schon einmal: mit seinem "Geisterseher" erweckte ervor zwei Jahren mit wenig mehr als zwei hervorragenden Schauspielern und ein paar Plastiktüten eine verwickelte Geschichte zum Leben.

Nunes weiß, das darf man ihm unterstellen, welche Knöpfe zu drücken sind. Er ist ein Regisseur von einer Effektsicherheit, wie man sie überhaupt, geschweige denn in diesem Alter, nur selten zu sehen bekommt. Diese Stärke beweist der Vielgefragte über weite Strecken auch in "Rocco und seine Brüder", einer Produktion für das Maxim-Gorki-Theater in Berlin.

Leben aus dem Koffer: Vincenzo (Albrecht Abraham Schuch) hat ein Dach überm Kopf. Foto: Bettina Stöß

Wir sehen zunächst den jüngsten der Brüder, Luca (Alp Erdener Ergovan), auf der Bühne auf und ab gehen. Das Licht erlischt, und aus der Dunkelheit schälen sich einige Männer. Vier von ihnen hüllen sich in schwarze Mäntel, setzen sich Mützen auf. Dem fünften drapieren sie ein Tuch als Rock um die Hüfte, ein weiteres legen sie ihm über den Kopf. "Mama" erscheint im Übertitel. Ohne Ton geht es weiter, aus dem Off kommentiert ein Klavier wie in Stummfilmzeiten das Geschehen auf der Bühne: Die Familie, wie sie frierend im Mailänder Winter ankommt, wie sie im Hause von Vincenzo (Albrecht Abraham Schuch) Unterschlupf sucht, wie sich die Brüder durch Schneeschippen ein bisschen Geld verdienen. Nunes erzählt nicht den Film nach, sein Theater tut erst gar nicht so: Es distanziert sich immer wieder von seiner Vorspiegelung cineastischer Tatsachen. Irgendwann umarmt Rocco (Robert Kuchenbuch) Nadja (Anne Müller) und hört sie etwas sagen, das doch nur der Zuschauer im Übertitel lesen kann. Und Nadja antwortet: "Das ist nur eine Projektion."

Alles nur ein als ob. Nunes holt den Zuschauer immer wieder runter und entlässt ihn sogleich wieder in seinen Phantasieraum. Ein paar Papierflocken, ein paar Koffer, Pantomime schon haben Nunes und seine Akteure ein Bild von warmen und gleichzeitig peinsamen Familienbanden in der kalten Großstadt gemalt. Ein paar Neonröhren, ein bisschen Dampf, ein paar Lautsprecherboxen, und schon hat man die Straßen Mailands, eine Wäscherei, einen Boxring vor Augen. Florian Lösche hat ein auf ein ersten Blick sehr einfaches und ein die ganze Zeit hindurch sehr wirksames Bühnenbild geschaffen, das mehr mit  Licht als mit Gegenständen arbeitet.

Die Fünf wischen sich das Stummfilmweiß aus den Gesichtern und - den Kalauer kann Nunes nicht auslassen - könnten sich ihre Pläne gleich mit abschminken. Nichts von Lichter der Großstadt mehr, die harte Realität empfängt die Familie, deren Mitglieder jeder auf ihre Art scheitern, eine Geschichte von Versuch und Frustration, von kurzer Liebe und tödlicher Eifersucht. Simone (Michael Klammer) hätte Boxchampion werden sollen, er wird: Dieb, Taugenichts, Mörder. Ciro (Matti Krause) baut als Mechaniker bei Alfa Romeo am italienischen Traum mit, bekommt aber als schlechtbezahlter Arbeiter nichts von ihm mit. Die Rollen der Mutter, des Boxtrainers, der Wäscherei-Chefin übernimmt im fliegenden Wechsel Andreas Leupold. Diese nun vollkommen offensichtlich vorgetäuschte Mutterexistenz illustriert treffend den Satz: Ein Monster, das aus dem Schoß einer toten Mutter geboren wird.

Opfer für die Familie: Rocco (Robert Kuchenbuch) und Nadia (Anne Müller). Foto: Bettina Stöß

Nunes inszeniert, wie gesagt, effektsicher. Das Problem ist, dass man eben diese Sicherheit, die irgendwann auch in Eitelkeit umschlagen kann, die man als Zuschauer ab und zu spürt. Nunes hat seine hervorragenden Schauspieler gut eingestellt, so gut, dass es wirkt, als spielten die Sieben vollkommen frei, als folgten sie einer inneren Notwendigkeit. Allein, das Tempo droht irgendwann zu verschleppen. Man hat die Mittel gesehen, man erkennt sie, man kennt die Not der Figuren: Kurz, ganz kurz, droht man als Zuschauer der Geschichte verloren zu gehen. Wie Nunes den Bogen schlägt, wie er einen am Ende doch wieder einfängt, sagt aber eine ganze Menge über die Meisterschaft des noch nicht einmal Dreißigjährigen aus: In einer Reihe mit seinen Brüdern und seiner Mutter steht Luca und singt ein trauriges Lied, das laut Übertitel vom Verlust der Heimat kündet. Allein, Lucas Text erzählt von etwas ganz anderem. Wieder einmal ist alles nicht so wie es aussieht. Die Familie, so ahnen wir, gibt es schon lange nicht mehr, sie war ein Bild, eine Erinnerung. Jeder hatte eine Aufgabe, und Luca die schwierigste: Garant der süditalienischen Heimat zu sein. Am Ende steht er allein auf der Bühne, kniet vor dem letzten verbliebenen Koffer, unter dessem Deckel magisches Licht hervorströmt. Man hat dieses Bild schon gesehen, man kennt es - und dennoch entfaltet es Wirkung: Erinnerungen sind das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.

Radikal Jung wird am heutigen Sonntag abend mit "Korijolánusz" nach Shakespeares Tragödie Coriolanus fortgesetzt (20 Uhr). Das Gastspiel des Hopp Art Theaters Budapest findet im Theater Gut Nederling statt. Am morgigen Montag steht auf dem Programm: um 18 Uhr und 21 Uhr im Großen Haus "Hate Radio", International Institute of Political Murder; und um 18 Uhr und 21 Uhr in Theater Gut Nederling nochmals "Korijolanusz".

Veröffentlicht am: 22.04.2012

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