Ladenfronten aus New York in München

Punkrock, Würstel und ein Silo im Fahrradladen - wie eine Stadt ihr Gesicht verändert

von Achim Manthey

Emey's Bicyles, 2003 (c) James T u. Karla L. Murray

Seit mehr als zehn Jahren fotografieren James T. und Karla L. Murray die Fronten alteingesessener Geschäfte in New York. Zum ersten Mal in Europa ist in München nun eine Auswahl ihrer Bilder zu sehen.

Räucherlachs und Kaviar gehen immer. "Russ & Daughters Appetizers" gibt es seit 1914 an der East Huston Street in Manhattans Lower Eastside. Sie sind bekannt für ihren Lachs und die exquisite Auswahl an Kaviarsorten, aber auch  Sauerkraut, Bagels oder getrocknete Früchte kann man da kaufen. "Katz's Delicatessen" gleich nebenan bietet schon seit 1888 osteuropäisch-jüdische Küche, aber auch Frankfurters und natürlich das beste Sandwich der Stadt. "McSorley's Old Ale House", 1854 eröffnet, war allen Emanzipationsbewegungen zum Trotz bis 1970 die letzte Bar der Stadt, zu der nur Männer Zutritt hatten. Slogan: "good ale, raw onions, and no ladies". Die Läden haben sich halten können über die Jahrzehnte.

Russ & Daughters, 2004 (c) James T u. Karla L. Murray

 

Dieses Glück hatten nicht alle. Viele mussten in den vergangenen Jahren schließen, wichen den Neubauten großer Konzerne mit ihren glänzenden, gesichtslosen Fassaden. Etwa die Hälfte der kleinen Geschäfte, die das Fotografenpaar im Bild festgehalten hat, existiert nicht mehr. Nach über 30 Jahren musste "Mans Bar" in Manhattan schließen - dass da hygienische Gründe eine Rolle gespielt haben sollen, glaubt man nach dem Foto unbedingt. Auch den Geburtsort des American Punk Rock, das "CBGB" im East Village von Manhattan, in dem unter anderem Patti Smith und Blondie ihre Weltkarriere starteten, gibt es seit 2006 nicht mehr.

Der Geburtsort des American Punk Rock, das CBGB, 2005 (c) James T u. Karla L. Murray

 

Seit mehr als zehn Jahren durchstreifen James T. und Karla L. Murray die Metropole am Hudson River, um die historischen Ladenfronten in den fünf Stadtbezirken im Bild festzuhalten. Ganze Straßenzüge sind immer noch geprägt von den pittoresken Fassaden, die sich aneinanderreihen und der Moderne zu trotzen scheinen. Metzgereien mit Spezialitäten aus aller Herren Ländern, Bäckereien wie die Vesuvio Bakery, die ihren zugewanderten Landsleuten ein Stück alter Heimat bieten. Die Fotografien zeigen in der Vielfalt der Geschäfte auch den "melting pot", der New York, diese Stadt aller Städte ist.

Mars Bar, 2005 (c) James T. u. Karla L. Murray

"Emey's Bike Shop". Das Geschäfts gibt es seit 1900. Das Gebäude war ursprünglich eine Scheune auf der Farm von Peter Stuyvesant, der zwar nichts mit dem "Duft der großen weiten Welt" zu tun hatte, umso mehr aber mit der Entstehung dieser Stadt. Eine Fassade aus Zinn, im Erdgeschoss ist noch das alte Silo erhalten. Im Theaterbezirk bietet das "Film Center Cafe" seit 1933 amerikanische Küche. Und in der "Lenox Lounge", 1939 eröffnet, traten Jazzgrößen wie Billie Holiday und Miles Davis auf. Etwas aus der Art fällt die Aufnahme vom "Astroland" auf Coney Island, dem letzten Vergnügungspark dort, in dem die berühmte hölzerne Achterbahn von 1927 wieder aufgebaut wurde.

Es sind ruhige, farbenfrohe Fotografien, die ein sehr abwechslungsreiches Abbild einer wohl sterbenden Tradition wiedergeben. Die Dekorationen und alten Reklameschilder zu sehen bereitet die größte Freude. Es ist ein echtes Verdienst von Nick Hermanns und seiner Galerie, das hier zu zeigen.

Die Murrays fotografieren analog. Das ist aufrichtig, ehrlich und nicht zu übersehen. Die Farbenpracht und der Detailreichtum der Aufnahmen lässt sich digital bis heute nicht erreichen. Die Fotos zeigen das abgenutzte Leben. Welch ein Glück. Es ist eine sehenswerte Ausstellung.

Die Ausstellung "Store Fronts" ist bis zum 26. Mai 2012, Di-Fr 15-19 Uhr, Sa 11-16 Uhr, in der Fotogalerie im Blauen Haus, Schellingstraße 143/Ecke Schleißheimer Straße in München zu sehen. Der Eintritt ist frei. Das Buch zur Ausstellung ist toll gemacht und empfehlenswert.

 

 

Veröffentlicht am: 11.04.2012

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