Magnum-Fotograf Paolo Pellegrin schockiert in München: Schau her, Tod! Ich bin Dein Zeuge!

von Achim Manthey

Motoyoshichomishima, Kesenuma, Miyagi, Japan 2011 (c) Paolo Pellegrin/Magnum Photos

In einer fulminanten Retrospektive sind im Foyer der Versicherungskammer Bayern in München Bilder des Magnum-Fotografen Paolo Pellegrin zu sehen. Ein bewegendes Zeugnis dafür, wie Tod, Elend und Vertreibung täglich über die Menschen kommt und ihre Würde mit Füßen getreten wird.

Die Erdstöße waren so gewaltig, dass es die Gleise aus ihrem Schotterbett riss und samt Schwellen so verdrehte, dass sie hochkant standen. Das mit 9,0 auf der nach oben offenen Richterskala an der Nordostküste Japans am 11. März 2011 gemessene Erdbeben war eines der stärksten, das seit Beginn der Aufzeichnungen 1900 gemessen wurde. Fukushima war nur eine der Folgen. Mehr als 28000 Menschen kamen ums Leben oder sind seither vermisst, über 125000 Gebäude wurden zerstört.

In einer wandfüllenden, aus mehr als 70 Einzelbildern bestehenden Foto-Installation hat der Fotograf Paolo Pellegrin Ausmaß und Folgen der Katastrophe dokumentiert. Zerstörte Dörfer und Hafenanlagen, ausgewachsene Schiffe, die aufs Trockene katapultiert wurden. Die dokumentarischen Schwarz-weiß-Fotos werden durch kleinformatige Farbaufnahmen unterbrochen, Fotografien von schlammverschmierten, verwässerten Fotos, die Einzelschicksale zeigen, Erinnnerungsbilder von Familien, häusliche Schreine, Hochzeiten, Abschlussklassen. Sie lassen das Verlorene nur erahnen.

Leichenberge, eine amorphe Masse aneinander, durcheinander gestapelter Körper, freigegeben zur Entsorgung mit einem Bulldozer: ein Foto nach den Tsunami 2005, entstandenen in Banda Aceh, Indonesien.

Pellegrin, 1964 in Rom geboren, arbeitete nach dem Fotografie-Studium zunächst einige Jahre in Paris für verschiedene Publikationen. Für seine Fotoreportage über Aids in Uganda erhält er 1995 eine erste Auszeichnung von World Press Photo. 2001 wird er zunächst assoziiertes Mitglied der Agentur Magnum, deren Vollmitglied er seit 2005 ist. Viele seiner Arbeiten erscheinen in der Zeitschrift Newsweek, im Zeit-Magazin hat er 2011 eine eigene, wöchentliche Foto-Kolumne. Er lebt und arbeitet in Rom und New York.

Zivilisten suchen nach Überlebenden kurz nach einem israelischen Luftangriff im südlichen Beirut, Libanon 2006 (c) Paolo Pellegrin/Magnum Photos

Paolo Pellegrin ist in der Krisen- und Kriegsgebieten der Welt unterwegs. Seine eindringlichen Schwarz-weiß-Aufnahmen illustrieren nicht nur, sie dokumentieren Tod, Zerstörung, das Leiden und die Verzweifluung der betroffenen Menschen, und zeugen dabei von einer ungeheueren Nähe und Vertrautheit, ohne voyeuristisch zu sein. Ganz deutlich wird das an dem 2000 im Kosovo entstandenen Foto der Frauen, die in einem Haus den Tod eines Mannes betrauern. Zu sehen sind lediglich die acht leicht angeleuchteten Frauengesichter im Kontrast zur Dunkelheit des Raumes.

Das Bild einer Frau auf dem Markt in Tripolis (2002), Teil der Menge und doch hervorgehoben, weil sie scheu in die Kamera blickt. Bewusst eingesetzte Unschärfen wie in den Aufnahmen aus dem Sudan 2004 oder Liberia 2006 drücken Angst, Hektik, Flucht aus - und schützen die abgebildeten Personen zugleich. Beklemmend sind die Ansichten aus den Kriegsgebieten: Der zerschossene Körper eines toten Jungen, der 2006 während eines israelischen Luftangriffs auf die libanesische Stadt Quana ums Leben kam, Bilder von durch Minen, Bomben oder Schüsse verstümmelten Kindern im Gaza-Streifen 2009.

"Wenn ich meine Arbeit mache und dem Leiden anderer ausgesetzt bin - ihrem Verlust oder manchmal auch ihrem Tod - dann fungiere ich, so empfinde ich das, als Zeuge; es ist meine Rolle und meine Verantwortung, Aufzeichnungen für unser kollektives Gedächtnis zu schaffen", meint der Fotograf. Aber er dokumentiert auch Aufbruch, wie die Fotos von den Anti-Mubarak-Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz im Frühjahr 2011 beweisen würden, könnten sie nicht auch im Spätherbst dieses Jahres entstanden sein.

Neben den Foto-Installationen werden in der von Isabel Siben sehr sorgsam kuratierten Ausstellung rund 60 Aufnahmen gezeigt - ein Überblick über mehr als zehn Jahre Arbeit an den Unruheherden dieser Welt in Europa, Afrika, dem Nahen Osten und Asien. Und immer noch brennt es an allen Ecken und Enden! "Die Würde des Menschen ist unantastbar, auch wenn sie überall auf der Welt mit Füssen getreten wird", hat ein Ausstellungsbesucher ins Gästebuch geschrieben. Auch das beweist die Ausstellung sehr eindringlich.

Schöne Motive sind das nicht auf den Fotos - mit einer Ausnahme: Gleich am Eingang wird der Besucher von dem Portrait einer madonnenhaft schönen Frau begrüßt, die 2005 auf dem Petersplatz in Rom den Tod von Papst Johannes Paul II. betrauert, verklärt, dem Moment der Aufnahme entrückt. Man sieht sie wieder beim Verlassen der Ausstellung und erfährt vielleicht ein wenig Versöhnung mit dem Greuel des Gezeigten.

Bis zum 20. Februar 2012 im Foyer der Versicherungskammer Bayern, Maximilianstr. 53 in München, täglich von 9-19 Uhr, an gesetzlichen Feiertagen geschlossen. Eintritt frei. (Ein weiterer Eintrag im Gästebuch: "Freier Eintritt - freie Bildung". Finden wir erwähnenswert.)

 

Veröffentlicht am: 03.12.2011

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Stefan
04.12.2011 14:31 Uhr

Hier hätte die Chance bestanden anhand der Ausstellung den Katastrophen- und Kriegs-Foto-Tourismus einer bestimmten Gruppe von Fotografen zwecks Erlangung des World Press Photo Award einmal kritisch zu hinterfragen anstatt die üblichen Floskeln á la "es ist meine Rolle etc." wiederzugeben.

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