Junge chinesische Fotografie in München

Der unsichtbare Mensch - Fotos von Chen Wei über Raucherzimmer, Kletten und Schnürsenkel

von Achim Manthey

A Foggy Afternoon, 2011 (c) Chen Wei, courtesy Galerie Rüdiger Schöttle

In der Ausstellung "Rain in Some Areas" der Galerie Rüdiger Schöttle erzählt der chinesische Fotokünstler Chen Wei Geschichten, die sich im Kopf des Betrachters abspielen. Über China erfährt man nichts, über die Öffnung zum internationalen Kunstmarkt umso mehr.

Es könnte die Bude eines Philip-Marlowe-Urenkels nach der Heimkehr von einer Observation bei Mistwetter sein. Das Mobiltelefon achtlos auf das Schlafsofa geworfen, in einem billigen Regal neben wenigen Büchern und mehreren Flaschen eine Rolle Klopapier. An einer Leine hängen tropfnasse Klamotten von Unterhose und Socken über Hemd und Hose bis zum klassischen Trenchcoat. Der Fußboden ist überschwemmt, ein Pantoffel dümpelt wie ein aufgelassener Lastkahn in der Pfütze. "Rain in Some Areas" ist das 2010 entstandene Bild betitelt. Auf dem Foto mit dem ironisierenden Titel "Foggy Afternoon" von 2011 gibt die Sicht durch ein Fenster den Blick frei auf einen vom eigenen Zigarettenqualm umnebelten Mann. "He Ran Against A Lamp Post In The Dark", 2010 entstanden, zeigt vor tiefschwarzem Hintergrund den Unterarm eines Mannes. Die mit Wachs überzogene Hand fungiert als Kerzenhalter.

Chen Wei, 1980 in der chinesischen Provinz Zhejiang geboren, lebt und arbeitet in Beijing. Ausstellungen in Shanghai, Seoul und Yokohama zeigten seine Werke. In Deutschland ist er nun erstmals in einer Einzelausstellung zu sehen.

Die Motive seiner Fotografien sind inszeniert.  Ganze Räume baut er bis in die kleinsten Details nach. Es entstehen fantastische Bilderwelten aus teils dunklen, einsamen Räumen, die menschenleer sind und ihre Anwesenheit doch spüren lassen. So entstehen Geschichten, die sich im Kopf des Betrachters abspielen.

A Grey Suit, 2010 (c) Chen Wei, courtesy Galerie Rüdiger Schöttle

"A Grey Suit" zeigt einen grauen Anzug aus Filz, der nach einem beliebten chinesischen Kindervergnügen mit Kletten beworfen wurde, die sich nun wie Ungeziefer verbreiten und ihn zu zerfressen scheinen. Eine Anspielung auf den Filzarbeiter Josef Beuys. Ein heruntergekommener Brunnen, in den Münzen geworfen sind, suggeriert Wiederkehr, die hier wirklich niemand will. Anklänge an Spitzweg können sich bei "Mossy Room" von 2011 aufdrängen, und doch zeigt das Bild unerwartete Disharmonien, wenn sich die Farbe überall im Raum verteilt, nur auf der Leinwand nicht. Ironisch das Bild "Don't Forget To Fasten The Collar Buttons", das Schuhe zeigt, die zwar nicht mit Schnürsenkeln zu-, aber durch sie immerhin miteinander verbunden sind. Das ist fast schon valentinesk. Viele Elemente agieren auf den Bildern miteinander, die Kompositionen eröffnen zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten. Und immer scheint der Mensch in Beziehung zu der von ihm geschaffenen Umwelt zu stehen.

Der junge chinesische Künstler vermittelt auf den Bildern nichts über sein Land. Es sind Arbeiten, die überall auf der Welt entstanden sein könnten. Unklar bleibt, ob es eine bewusste Anonymisierung ist, die Chen beabsichtigt, oder aber eine Avance an den internationalen Kunstmarkt. Auch wenn nicht unmittelbar vergleichbar: Angesichts der fotografischen Arbeiten von Ai Weiwei oder Wang Rui wird auch Chen Wei diese Frage beantworten müssen. Eines Tages.

Bis zum 5. Mai 2012 in der Galerie Rüdiger Schöttle, Amalienstraße 41/Rgb. in München, Di-Fr 11-18 Uhr, Sa 12-16 Uhr. Freier Eintritt.

 

 

Veröffentlicht am: 29.03.2012

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