"Frauen"-Ausstellung in der Pinakothek

Interview mit Carla Schulz-Hoffmann über ihr Abschiedsgeschenk an München

von Roberta De Righi

Auch Beckmanns liegender Akt ist Teil der Ausstellung © VG Bild-Kunst, Bonn 2012

Über 35 Jahre war sie bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen als Kuratorin für die Klassische Moderne zuständig, seit 1991 auch stellvertretende Generaldirektorin. Jetzt verabschiedet sich Carla Schulz-Hoffmann, zehn Jahre nach Eröffnung der Pinakothek der Moderne, mit der großen „Frauen“-Ausstellung in den Ruhestand – auch wenn der bei „CSH“ kaum vorstellbar ist.

Wir haben bereits vor Ausstellungseröffnung mit noch einmal mit ihr gesprochen.

 

Frau Schulz-Hoffmann, wie kam es zu der ungewöhnlichen Trias „Beckmann – Picasso – de Kooning“?

Ausgangspunkt war, dass ich mich im Laufe meiner Karriere intensiv mit Beckmann beschäftigt habe. Es ist auffallend, dass die Probleme, die für ihn in seiner Biographie oder politisch wichtig waren, entweder in Mehrfigurenkompositionen oder im Selbstporträt zum Tragen kommen. Er war der große „Selbstbildnis-Maler“, der sich gnadenlos analysierte, der sich in unterschiedlichen psychischen Situationen zeigt, hypersensibel, oft fast zerbrechend. Bei den Frauenbildern aber gibt es diese Instabilität, das Geworfensein nicht. Die Frauen scheinen einen größeren Grad selbstverständlicher Ruhe und Gelassenheit zu besitzen.

Was verband Beckmann mit Picasso?

Jeder hat sich damals an dieser großen Figur orientiert, und auch für Beckmann war Picasso extrem wichtig. Er wollte ähnlich berühmt sein, ähnlich viel Geld verdienen. Seine Ausstellung 1931 in Paris sollte dazu beitragen, aber sie war, auch finanziell, ein Flop. Picasso wiederum schuf im Vergleich zur schier maßlosen Fülle an Frauenbildern relativ wenige Selbstbildnisse. Was Beckmann in der Zweipoligkeit von Mann und Frau umsetzt, das spiegelt Picasso in den Frauenbildern. Darin schildert er alles, was ihn emotional bewegt, begeistert, fasziniert, verunsichert und beunruhigt - bis hin zu den politischen Problemen seiner Zeit.

Picassos Frauen sind mal ganz realistisch, mal bis zur Unkenntlichkeit zerlegt.

Das letzte Porträt seiner ersten Frau Olga von 1923 ist sensationell, von Manetscher Peinture. Seine Ehe begann damals bereits zu zerfallen, aber dennoch steckt in diesem Bild keine Kritik, sondern es ist von Melancholie und Würde geprägt. Ähnlich charakterisiert Beckmann 1924 kurz vor der Trennung seine erste Frau Minna. Aber vier Jahre später entsteht von Picasso das Bild „Frau im Sessel“, bei dem man keine Ahnung hat, was die Frau, was der Sessel sein soll. Es ist vielmehr eine surrealistische, ironische Paraphrase auf die klassische, im Salon sitzende, bürgerliche Frau, die in eine Fisch-Form mit „Vagina dentata“ verwandelt wurde. Wollknäuel – sind es die Brüste - rollen zum Bildrand. Das ist ein Tabubruch, eine Umkehrung von allem Gewohnten.

Carla Schulz-Hoffmann verabschiedet sich in den Ruhestand Foto: Peter Hemza

Im Leben war Picasso ein Macho, er zuzelte seine Frauen aus, Dora Maar ist daran zerbrochen.

