Über die Geschichte der Rechtsmedizin

Die Ermittler in Weiß - auf der Spur des Verbrechens

von Achim Manthey

Die Constitutio Criminalis Carolina von Karl V., 1533 (Foto: Achim Manthey)

Die Ausstellung "Prof. Boernes Vorfahren - Historische Forensica der Sammlung Wolfgang Eisenmenger" an der Ludwig-Maximilians-Universität in München zeigt die Entwicklung der Rechtsmedizin vom Beginn des 16. Jahrhunderts bis heute.

Alberich kommt nicht vor. Auch dumme Sprüchen helfen nicht weiter, selbst wenn die Arbeit ohne eine gewisse Frotzelei nur schwer erträglich wäre. Streng wissenschaftlich geht es zu, wenn es um die medizinische Hilfe bei der Aufklärung von Todesursachen und insbesondere von Verbrechen geht.

Die Nutzung medizinischer und naturwissenschaftlicher Kenntnisse für die Rechtspflege - lange wurde die Wissenschaft daher auch "Gerichtsmedizin" genannt - hat alte Tradition. Schon in der Constitutio Criminalis Carolina, der Peinlichen Halsgerichtsordnung des Kaisers Karl V. von 1532 finden sich Hinweise auf die Zuziehung von Badern zur Ursachenforschung. Eine Foliante des rechtshistorischen Traditionswerks von 1533 ist in der Ausstellung zu bewundern.

Mit Paolo Zacchia wurde es ernst. Die "Questiones medico-legales in tres Tomus divisae", Nürnberg 1726 (Foto: Achim Manthey)

 

Dogmatisch ernst wurde es 1628 mit der ersten systematischen Ausarbeitung Questiones medico-legalis des römischen Arztes Paolo Zacchia (1584-1659), der ein umfassendes Werk über die Erkenntnisse der forensischen Medizin der damaligen Zeit vorlegte. Ausgaben dieses Standardwerks aus den Jahren 1726 und 1737 lassen sich bewundern. Rasch entwickelte sich diese spezielle Sparte der medizinischen Wissenschaft fort, ergänzt durch Zuarbeiten anderer Naturwissenschaftler, wie Chemikern und Physikern oder in neuerer Zeit der Humanbiologen. Zeitig schon wurde der handwerkliche Aspekt der Arbeit erkannt. Die "Vorlesung über die Zergliederungskunst" von Ferdinand Leber, 1778 in Wien erschienen, bot einen Wegweiser durch den menschlichen Körper, einen Leitfaden, wie bei der Obduktion vorzugehen ist.

Die Darstellung von Befunden im Bild bekam zunehmend Bedeutung. Adolf Lesser, Atlas der gerichtlichen Medizin, Zweite Abtheilung, Berlin 1892, Teil III: Hirnblutung nach Treppensturz (Foto: Achim Manthey)

Der überwiegende Teil der Exponate stammt aus der Privatsammlung des renommierten Rechtsmediziners Prof. Dr. Wolfgang Eisenmenger. 1944 in Waldshut geboren studierte er Medizin in Freiburg und Wien und war nach seiner Promotion zunächst Assistent am rechtsmedizinischen Institut der Universität Freiburg. 1972 wechselte er an das Institut für Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München, das er als Nachfolger des nicht minder berühmten Wolfgang Spann von 1989 bis zum Eintritt in den Ruhestand 2009 leitete. Zehntausende Tote hatte er auf dem Tisch, neben den vielen Unbekannten so prominente Opfer wie den Schauspieler Walter Sedlmayr und den Modeschöpfer Rudolph Moshammer, aber auch RAF-Häftlinge nach deren Selbsttötung in Stammheim. Die genanalytischen Ermittlungen zur Abstammung Kaspar Hausers und zur Klärung der Identität des NS-Täters Martin Bormann fielen ebenfalls in seine Zeit als Ordinarius des Instituts.

Wie war das mit dem Gift und der Macht? (Foto: Achim Manthey)

Schon früh war die bildliche Darstellung von Befunden wichtig. 1892 zeigt Adolf Lasser im "Atlas der gerichtlichen Medizin" naturgetreue Zeichnungen von Verletzungen, einer Gehirnblutung nach einem Treppensturz zum Beispiel. Erscheinungsbilder des Todes eines Ertrunkenen ließen sich schon 1857 dem Lehrbuch von Johann Ludwig Casper entnehmen. Kindsmord und Abtreibung, der Einsatz von Giften bei der Tötung von Menschen. Darstellung und Eingrenzungen werden immer genauer im Laufe der Zeit. Kurios mutet das 1874 erschienene Werk von Carl Eduard Pfotenhamer an: "Das Gift als bezaubernde Macht in der Hand des Laien." Da geht es beispielsweise um das Handwerk von Giftmischerinnen, deren Zauber sich nun in engen Grenzen gehalten haben dürfte. Eduard Winkler klärte schon 1854 über "Sämtliche Giftgewächse Deutschlands, naturgetreu dargestellt und allgemein faßlich beschrieben" auf.

Akribisch war die Dokumentation des Instituts für Rechtsmedizin der LMU bei der Feststellung der Identität von Martin Bormann (Foto: Achim Manthey)

Sektionsprotokolle sind zu sehen, unter anderen dasjenige vom 21. Februar 1919 Kurt Eisner betreffend aus dem Archiv des Instituts für Rechtsmedizin der LMU. Das war auch die Zeit, in der erste Foto-Dokumentationen zu den Arbeitsschritten der rechtsmedizinischen Untersuchungen erstellt wurden. Bilder von Schädel, Unterkiefer und Schenkelknochen zeigt die Arbeit zur DNA-Analyse zu Martin Bormann. Sie belegen die Genauigkeit, mit der die Wissenschaftler zuwerke gehen, um ihre Arbeit gerichts- und geschichtsfest zu machen.

Die kleine Ausstellung beeindruckt. Wer Spektakuläres, gar Grusel erwartet, wird enttäuscht. Das würde aber auch weder Prof. Wolfgang Eisenmenger noch dem Thema gerecht. Denn diese Wissenschaft ist für sich spannend. Dass sich die Begleittexte zu den Exponaten teilweise wortwörtlich bei Wikipedia nachlesen lassen, ist allerdings ein Schönheitsfehler. Das hätte man mit etwas mehr kuratorischer Sorgfalt auch anders machen können.

Bis zum 20. April 2012 in der Ausleihhalle der Zentralbibliothek der Ludwig-Maximilian-Universität München, Geschwister-Scholl-Platz 1, Mo-Fr 9-22 Uhr. Eintritt frei. Wir danken der LMU für die Fotogenehmigung, ohne die eine Bebilderung des Beitrags nicht möglich gewesen wäre.

 

Veröffentlicht am: 02.04.2012

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