Zum Tod von Johannes Heesters: Der letzte Kuss

von Achim Manthey

Die umstrittene Rückkehr in die Heimatstadt: Mit seiner Frau Simone Rethel auf der Bühne in Amersfoort. Foto: Michael Grill

Über ein Jahrhundert Leben, davon 90 Jahre auf der Bühne. Kurz nach seinem 108. Geburtstag ist der Sänger und Schauspieler Johannes Heesters an Heiligabend in einer Starnberger Klinik gestorben.

Kirschwasser war es nicht, eher der von ihm so geliebte Whiskey, der ihm half, den Boandlkramer so lange hinzuhalten. Die Flasche war wohl leer, als der Tod Jopie Heesters in den Arm nahm, küsste und mit sich trug, wie jeden irgendwann. Es war ernst geworden in den vergangenen Wochen. Ende November wurde er nach einem Schwächeanfall ins Krankenhaus eingeliefert. Sein unerschütterlicher Optimismus, sein Lebens-Sportsgeist, mit dem er höheren Mächten über sehr lange Zeit einen Streich nach dem  anderen spielte, ließ ihn gleich über Bild verkünden: "Die 108 schaffe ich noch!" Auch dieses Ziel hat der Langstreckenläufer des Lebens erreicht. Den Geburtstag konnte er noch daheim begehen, bevor er sich aufmachte auf dem River of no Return.

Heesters wird am 5. Dezember 1903 in Amersfoort, Niederlande geboren. Nach angefangener Kaufmannslehre beschließt er Schauspieler zu werden, nimmt Gesangs- und Schauspielunterricht. Einen ersten Sprung nach Deutschland lehnt er mangels Aussicht auf Gage ab: Harry Frommermann suchte 1927 für die von ihm gegründete Gesangsgruppe Comedian Harmonists einen Tenor, konnte jedoch für die ersten Monate nichts zahlen. Heesters debütiert 1932 an der Wiener Volksoper in Carl Millöckers "Bettelstudent", geht 1936 mit derselben Rolle an die Komische Oper Berlin und spielt die Figur im gleichen Jahr in der UFA-Verfilmung an der Seite von Carola Höhn und Marika Röck. Es war der Beginn einer unaufhaltsamen Karriere in Deutschland.

"Gern hab ich die Frau'n geküsst", "Ich knüpfte manche zarte Bande", "Man müsste Klavier spielen können" waren die ganz großen Hits jener Zeit. Und dann war da der Graf Danilo aus Franz Lehárs Operette "Die lustige Witwe", den Heesters an Silvester 1938 im Münchner Gärterplatztheater erstmals gab. "Heut geh ich ins Maxim" - in Frack und Zylinder mit weißem Seidenschal, das Champagnerglas in der Hand und mit einer glasklaren Tenorstimme ausgestattet war er der Verführer, Frauenheld und Hallodri. Der Danilo wurde zu seiner Paraderolle, die er mehr als 1600 Mal spielte. Den Maxim-Hit konnte er bis bis hohe Alter abrufen, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern.

Nach dem Auftritt in Holland. Foto: Michael Grill

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte Heeseters seine Karriere übergangslos fort. Operette war nicht mehr gefragt, also widmete er sich dem Musical und dem neuen Medium Fernsehen. Bis zu seinem 80. Lebensjahr stand er in mehr als 700 Vorstellungen als Honoré Lachailles in dem Musical "Gigi" von Frederick Loewe auf der Bühne desMünchner Gärtnerplatztheaters. Theater-, Fernseh- und Filmauftritte gab es bis zum Schluss, zuletzt die kleine Rolle des Himmelpförtners Petrus in dem Kurzfilm "Ten", der Anfang Dezember 2011 in München Premiere hatte.

