Leonard Freed: Der Humanist hinter der Kamera über große und kleine Tiere aller Farben

von Achim Manthey

Junge Leute fragen alte Frau nach dem Weg, München 1964 (c)Leonard Freed/Magnum

In der Ausstellung "Tour de Force" zeigt die Galerie Clair in München eine Werkschau des amerikanischen Fotografen Leonard Freed - Ein Blick auf 25 Jahre große und kleine Weltgeschichte.

Tausende säumen die Straßen, durch die der Wagen rollt. Und jeder will ihm gratulieren zum Friedensnobelpreis, der ihm gerade verliehen worden war. Das Foto von 1963 zeigt den Bürgerrechtler Martin Luther King im Fond einer offenen dunklen Limousine, wie er sich nach rückwärts den Schaulustigen zuwendet, seine rechte Hand, auf dem Kofferraum ausgestreckt, versinkt in einem Knäuel von Händen seiner Anhänger. Das berühmte Bild wurde zu einem Symbol der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Eine besondere Dynamik entsteht dadurch, dass an den Bildrändern links und rechts unscharfe Silhouetten von Menschen sichtbar werden, die dem Fotografen ins Bild gelaufen sind.

1975 entsteht eine Reihe von Fotografien auf Sizilien: Über offenem Feuer kocht die Mamma am Straßenrand in einem riesigen Kessel Tomatensauce. "Daneben stand ein großer Topf für die Spaghetti und Bänke und Tische waren an der Straße aufgebaut", erzählt seine Frau Brigitte Freed im Gespräch mit dem Kulturvollzug. "Sie schien für das ganze Dorf zu kochen." Ein anderes Foto zeigt, wie ein massiger Tonno auf einem Handwagen zum Markt gekarrt wird, auf dem sich, wie auf dem Bild daneben zu sehen, Schwertfische kreuz und quer krümmen.

Der Blick auf die Minderheiten und Unterdrückten

Muscle Boy, New York 1963 (c) Leonard Freed/Magnum

Leonard Freed wird 1929 als Sohn jüdischer Einwanderer aus Osteuropa im New Yorker Stadtteil Brooklyn geboren. Freier Künstler wollte er zunächst werden, begann 1954 aber das Studium der Fotografie. Zwei Jahre lang bereiste er danach Europa und Nordafrika. 1956 lernt er in Rom Brigitte Klück kennen, die er 1958 heiratete. "14 Jahre lang haben wir in Amsterdam gelebt, waren aber auch immer wieder in Amerika", berichtet Brigitte Freed. 1970 übersiedelten sie nach New York, wo Leonard Freed zunächst assoziiertes und ab 1972 Vollmitglied der Agentur Magnum wurde. Schon 1968 veröffentliche er seinen Bildband "Black in White America" über Afro-Amerikaner in Harlem. Ihm entstammt das hier gezeigte Foto "Muscle Boy" von 1963. "Es war eines unserer Lieblingsbilder", so Brigitte Freed. "Wie der kleine Kerl sich da vor der Kamera aufbaute, den Brustkorb rausstreckte und die Muskeln spielen ließ - wir dachten, er fängt jeden Moment an, sich auf die Brust zu trommeln". Bekannt wird Freed durch seine Fotoreportagen über die israelisch-arabischen Kriege von 1967 und 1973 oder seine realistischen Aufnahmen von der Arbeit der New Yorker Polizei, die er in dem 1980 erschienen Fotoband "Police Work" zusammengefasst hat. Seine Arbeiten erschienen in vielen internationalen Magazinen wie Life, Look oder Paris Match, aber auch in Zeit, Spiegel und Stern. Leonard Freed stirbt am 30. November 2006 in New York.

Die Fotografen sind nicht mehr nur Beobachter, sondern mitten dabei

Im II. Weltkrieg begann etwas, das die Reportage-Fotografie wesentlich verändern sollte und das Freed in der Nachkriegszeit entscheidend mit geprägt und weiterentwickelt hat. Der "Concerned Photographer" entstand, der Bildberichterstatter, der nicht nur dabei ist, sondern - anders als der "Imbedded Journalist" der Neuzeit ungeschützt und auf eigenes Risiko mittendrin. Er ist beteiligt an den Ereignissen, die er mit der Kamera festhält. Die Konfrontation mit Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land, der Protest von Menschen gegen ihnen staatlich aufgezwungene Lebensumstände, das Eintauchen in die harten Arbeitsbedingungen von Polizeibeamten in den Straßen von New York oder der Arbeiter auf den Ölplattformen in der Nordsee - dies konnte Freed und nachfolgende Fotografen-Generationen nicht mehr kalt lassen.

"Bauchredner" auf Schloss Herrenhausen, 1965 (c) Leonard Freed/Magnum

Zentrales Thema seiner Arbeiten bleibt ein Leben lang die Beobachtung und Dokumentation jüdischen Lebens. Schon in den 1950er Jahren entstehen Aufnahmen von Talmud-Schülern in Brooklyn. Bildbände über jüdische Gemeinschaften in Holland und Deutschland folgen. Die Fotografien von Leonard Freed halten die Gesellschaften der jeweiligen Zeiten immer auch mit einem Augenzwinkern den Spiegel vor. Die jungen Leute im feschen Triumph-Cabrio auf dem Bild von 1964, die am damals noch befahrbaren Hofgarten an der Rückseite der Münchner Residenz die Alte im gepunkteten Kleid nach dem Weg fragen, ist ebenso typisch und entlarvend wie das ernste Gespräch zweier gwamperter Würdenträger im Frack auf einem Empfang im Schloss Herrenhausen (1965) - Brigitte Freed taufte das Foto beim Rundgang durch die Ausstellung "Bauchredner" - oder die Aufnahme, die ebenfalls 1965 auf dem Flughafen Köln-Bonn entstand, als man auf die zum Staatsbesuch erwartete Queen gespannt war und auf der ein eilfertiger Lakai im Regen mit wehenden Rockschößen noch einmal den roten Teppich abläuft. Bilder voller Ironie und Humor.

Die Ausstellung zeigt eine damals neue, bis heute aber aktuelle Sicht auf die großen und kleinen Dinge dieser Welt. Qualitativ hochwertige Aufnahmen sind zu sehen. Was als Schnappschuss erscheint, erweist sich bei genauer Betrachtung als auch in der Eile des Moments der Aufnahme streng durchkomponiertes Kunstwerk. Der sichere Blick und das Wissen um den Nu an Zeit, der bis zum Auslösen bleibt, macht den Unterschied.

Bis zum 21. Januar 2011 in der Galerie Clair, Franz-Joseph-Str. 10 in München, Di-Sa 15-19 Uhr. Der Eintritt ist frei. Zwischen den Feiertagen ist die Galerie nicht geöffnet.

 

Veröffentlicht am: 16.12.2011

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