Fotos von Irving Penn in München: Über Tradition und Körperkult indigener Völker

von Achim Manthey

Irving Penn, Cuzco Children, 1948 (c) Condé Nast Publication

In der Ausstellung "Ethnos" in der Münchner Galerie Bernheimer Fine Art Photography sind Fotografien von Irving Penn zu sehen, die Menschen indigener Volksstämme aus drei Erdteilen in ihrer kulturellen Vielfalt und Besonderheit zeigen.

Der Oberkörper der jungen Frau ist mit Narben übersäht. Aber es sind nicht Folgen von Gewalt, die man auf dem 1967 in Dahomey entstandenen Foto sehen kann. Die streng geometrisch angeordneten Wundmale, die sich senk- und waagerecht auf dem Torso verteilen, sind Körperschmuck. Ein junges Mädchen in festlichem Kleid nach der Vorbereitung für den Heiratsmarkt zeigt die Aufnahme von 1971 auss Marokko oder das Bild von vier jungen Frauen in festlichen, gestreiften Gewändern, das im gleichen Jahr dort entstanden ist.

Der Fotograf Irving Penn (1917-2009) zählt zu den bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Nach einer Ausbildung zum Designer widmet er sich der Fotografie und wird vor allem durch seine Modefotos – allein für Vogue produzierte er mehr als 100 Titel –, Portraits und Stillleben berühmt. Sein 1937 entstandenes Portrait von Pablo Picasso mit Hut, Mantel und eindringlichem Blick auf den Betrachter wurde weltberühmt, ebenso die Aufnahme der Hand des Jazztrompeters Miles Davis.

Über Jahrzehnte zog es ihn jedoch immer wieder hinaus in Welten, die vordergründig nicht die seinen waren. Seit 1948 besuchte er indigene Völkerstämme in Lateinamerika, Afrika und Asien. Um die von ihm bevorzugte Studioatmosphäre auch in entlegensten Gegenden zu schaffen, konstruierte er ein mobiles Fotostudio: Ein alter Lastwagen, Planen und Gestänge als Vordach und ein monochromes Tuch als Hintergrund. So einfach ging das. Ein Foto dieses Gefährts ist gegenüber dem Eingang zur Ausstellung zu sehen.

1948 entstand in Cuzco, Peru, eine erste Serie. Es gibt wohl kaum ein bezaubernderes Bild im Oevre Penns als "Cuzco Children", die Aufnahme eines kleinen, sich an den Händen haltenden Geschwisterpaars, barfuß, aber in Anzug und Kleid, anlehnt an einen Klavierhocker, der die beiden Kinder noch kleiner erscheinen lässt. Streng hingegen das Foto der jungen Frau in Tracht und hohen Schuhen mit dem im Tuch auf den Rücken gebundenen Kind. Einer Szene aus Dantes "Göttlicher Komödie" könnten die drei maskierten, am Boden sitzenden und gestikulierenden Männer entstammen; die zwei mit den weißen Masken haben den mit der schwarzen in die Mitte genommen.

Irving Penn, Three Asaro Mud Men, New Guinea 1970 (c) The Irving Penn Foundation

Zu den bekanntesten Fotografien dieser Reisen zählen, die 1970 in Neu Guinea entstanden sind. Mit der Neugierde eines Anthropologen und den Augen eines Künstlers dokumentierte Penn den Körperkult der dortigen Stämme mit seiner Kamera. Berühmt wurden die Aufnahmen der Asaro-Mudmen mit ihren kalkweiß bemalten Körpern und den gar schrecklichen Masken aus grauem Schlamm. Gelassen der Blick des Alten mit weißgekalktem Gesicht. Stolz und schön steht der junge Stammeskrieger da mit der knapp bekleideten Schönen zu seinen Füssen, Bilder die unverhohlen Erotik wie Unterwürfigkeit transportieren – und die Klischees der westlichen Welt von den "schönen, wilden Wilden" bedienen.

Es sind überwiegend Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die in der Ausstellung gezeigt werden, einige von ihnen erstmals öffentlich. Sie entstanden mit alten Platten-Kameras. Die Portraitierten werden herausgelöst aus ihren Lebensumständen gezeigt, vor einem immergleichen monochromen Hintergrund, damit nichts ablenkt von der Konzentration auf Personen, Posen, Gesten und Haltungen, die Linien und Volumen des Faltenwurfs der Kleider.

Dies wirkt für den heutigen Betracher zuweilen etwas statisch. Wie zufällig in die Schau hineingeraten wirkt da das 1951 in den Straßen von Marrakesh entstandene Foto laufender Kinder. Einige wenige Farbaufnahmen aus der Zeit zwischen 1967 und 1970 sind zu sehen. Sie fallen qualitativ im Vergleich zu den übrigen Bildern ab.

Ist die Ausstellung sehenswert? Ja! Thematisch von der Zeit überholt zwar, aber sehr ästhetisch und teilweise eindringlich und berührend.

Bis zum 28. Januar 2012 bei Bernheimer Fine Art Photography, Brienner Str. 7 in München, Di-Fr. 10 bis 18 Uhr, Sa 11bis 16 Uhr, Eintritt frei. Zur Ausstellung ist ein Buch mit weiteren, bisher unveröffentlichten Fotos erschienen.

 

Veröffentlicht am: 13.12.2011

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