Es geht mir in erster Linie um die Kunst, nicht ums Biographische. In einigen Fällen kamen jedoch beide Dinge zueinander. So gab es bei Dora Maar die Neigung, sich extremen Risiken aussetzen, etwas, das Picasso bis zu einem gewissen Grad für seine während des Nationalsozialismus und im Krieg entstandenen Bilder zum Inbegriff von Schmerz und „Bedroht sein“ umformulierte. Francoise Gilot berichtete davon, wie Picasso Dora Maar angesprochen hat im Deux Magots, weil sie dieses Messerspiel spielte: Mit dem Messer möglichst nah an den Finger zu kommen, sie hatte Handschuhe an, sie blutete, weil sie mehrmals daneben gestochen hatte. Den Handschuh mit Blut hütete Picasso jahrelang wie eine Trophäe im Atelier. Zudem gab es in Doras Gesicht etwas, das ihn interessierte, das über die erotische Anziehungskraft hinaus für seine Kunst wichtig war. Ob Picasso oder Beckmann im Privaten die Menschen waren, mit denen man selbst hätte befreundet sein wollen, bleibt davon unberührt.

Und was charakterisiert de Kooning?

Bei de Kooning spielen die ‚Frauen’ an sich keine Rolle. Zwar übt er vordergründig Kritik am cleanen, verlogenen Frauenbild im Amerika seiner Zeit, jedoch hat dies nichts mit Frauenverachtung zu tun, wie ihm vorgeworfen wurde. Vielmehr ist die Frau Anlass, um eine neue Form von Malerei zu erproben. De Kooning sagte sinngemäß, dass er versuche, diese Frauen zu malen und dann immer wieder an dem „verdammten Knie“ hängen bleibe. Positiv formuliert bedeutet das, dass ihn das „Inhaltliche“ nicht interessierte. Es ging ihm um die Fülle an Gefühlen, Stimmungen im Bild der Frau sowie der Natur, die beide eine Einheit bilden. De Kooning ist ein Meister der Verbindung des Atmosphärischen und der Emotionen mit seinen Frauen in der Landschaft.

Was sind die Schlüsselwerke der Schau?

Es handelt sich eher um Werkgruppen, etwa die Porträts der drei Künstler von ihren Frauen „Olga“, „Minna“, „Elaine“. Dann gibt es Gemälde, die einen bestimmten Typus zeigen, wie etwa die „Dryade“, 1908, von Picasso die „Woman“ 1952/53 von de Kooning oder die „Columbine“, 1950, von Beckmann.

Was sind die spektakulärsten Ausleihen?

Auf jeden Fall das letzte Bild, das Picasso jemals gemalt hat, die Umarmung, 1972, aber auch „Der Kuss“, 1969, der selten gezeigt wurde und die außergewöhnliche Dichte an Meisterwerken von de Kooning. Die Kollegen waren bei den Leihgaben hilfsbereit und großzügig.

Wie schwer war es für Sie selbst, sich als Frau durchzusetzen?

Die großartigen Möglichkeiten und Herausforderungen bei den Staatsgemäldesammlungen führten dazu, dass ich nie große Ambitionen hatte, woanders hinzugehen. Und dann begann ja bald der Kampf um den Neubau der Pinakothek der Moderne. Da musste zunächst die Kollektion erweitert und gut aufgebaut werden. Später ging es darum, die Sammlung Brandhorst in München gut zu verankern und die Sammlung Stoffel. Alle Frauen, die ich in diesem Job kenne, beuten sich selbst aus. Ich kann mich nicht erinnern, jemals nicht einen Tag am Wochenende im Büro gewesen zu sein. Ohne einen Mann, der das mitträgt, wäre das nicht möglich gewesen. Lange Jahre war es für Frauen sehr schwierig, in die höchsten Stellen zu kommen, heute gibt es das häufiger. Aber es muss dennoch einiges passieren, es herrscht noch keine völlige Gleichberechtigung. Allein schon die Rahmenbedingungen sind für Frauen nach wie vor schwieriger, z.B. was die Kinderbetreuung betrifft.

Veröffentlicht am: 03.04.2012

Über den Autor

Roberta De Righi

Roberta De Righi ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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