Werke von Marion Dorn in der Staatsbibliothek

Ein Blick zurück für die Zukunft

von Achim Manthey

Zwiegespräch mit der Weisheit (c) Marion Dorn

In Anwesenheit zahlreicher Prominenz, darunter die Kabarettisten Dieter Hildebrand, Gerhard Polt und Frank-Markus Barwasser, eröffnete am vergangenen Sonntagabend die Ausstellung "Die Weltenältesten" mit Installationen und Fotos der Münchner Künstlerin Marion Dorn. Eine Weltpremiere und ein Versuch.

 

Die schöne junge Frau hat seine Körperhaltung angenommen. Am Boden sitzend, das rechte Beim angewinkelt, den Kopf auf die Faust gestützt, sieht sie ihn an, scheint seinen Erzählungen zu lauschen. Ihr Gegenüber: eine gesichtslose Figur, aus Packpapier geformt, geknüllt, gedreht und mit Paketschnur gebunden. Sie symbolisiert die Weisheit und das Wissen der Vergangenheit. Beides droht verloren zu gehen. Zahlreiche dieser Figuren bevölkern die Ausstellung. Klettengleich hangeln sie sich an der Innenfassade des imposanten Treppenhauses empor, erobern das Fenster zum Fürstensaal im ersten Stock, wo sie sich in einer Installation kreuz und quer ineinander verkeilen. Über allem hängt eines dieser Menschengebilde: Der Gekreuzigte oder der Erzengel des Wissens. Wer weiß?

Von unten endlich wieder nach oben (Foto: Achim Manthey)

Es geht um den Verfall von Kunst und Kultur. Die virtuelle Welt mit ihrer Medienvergiftung, Bilderflut, in ihrer Folge der Zersplitterung der Wahrnehmung und einem jedenfalls partiellen Gedächtnisverlust, hervorgerufen durch den Verlust der Fähigkeit der Unterscheidung, führt zunehmend zu der Frage nach Wesen, Sinn und Substanz der Wirklichkeit. Gibt das, was wir lesen oder sehen, überhaupt noch Realitäten wieder und wenn ja, welche? Genießen wir Reizüberflutung als seichte Ablenkung oder nehmen wir noch ernsthaft wahr, setzen uns intellektuell mit dem, was wir konsumieren, auseinander? Ist es das "Original", oder genügt uns zur Vernebelung der Sinne ein Irgendetwas? Es reicht nicht mehr, von unten zu wirken, die Künstler müssen sich wieder nach oben erheben und dort schaffen, meinte Marion Dorn sinngemäß bei der Ausstellungseröffnung.

Marion Dorn betreibt eine Spurensuche, in der sie für eine neue Befassung und Auseinandersetzung mit der Menschheitsgeschichte plädiert, um eine lebenswerte Zukunft zu gestalten. Und auch, um einer Kunst, die zuweilen auf der Stelle tritt, den Weg zu neuer Inspiration zu zeigen. Die auf Kreta und in Oberbayern entstandenen Fotografien stehen für die Anfänge der Menschheit bis hin zu dem, was heute als Hochkultur bezeichnet wird. Was vielen neu erscheint, war von alters her da, wie es in einem Sonett von William Shakespeare heißt, dem die Ausstellung ihr Motto entnommen hat. Archaische, vereinsamte Landschaften, die zu Collagen werden. Ein Alter am Strand, weiß- und langhaarig, zeigt die ganze Erfahrung eines langen Lebens. Spiegel spiegeln die Bilder, lösen sie im Nichts auf - und führen den Betrachter in seiner Klugheit wie Einfalt vor. Unwillkürlich wird er Teil der Schau.

Ich trage Dich in die Zukunft, Kunst! (Foto: Achim Manthey)

Eine einmalige Performance begleitete die Ausstellungseröffnung. Sie begann mit einer ferngelenkten Drone, die durch das Treppenhaus schwebt und das Publikum filmisch zu erfassen scheint, sich dann im Niedergang nahe einer dieser "Ödzies" (Gerhard Polt), der, von der Brüstung gestoßen, auf den Stufen liegt, in die Treppe zu frisst, zu zerschellen droht, dann doch noch einmal aufsteigt und mit leichten Blessuren auf dem nächsten Absatz landet. Dieweil erscheint unten eine attraktive Farbige, ein weißes Baby im Arm, stellt einen Koffer ab, schreitet empor, nimmt den Gefallenen auf und führt das Publikum mystisch vor sich hin summend  in den Fürstensaal.  Das war stark - so stark überzogen, dass die ganze Veranstaltung ins Lächerliche abzukippen drohte.

Weitgehend unbemerkt oder nicht wahrgenommen vom Publikum klagte bei der Ausstellungseröffnung ein Saxophonspieler mit leisen, traurigen Klängen über die Einsamkeit der Kunst. Ein Höhepunkt der Vernissage.

"Ich möchte wetten Eins zu Hundert/Weit schlecht're Leute hat man mehr bewundert." So endet Shakespeares Sonett. Dieser Schluss passt auf die Schau. Für die Staatsbibliothek ist es die erste Kunstausstellung seit ihrem Bestehen. Ludwig I. hätte seine Freude gehabt. Daraus könnte mehr werden.

Bis zum 24. April 2012 täglich von 8 bis 24 Uhr in der Staatsbibliothek in München , Ludwigstraße 16. Eintritt frei.

 

 

 

Veröffentlicht am: 16.04.2012

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