Ein dunkler Fleck auf der weißen Weste blieb: die bis zuletzt nicht eindeutig beantwortete Frage nach der Sympathie für das Nazi-Regime. Die wesentlichen Grundlagen für seinen Erfolg wurden während des Dritten Reichs gelegt. Er gehörte zu Hitlers Lieblingsschauspielern und wurde 1944 von Joseph Goebbels auf die sogenannte "Gottbegnadeten-Liste" der unverzichtbaren Schauspieler gesetzt, wenn auch versehen mit dem Vermerk "Ausländer". Sehr lange umstritten blieb ein Auftritt Heesters im Konzentrationslager Dachau, der selbst unumstritten ist, dessen Gewichtung jedoch ungeklärt blieb. Dort auch aufgetreten zu sein, hat der Künstler stets bestritten. Der überwiegende Teil der Quellen gibt ihm Recht. Seiner Beliebtheit beim deutschen Publikum tat diese Diskussion keinen Abbruch. Anders in den Niederlanden, wo Heesters lange Zeit als Kolloborateur des Nazi-Regimes angesehen wurde.  Erst 2008 konnte er in seinem Heimatort wieder auftreten.Es ist ein ergreifende Schau, die den Künstler mit seiner Heimat versöhnte, wie es schien. Dennoch traf es ihn bis ins Mark, das er im April 2011 von einem Staatsbankett, das der Bundespräsident für die niederländische Königin Beatrix in Berlin gab, kurzfristig wieder ausgeladen wurde. Die aufgekommene Diskussion über Zusammenhänge mit der Vergangenheitsdiskussion wies das Bundespräsidialamt zurück und wies auf eine Panne bei den Einladungen hin.

Seit 1992 in zweiter Ehe mit der Schauspielerin Simone Rethel verheiratet, lebte Johannes Heesters bis zuletzt am Starnberger See. Seine Frau war sicherlich die treibende Kraft, wenn es darum ging, seinen unerschütterlichen Lebensmut, sein Schaffenwollen zu unterstützen und zu fördern. Zuweilen wirkte es in den vergangenen Jahren aber auch so, als sei es ihm zu viel, so gepusht zu werden. Erblindet und fast taub wandelte sich der einstige Strahlemann der Bühne fast in das Gespenst der Oper.

Kaiserreich, Weimarer Republik, Drittes Reich, zwei Weltkriege und zwei Mal Wiederaufbau, Aufbruch und Wirtschaftwunder in der Bundesrepublik, Fall der Mauer, 9/11, die raketenhafte Entwicklung der Medien - Jopie Heesters hat das alles erlebt, mitgemacht, daran mitgewirkt. Da hat sich ein Jahrhundertleben vollendet.

 

Amersfoort im Februar 2008. Foto: Michael Grill

Kulturvollzugs-Redakteur Michael Grill erlebte vor knapp vier Jahren die umstrittene Rückkehr von Johannes Heesters für einen Auftritt in seine holländische Heimatstadt Amersfoort. Aus gegebenen Anlass hier sein Bericht, der am 18. Februar 2008 in der Münchner Abendzeitung erschien.

Rückkehr mit Happy End - Demonstrationen und Beifall für Johannes Heesters in Amersfoort

Schon am Samstagnachmittag vor dem Auftritt sind die Vorboten eines Kampfes in der Stadt. Polizeimänner patrouillieren durch die knallvolle Fussgängerzone, zu Fuß, zu Pferd und - ganz holländisch - auf dem Fahrrad. In den Seitenstraßen sammeln sich Punker-Grüppchen, vor dem Kulturzentrum stehen weiträumig Absperrgitter und wild entschlossen die ersten Demonstranten. Doch es ist weder der G8-Gipfel noch ein neuer Skandalrocker, der hier erwartet wird, sonder ein 104 Jahre alter Operettensänger, der nichts will, als noch einmal in seiner Geburtsstadt auftreten. Amersfoort, schnuckelige Provinz südlich von Amsterdam, ist im Jopie-Fieber - im guten wie im schlechten.

Heesters, die lebende Legende der leichten Muse, Film- und Bühnenstar seit einer Zeit, in der Schallplatten noch Schellacks waren und Adolf Hitler ein schlechter Hobbymaler, steht unter Polizeischutz in Amersfoort. Bei einem Urlaub vor ein paar Jahren in der Gegend hat man ihm die Autoscheibe eingeschlagen. Jetzt trommelt das Aktionskomitee "Heesters raus" gegen den alten Mann, eine ultralinke Bewegung, die sich antifaschistisch nennt. Was einige der sonst so entspannten Holländer auf die Barrikaden bringt, ist die seit den 60er Jahren laufende Debatte, ob Heesters ein Nutzniesser und Kollaborateur des Nazi-Regimes in Deutschland war, dessen Ranschmeiße an das NS-Regime in einem Auftritt vor SS-Schergen im Konzentrationslager Dachau gegipfelt habe. Heesters bestreitet das vehement.

