Großangriff aufs Kunstareal: Gleich drei Ausstellungen zeigen Arbeiten der Fotokünstlerin Sabine Hornig

von Achim Manthey

Sabine Hornig, Der zerstörte Raum, 2006 (c) VG Bild-Kunst Bonn 20

In der Ausstellung "Durchs Fenster" zeigt die Pinakothek der Moderne rund 20 Arbeiten der Fotografin Sabine Hornig. Da konnte die Alte Pinakothek nicht zurückstehen und stellte Fotografien der Künstlerin  einer Reihe altniederländischer Gemälde aus dem 17. Jahrhundert gegenüber. Die Barbara Gross Galerie, die hier mit den Pinakotheken kooperierte, widmet der Künstlerin darüber hinaus noch eine eigene Ausstellung.

Hand aufs Herz: Wer ist noch nicht der Versuchung erlegen, beim Gang durch die Stadt in fremde Fenster zu lugen in der Hoffnung, etwas zu sehen, was nicht für sein Auge bestimmt ist? Eben! Ganz so weit geht die Künstlerin Sabine Hornig allerdings nicht. 2001 begann sie, den Zyklus "Fenster" zu fotografieren, der nun den Schwerpunkt der von der Pinakothek der Moderne gezeigten Ausstellung "Durchs Fenster" bildet. Dargestellt werden Schaufenster von leerstehenden Ladengeschäften in Berlin. Nichts Besonderes an sich. Aber der Blick des Betrachters fällt sehr bald auf zunächst zwei Bildebenen: Das sind Spiegelungen von Bäumen, Parkanlagen und Straßenzügen gegenüber einerseits und der Blick auf das, was sich an und hinter den Glasscheiben tut oder nicht tut, andererseits. Das Diptychon "Bernauer Straße" von 2006 zeigt eine Baustelle hinter Glas, Schlagbohr- und Kaffeemaschine, Flaschen auf dem Tapeziertisch - alles was die auf dem Bild nicht anwesenden Bauarbeiter so brauchen. Es scheint wie eine Reminiszenz auf Otto Reuters berühmtes Handwerker-Couplet "Nu fang'n wir gleich an". Im Bild "Fenster ohne Boden" verliert sich ein Fallrohr im Nichts und ein Stück Heizung mit Thermostat steht beziehungslos im unendlich gewordenen Raum.

Eine Mischung aus Fotografie, Skulptur und Rauminstallation

Sabine Hornig, Fenster ohne Rückwand, 2006 (c) VG Bild-Kunst Bonn 2011

Sabine Hornig, 1964 in Pforzheim geboren, studierte zunächst Bildende Kunst und Bildhauerei, bevor sie sich der Fotografie widmete. Sie zählt zu den international gefragtesten deutschen Künstlerinnen der Gegenwart. Die Erarbeitung von Schnittstellen zwischen Fotografie, Skulptur und raumbezogener Installation schaffen eine eigenständige Werkform, deren Verknüpfung zu einem neuen Verständnis von traditionellen Kunstgattungen mit heute gar nicht mehr so neuen Darstellungsmitteln beiträgt.

Die Ausstellung in der Pinakothek der Moderne zeigt 20 großformatige Fotografien. Leerräume mit Blick auf ein Fenster im Hintergrund, hinter dem sich ein verschwommen dargestellter Mann aus der Kulisse entfernt, als habe er eine Tür endgültig hinter sich geschlossen Die Bilder führen den Betrachter auf eine dritte Ebene, auf der er selbst eine Rolle spielt. Er fühlt sich hineinversetzt in die gezeigte Situation, spiegelt sich als Bestandteil der Aufnahme, wird Teil einer dann dreidimensionalen Skulptur.

Kein spannungsreicher Dialog entsteht

Ergänzend zu dieser Ausstellung werden in der Alten Pinakothek einige Fotografien Sabine Hornigs altniederländischen Gemälden des 17.Jahrhunderts gegenübergestellt. Der angestrebte "spannungsreiche Dialog" zu den Gemälden der älteren Kunstgeschichte will sich dabei nicht einstellen. Die Bilder kommen sich optisch nicht ins Gehege. Sie korrespondieren aber auch nicht, weder bei den Motiven noch bei Rahmung. Die Publikumsreaktion am Besuchstag schwankte denn auch zwischen Nichtverstehen, Desinteresse und schlichter Nichtbeachtung. Hier wäre etwas mehr Museumspädagogik gefragt. Letztlich bleibt diese Intervention überflüssig.

Ein Raum, der keiner ist

Sabine Hornig, Fenster ohne Boden, 2006 (c) VG Bild-Kunst Bonn 2011

Die Barbara Gross Galerie immerhin ergänzt die Präsentation in den Pinakotheken durch Arbeiten, die Fotografie, Bildhauerei und Installation verknüpfen: "Stillleben am Fenster" von 2011, eine Rauminstastallation, in der eine an die Requisite eines Provinztheaters erinnernde Balkonbrüstung neben zwei rechtwinkeligen Fensterflügeln plaziert ist, die als Bilderrahmen dienen und mit transparentem Stoff mit Schaufenster-Motiven bezogen sind. Der Betrachter geht herum, ohne jemals hinein zu geraten in eine wie auch immer geartetete Art von Raum. Plastischer kommt die kleine, 2009 entstandene Skulptur "Hütte III" daher, ein Kartenhaus aus Stahlplatten, das die transparente Fotografie eines Wartehäuschens überdacht – eine behütete Hütte. Die neuen, 2010/11 entstandenen Fotografien setzen das Projekt der Künstlerin fort. Das Bild "Figur am Fenster" weicht ab, denn der Blick geht nicht von außen nach innen, sondern von innen nach außen.

Die geballte Ladung Hornig, die derzeit im Kunstareal angesehen werden kann, ist des Guten zu viel. Der künstlerische Anspruch wird am ehesten noch durch die Ausstellung in der Pinakothek der Moderne verdeutlicht. Der Rest riecht nach Promotion. Einen Hornig-Hype wird sie nicht auslösen.

"Durchs Fenster" bis zum 26. Februar 2012 in der Pinakothek der Moderne in München, täglich außer Mo. von 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr

In der Alten Pinakothek ebenfalls bis zum 26. Febrar 2012 in München, OG, Kabinette 15, 16, 19-22, täglich außer Mo. von 10-18 Uhr, Di. von 10-20 Uhr.

Barbara Gross Galerie bis zum 18. Febriar 2012, Theresienstraße 57, 1. Hof, in München, Di-Fr. 10-18 Uhr, Sa 10-16 Uhr. Eintritt frei.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht am: 09.12.2011

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