Aktuell in der Whitebox: Junge Fotografen über Unorte, Kinderlachen und die eigene Schönheit

von Achim Manthey

Hamburg-Veddel, Leben in der Fremde (Foto: Ina Jungmann 2011)

In der Ausstellung "Borderless", die derzeit in der Whitebox zu sehen ist, präsentieren 20 Studierende und Absolventen des Masterstudiengangs Photography der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle ihre Arbeiten. Eine Bestandsaufnahme der letzten  drei Jahre Ausbildungsarbeit.

Solange sie lachen, kann die Krankheit sie nicht besiegen! Sonja Foerster hat im Central West Hospital in Namibia vor immergleichem Hintergrund Kinder fotografiert, die an Krebs erkrankt sind. Abgegeben im Spital, manchmal auch verlassen von den Eltern. Aber sie haben das Bestrickende, das nur Kinder haben: ihr Lachen als Ausdruck einer Hoffnung, die gerade nicht fehlt, wie der Titel der Bilderreihe "Ohne Hoffnung" suggerieren will. Gregor Herse hat Hauseingänge, eine Bushaltestelle oder eine Lichtung in einem Park aufgenommen. Nichtssagend zunächst. Die Geschichte dahinter erzählt in der Bilderreihe "Ungeklärt" von nicht gelösten Mordfällen in Berlin. Opfer und Täter sind verschwunden, die Ermittler abgezogen. Es bleibt der Ort. Eine Auflösung des einzelnen Falls gibt es nicht.

Ohne Hoffnung (Foto: Sonja Foerster)

Burg Giebichenstein ist eine Hochschule für Kunst und Design in Halle. Seit 1997 leitet Rudolf Schäfer die Klasse Kommunikationsdesign und Fotografie. Er selbst war Schüler von Klaus Wittenkugel vom Bauhaus und des Bildhauers Ludwig Engelhardt an der Akademie der Künste in Ostberlin. Seine Arbeit und die der Studierenden erklärt er so: "Grundlage unserer Ausbildung ist die grenzenlose Möglichkeit zu einer freien künstlerischen und intellektuellen Auseinandersetzung mit Fotografie. Wir bieten den Studierenden die entsprechenden Experimentierräume und unterstützen sie bei der Findung und Formulierung ihrer fotografisch-künstlerischen Positionen. Die so entstandenen Arbeiten reflektieren die kulturelle und persönliche Abkunft der Teilnehmer und repräsentieren unser Verständnis von Qualität."

Borderless, grenzenlos sind also weniger Thema der in der Ausstellung gezeigten Fotografien, als vielmehr die Freiheit der Bildermacher, sich mit ihren Themen zu befassen und auseinanderzusetzen. Ein guter, wenngleich in der Ausbildung als Phase einer Selbstfindung denn doch alltäglicher Ansatz.

Unorte, Nichtorte. In der Reihe "Niemandsland" zeigt Michel Klehm Landschaften, die von Menschen für ihre Zwecke zunächst angepasst, umgestaltet, zerstört und dann fallengelssen wurde, nachdem sie ihren Zweck erfüllt hatten. Demselben Thema widmet sich Thomas Levandowski in der Serie "American Standard", die sich mit dem Pseudalismus von Stadtplanung und formalem Städtebau befasst.

Niemandsland, ein Ausblick auf das Ungesehene (Foto: Michel Klehm)

Starke Portraitaufnahmen sind in der Ausstellung zu sehen. In der Serie "Die Anonymen" erzählt Annett Poppe Lebensgeschichten, die sich in Gesichtern widerspiegeln. Die lachenden Gesichter auf den Aufnahmen von Kristin Hoell zeigen Asylbewerber, die sich, ihr Schicksal und ihre Unsicherheit hinter fröhlichen Mienen zu verbergen suchen. Isabel Gathoni Kinyanjui sieht sich selbst. Sie, farbig, hätte sich gern "weiß" gesehen und mit blonden, glatten Haaren anstatt der gekräuselten, die - verdammt noch mal! - sich aller Bemühungen zum Trotz immer wieder gekräuselt haben. Schließlich lernt sie: Ja, "ich bin Afrikanerin und JA, ich bin hübsch!" Fotografie als Mittel zur Selbstfindung, in diesem Fall mit einem Augenzwinkern versehen.

Wolfram Kastl portraitiert Gegenstände besonderer Art. Vor grell hellem Hintergrund sind falsche Bärte, Haarteile, eine Knopflochkamera oder eine Zange zum Nehmen von Geruchsproben zu sehen, Werkzeuge aus er Zeit, als sich das Staatsministerium dür Sicherheit der DDR über die Bevölkerung hermachte. Abstrus, komisch, lächerlich. Jede Form von Begegnung mit Wasser beschäftigt Armen Asratyan, deren Bilder ebenso Vergnügen wie Unbehagen bereiten können, wenn sie Strandvergnügen zeigen oder hoffnungsloses Abtauchen in Pfützen.

Es ist eine dichte, interessante und professionell aufgemachte Ausstellung, die einen bemerkenswerten Blick auf die Bildersprache moderner, junger Fotografie eröffnet. Allerdings stehen nur wenige Fotografien für sich allein. Reiz und Qualität ergeben sich aus der Bilderreihe. Das reicht für sich allein nicht aus.

Bis zum 28. Januar 2012 in der Whitebox, Grafinger Straße 6 in München, Do, Fr. 17-21 Uhr, Sa, So 15-20 Uhr

 

 

Veröffentlicht am: 15.01.2012

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