Wenn die Nacht kommt: Fotografien von Ulrike Crespo erwischen den Augenblick

von Achim Manthey

Westcork, Ireland (Foto: Ulrike Crespo, courtesy Galerie Renate Bender)

Mit ausgewählten Fotografien präsentiert die Münchner Galerie Renate Bender den neuen Fotoband "Twilight" von Ulrike Crespo.

Wie ein Tornado schraubt sich die Wolke aus der schon im Dunkel liegenden Landschaft durch den letzten Lichtstreif des Tages in den Nachthimmel. Auf der in Westcork, Irland, entstandenen Aufnahme sind die unterschiedlichen Grautöne, die in dem Moment entstehen, wenn die Nacht den Tag verschluckt, erkennbar. Noch deutlicher wird das auf den Wasserbildern. Seelandschaften, über denen abendlicher Dunst aufsteigt, der Inselfragmente, ins Wasser gepflanzte Pfahlbauten in eine Welt des Verwunschenen taucht, aus der in jedem Moment Elfen, Gnome und andere Fabelwesen hervorsteigen könnten. Ein langgezogener, roter Lichtreflex beherrscht die Aufnahme von Dursey Island in Irland, einer winzigen Insel, die durch ein Seilbahnsystem mit dem Festland verbunden ist, wie die Fotografin im Gespräch mit dem Kulturvollzug erzählt.

In ihren Fotografien lotet Ulrike Crespo diesen winzigen Moment aus, in dem sich der Tag zur Ruhe und in die Nacht begibt. Um das zu erkennen, muss sich die Fotografin auf die Lauer legen. Es sind Aufnahmen entstanden, die das letzte Blau des Tages in tiefes Schwarz wandeln. Abendrot legt sich über nebelumwobene Landschaften, die an Matthias Claudius und den wunderbar aufgegangenen Mond, den man hier nicht sieht, denken lassen.

Dursey Island/Ring of Beara, Ireland (Foto: Ulrike Crespo, courtesy Galerie Renate Bender

Ulrike Crespo, 1950 in Fulda geboren, lebt und arbeitet im irischen Westcork, in Wien und Frankfurt am Main. Sie kommt aus einer ganz anderen Ecke und ist vor allem als Mäzänin bekannt. Die Enkelin des "Wella"-Gründers Karl Ströher studierte erst Französisch, Kunstgeschichte und Archäologie in der Schweiz, anschließend Psychologie in Frankfurt am Main. Nach einer Tätigkeit in der psychosomatischen Uniklinik Frankfurt gründete sie 1995 eine eigene Praxis.

1999 ruft sie zur Unterstützung der Kronberg Academy die "Chamber Music Foundation" und 2004 die "Crespo Foundation" ins Leben, eine Stiftung, die Menschen fördert, "die materiell nicht so viel Glück hatten wie ich. Die aber neben dem finanziellen Aspekt auch noch eine weitergehende Förderung und Unterstützung brauchen können," wie Crespo in einem auf der Internetseite der Stiftung veröffentlichten Interview mit Phyllis Kiehl erklärt.

Ulrike Crespo hat einen besonderen Blick entwickelt für das, was vorübergeht, verschwindet. Das, was sie auf ihren Bildern zeigt, ist nicht deutlich zu sehen. Ein über die Aufnahmen gezogener Schleier lässt die Konturen verschwimmen, was den Eindruck des fast Mystischen verstärkt und zugleich eine ständige Bewegung der Motive erzeugt, ohne dass Unruhe aufkäme.

Andere Fotografien zeigen starke Lichtreflexe in der Dunkelheit. Autoscheinwerfer, deren Licht durch Regentropfen auf einer Scheibe multipliziert wird, lösen das Zwielicht auf. Ergänzend sind zahlreiche Naturaufnahmen zu sehen. Blass-lila Feldblumen verschwimmen ins Surreale. Das im Engadin entstandene Bild eines Enzians in prallem Blau ist Balsam für die Augen. Mag sein, dass es an ihrer Profession liegt, dass das Sehen des Objekts und die Verfremdung der Aufnahme beeinflusst und Landschaften in Traumsequenzen verwandelt werden.

Der aufwändige Fotoband zeigt im Querformat 214 zwischen 2008 und 2010 entstandene Fotografien. Zehn ausgewählte Aufnahmen sind in der Ausstellung zu sehen. Empfehlenswert im Buch und an der Wand.

Ulrike Crespo, Twilight, 2011, 280 Seiten, Kehrer-Verlag, 39 Euro.

Die Ausstellung ist bis zum 28. Januar 2012 in der Galerie Renate Bender, Maximilianstr. 22/II in München, Di-Fr. 11-18 Uhr, Sa 11-15 Uhr, bei freiem Eintritt zu sehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht am: 18.01.2012

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