Seit 44 Jahren konnte er wegen des Konflikts nicht mehr in seiner Heimat auftreten. Die Fronten sind verhärtet, obwohl jüngst gefundene Foto-Dokumente die Vermutung stärken, dass der Tag in Dachau ein von den Nazis erzwungener Künstler-Besuch ohne Auftritt gewesen ist. Das ist den Demonstranten, es werden etwa 50 bis 100 im Laufe des Abends, erkennbar zu kompliziert: "De zingende Nazi" haben sie auf Plakaten stehen, sie schwenken rote Fahnen und zünden Fackeln an. Schliesslich gibt es Rangeleien mit einer Handvoll echter Neo-Nazis, die obendrein versuchen, auf Heesters' Rücken eine Propaganda-Aktion zu reiten.

Doch Polizei, Wachmannschaften und Theaterleitung schaffen es, den Demo-Rummel draussen auf der Strasse zu halten - die 800 Besucher der ausverkauften Show stehen dafür bis zu einer Stunde vor den scharfen Sicherheitskontrollen. Dann ist klar: Der Abend im "De Flint" wird Jopie gehören, sonst niemandem. Auf holländisch erzählt Heesters' Ehefrau Simone Rethel (58) zum etwas länglichen Multimedia-Vortrag dem Publikum die Lebensgeschichte des Stars. Dachau wird dabei nicht ausgespart.

Punkt 21 Uhr ist es endlich soweit. Der Vorhang hebt sich - und da steht er, an den Flügel gelehnt und lächelt, wie nur ein 104-Jähriger lächeln kann, für den ein Traum in Erfüllung geht. Das Publikum reisst es sofort von den Sitzen, "Bravo"-Rufe erfüllen den Saal, bevor Heesters überhaupt beginnen kann, mit dem alten holländischen Lied "O Mooie Westerntoren" die Heimat zu ehren.

Zwei Takte lang sucht seine Stimme die Tonlage, dann ist sie da: Unerreicht leicht, klar und kräftig, nur manchmal in den leisen Passagen etwas brüchig. Er leitet über zu "Ich knüpfte manche zarte Bande", schlägt keck die Beine übereinander beim Lob der schönen Pariserin wie der schönen Polin, stärkt sich mit einem Schluck Bier ("Zum Wohl, die Damen!") und wird dann mit "Erinnerung" programmatisch: "Ich hab' mein Leben gelebt, und mich stets bemüht, den Weg gerade zu gehen". Zehn Lieder werden es insgesamt an diesem Abend, darunter "Ich bin Gott sei Dank nicht mehr jung" und, natürlich, "Maxim".

Heesters singt bis an den Rand der Erschöpfung, manchmal fehlt ihm der Einstieg in eine Strophe, doch das bekümmert niemanden. Er hält ein ergreifend naives Plädoyer für mehr Frieden unter den Menschen, legt dann alle Theatralik in ein holländisches Gedicht. Am Ende singt der ganze Saal, manche den Tränen nah, mit ihm zusammen "Oh mooie Mole" - Jopie ist wieder daheim.

Angst habe er nicht gehabt vor den Protesten, sagt er nach dem Auftritt, aber froh sei er schon, das alles gut ging. Bis weit nach Mitternacht sieht man ihn bei einem Glas Wein auf der After-Show-Party: Ein 104 Jahre alter holländischer Sänger, ziemlich geschafft, aber glücklich wie nie.

Veröffentlicht am: 27.12.2011

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Christine Dössel
28.12.2011 01:10 Uhr

Das ist - von der ganzen Struktur her bis hin zu jedem Gedanken - derart dreist von mir \\\\\\\"entlehnt\\\\\\\", dass es schon eine Frechheit ist! Und ganz bestimmt ein Armutszeugnis für den \\\\\\\"Kulturvollzug\\\\\\\".

Schöne Grüße

Christine Dössel,

die mit dem Original-Artikel in der SZ:

http://www.sueddeutsche.de/kultur/zum-tod-von-johannes-heesters-der-operettenheld-1.1240046

Kulturvollzug - Michael Grill
01.01.2012 23:18 Uhr

Liebe Christine,

wir haben uns das jetzt alles mal in Ruhe angeschaut. In der Tat sticht es ins Auge, dass in beiden Texten die Hauptfigur am Ende stirbt. Außerdem gibt es diese entlarvende Parallele mit dem Boandlkramer, eine Idee, auf die man völlig unmöglich kommen kann, wenn in München die Themen Theater und Tod zusammenkommen.

Im Ernst, liebe Christine: Das ist absurd. Aber wir freuen uns sehr, dass Du Dich hier inspiriren lässt. Gerne wieder.

Liebe Grüße, Michael

PS. Für alle die es nicht wissen: Christine Dössel ist eine sehr liebe Kollegin und die Theaterkritikerin der Süddeutschen Zeitung.

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