Mona Hatoum in der Münchner Sammlung Goetz: Betörend und verstörend

von Roberta De Righi

Mona Hatoum, Home 1999, Installation mit Tisch, Ausstellungsansicht Sammlung Goetz, courtesy Sammlung Goetz, Foto: Thomas Dashuber

Die erste Einzelausstellung der Künstlerin Mona Hatoum zeigt in der Sammlung Goetz in München Installationen, Videos, und Videodokumentationen von Performances aus den Jahren 1983 bis 2009 – eine gelungene Werkschau.

Dieser Teppich lebt! Ein Geflecht aus roten Kabelschnüren erstreckt sich über den Boden des Raumes, die Schnüre enden in Glühbirnen, deren pulsierendes Licht an den Herzschlag oder Atem eines gewaltigen Organismus erinnert. "Undercurrent" heißt Mona Hatoums sinnlich-schöne Installation von 2008, in der Kabelschnüre zu Lebensadern werden. Sie ist Teil einer Einzelausstellung in der Münchner Sammlung Goetz, die jetzt Werke der im Libanon geborenen, in London und Berlin lebenden Künstlerin in einer überzeugenden Auswahl zeigt. Darin wird auch die künstlerische Entwicklung zwischen 1980 und 2009 deutlich.

Neben "Undercurrent" läuft die Video-Dokumentation einer ihrer frühen Performances "The Negotiating Table" (Der Verhandlungstisch, 1983): Erschrocken erkennt man blutige Eingeweide, die unter einer Plastikfolie auf einem scheinbar leblosen Körper liegen. Während Politiker reden, sterben Menschen. Die politischen Botschaften ihrer Sturm-und Drang-Phase waren so drastisch wie deutlich. Und Schock und Schönheit treten häufig nebeneinander auf. Ihre älteren Arbeiten offenbaren den Sinn für das Paradoxe ("So much I want to say", 1983) und Absurde, etwa "Roadworks", wofür sie 1985 barfuß mit an die Füße gebundenen Schuhen durch Brixton marschierte. Und im Video "Measures of Distance" (1988) überlagern sich die Bedeutungsebenen subtil: Man sieht die Mutter der Künstlerin unter der Dusche, darüber liegen arabische Schriftzeichen, die an das Muster eines Duschvorhangs, aber auch an Stacheldraht erinnern. Hatoum kann beides: Betören und verstören. Den Turner-Prize, für den sie 1995 nominiert war, bekam trotzdem Damien Hirst.

Mona Hatoum, Undercurrent (Red), 2008, Ausstellungsansicht Sammlung Goetz, courtesy Sammlung Goetz, Foto: Thomas Dashuber

Ihre Kunst ist eingängig – und mitunter plakativ. So wie die jüngste Arbeit, "Hotspot" von 2009, ein Globus mit Kontinenten, deren Konturen aus roten Leuchtstoffröhren bestehen: Alarmstufe Rot auf dem ganzen Planeten. Oder "Deep Throat" (1996) in Anlehnung an den gleichnamigen Pornofilm aus den Siebziger Jahren: Auf dem Tisch steht ein Gedeck, doch die Innenfläche des Tellers öffnet sich zum Schlund. Ein Monitor zeigt Bilder einer Sonde, die tief in die Speiseröhre wandert. Das ist fast zu perfekt inszeniert, um unter die Haut zu gehen. Bei Hatoum lauert der Alp im Alltäglichen und lächelt in diabolischer Doppeldeutigkeit. Der Rollstuhl (1998) hat Messerklingen statt Griffe zum Schieben, Sieb und Seiher sind mit Schrauben gespickt. So wird das Koch- zum potenziellen Mordwerkzeug. Überhaupt, die Küchenutensilien: Man findet einen bedrohlich-überdimensionierten Eierschneider ebenso wie einen Metall-Paravent aus monumentalen Küchenreiben.

Und der heimische Herd ist ein lebensgefährlicher Ort in der Installation "Home" (1999): Von innen illuminiert wirken Reibe und Sieb ästhetisch wie Designerleuchten, doch sind sie über Schöpfkelle, Trichter und Fleischwolf zu einem Stromkreis verbunden. Das Sirren, welches das Arrangement akustisch untermalt, suggeriert Hochspannung – und elektrisiert den Betrachter.

Bis zum 5. April 2012 in der Sammlung Goetz, Oberföhringer Str. 103 in München, Mo-Fr 14 bis 18 Uhr, Sa  11-16 Uhr, jeweils nach telefonischer Anmeldung, Tel. 089/95939690

Veröffentlicht am: 08.12.2011

Über den Autor

Roberta De Righi

Roberta De Righi ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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