Der Fotograf Dave Jordano portraitiert Detroit als sterbende und weiterlebende Autostadt: Die Wüste lebt

von Achim Manthey

Injured Man and Death Memorial, Detroit 2010 (c) Dave Jordano

In der Ausstellung "Detroit Unbroken Down" im Amerika Haus in München zeichnet der amerikanische Fotograf Dave Jordano ein Portrait seiner Heimatstadt Detroit und zeigt ein bei uns meist unbekanntes Bild des heutigen Amerika.

Mr. Rock'n'Roll schlägt sie alle mit seinem Outfit. Seit bald 30 Jahren bastelt er an dieser Jacke in der Grundfarbe Rot, die aus Fransen, Strass und und allerlei billigem Tand besteht und inzwischen fast 15 Pfund wiegt. Robert, wie er richtig heißt, ist einer der Typen, die in Detroit geblieben sind, dieser angeblich dem Untergang geweihten Metropole im US-Bundesstaat Michigan. Auch Brad gehört dazu. Das Foto zeigt ihn auf einem verlassenen Schrottplatz im Stadtteil Delray. Brad ist arbeitslos. Den ehemaligen Schrottplatz gräbt er Meter um Meter um und fördert dabei täglich rund 1000 Pfund recylefähiges Material zutage, das er verkauft und damit immerhin 110 Dollar täglich verdient, berichtet Dave Jordano.

Aufstieg und Fall der Autostadt

Woman sleeping in a Park Lot, Detroit 2010 (c) Dave Jordano

Detroit, die Autostadt. General Motors, Ford und Chrysler, "The Big Three" der amerikanischen Automarken haben oder hatten dort ihren Sitz. Mit der Thin Lizzy von Ford lief hier 1909 die erste Massenproduktion von Autos am Fließband an. Die boomende Automobilindustrie zog Arbeitskräfte aus aller Welt an, vor allem aus Asien und Schwarzafrika. Zwischen 1910 und 1950 vervierfachte sich die Einwohnerzahl der Stadt nahezu. Und die ethnologische Mischung der Bevölkerung blieb brisant. 1943 und vor allem 1967 kam es zu schweren Rassenunruhen mit zahlreichen Toten und Verletzten. Sogar die Nationalgarde wurde eingesetzt, um die Ruhe auf den Straßen herzustellen.

Die monostrukturelle Ausrichtung der Industrie rächte sich mit dem stetigen und immer steiler verlaufenden Abstieg der Automobilindustrie, die die Zeichen der Zeit verschlafen hatte. Die Hersteller wurden ihre Modelle nicht mehr los, die Produktionen mussten gedrosselt oder eingestellt werden.

In den vergangenen 50 Jahren hat Detroit gut die Hälfte seiner Bevölkerung verloren. Ein Drittel des Stadtgebiets ist unbewohnt, ganze Straßenzüge sind verlassen und ergeben sich der Natur, die sich allmählich das zurückerobert, was einst ihr gehörte. Allen Bemühungen zum Trotz, das Stadtzentrum neu zu beleben, nimmt Detroit auf der Forbes-Liste der gefährlichsten Stadte der USA seit Jahren einen Spitzenplatz ein. Da fällt es auch nicht mehr ins Gewicht, dass dort mit dem Motown-Label einer der weltweit bedeutendsten Produzenten für Soul und Pop seinen Sitz hat und die Stadt Heimat überaus erfolgreicher Sportmannschaften ist.

Kat and Rick at Packard Automobile Plant, Detroit 2010 (c) Dave Jordano

Die 2010/11 entstandene Foto-Reportage von Dave Jordano verschweigt das alles nicht. Der 64-jährige Fotograf wurde in Detroit geboren und machte nach Abschluss seines Fotografie-Studiums zunächst Karriere als Werbefotograf. Erst vor etwa zehn Jahren begann er, sich intensiver mit fotografischen Studien zu Themen wie Religion, ländlicher Raum und urbanen Veränderungen ist zu beschäftigen. Dabei geht es ihm um Städte wie Detroit und Chicago, aber auch um die Kleinstädte des mittleren Westens der Vereinigten Staaten. Dave Jordano lebt und arbeitet in Chicago. Das Amerika Haus in München zeigt seine Arbeiten nun erstmals in Europa.

Mit Kreativität gegen den Zerfall

Eine verlassene Straße in der Eastside ist zu sehen, auf einem anderen Foto spielen Zuwanderer aus Bangladesh auf einer leeren Straßenkreuzung Cricket. Andere Aufnahmen dokumentieren Armut und Odachlosigkeit. Keine der großen amerikanischen Supermarktketten hat eine Niederlassung im Stadtgebiet Detroits. Viele Bewohner sind auf kleine Krämerläden angewiesen wie dem in der Corner of Ferry Ave. & Chene, der auf einem Foto zu sehen ist. Ein verletzter Mann hinkt gebeugt durch die einsame Straße, vorbei an einem Pfosten, an dem Plüschtiere hängen zum Gedenken an einen Unbekannten, der an dieser Stelle zu Tode kam.

Guys with Chevy Monte Carlo "Donk" on 28 inch Wheels, Detroit 2010 (c) Dave Jordano

Aber es sind nicht diese Aufnahmen, die die Ausstellung prägen. Die Fotografien zeigen, wie diese Stadt durch die Menschen, die geblieben sind, am Leben gehalten wird.  "In diesem persönlichen Projekt geht es nicht um das, was zerstört wurde, sondern viel wichtiger um das, was geblieben ist und um die, die damit klar kommen", meint der Fotograf. Mit Aktivität und Kreativität, vor allem aber mit Überlebenswillen richten sie sich ein zwischen Ruinen und Nachbarschaftsgärten. Dave Jordano zeigt das in zahlreichen Portraitaufnahmen.

Da ist Tom, der sich eine neue Ein-Zimmer-Hütte aus Materialien, die er von Schrottplätzen oder Müllcontainern holte, gebaut und sich damit ein neues Heim geschaffen hat. Oder Angela und Aya, die vom Land wieder in die Stadt gezogen sind und dort verlassene Grundstücke bewirtschaften, um unabhängig leben zu können. Kat und Rick sind begeisterte Sprayer. Am Packard Automobile Plant, einem aufgelassenen Fabrikgelände oberhalb der Stadt haben sie einen Ort gefunden, genießen die Aussicht auf die Stadt und bewundern die jüngste Graffiti der Tagger-Stars.

Rahel hat sich mit ihrem kleinen Second-Hand-Laden eine neue Existenz aufgebaut. Und auch eine Ikone Detroits, die "Donks" oder "hi-riders", umgebaute, aufgemotzte amerikanische Autos aus den 1970er oder 80er Jahren, meist von General Motors, sind wieder zu sehen. Sie sind besonders bei den Afroamerikanern beliebt, die damit einen gewissen mittelständischen Wohlstand demonstrieren.

Es ist eine bemerkenswerte Ausstellung, weil sie Menschen zeigt, die sich auflehnen gegen das vermeintlich Unvermeidbare. Und sie bringt uns ein Stück Amerika näher, das vielen hier so bislang nicht bekannt war.

Bis zum 30. März 2012 im Amerika Haus, Karolinenplatz 3 in München, Mo-Fr. 12-17 Uhr, Mi 12-20 Uhr. Eintritt frei

 

 

Veröffentlicht am: 13.02.2012

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