Aus dem Spätwerk des neusachlichen Fotografen Albert Renger-Patzsch: Fotos als "die Summe einer Existenz"

von Achim Manthey

Albert Renger-Patzsch, Basalt in Nordirland, 1961, (c) Ann und Jürgen Wilde, Zürich/VG Bild-Kunst, Bonn, 2011, Foto: Bayer. Staatsgemäldesammlungen, Nicole Wilhelms

Die Pinakothek der Moderne zeigt in der Ausstellung mit dem etwas sperrigen Titel "Über Bäume und Gestein, Albert Renger-Patzsch und Ernst Jünger, Stiftung Ann und Jürgen Wilde, München" rund 30 Arbeiten aus dem späten Werk des Begründers der neusachlichen Fotografie. Der Schriftsteller Ernst Jünger bleibt dabei schmückendes Beiwerk.

Wie sehr alte, durch die Wechselfälle eines langen, schweren Lebens gegerbte Haut mit ihren Narben und Falten wirken die durch Errosionen und Auswaschungen geformten, ausgebildeten Gesteinsschichten, die auf den 1961 entstandenen Fotografien "Mechanismus der Faltung" und "Faltung" zu sehen sind. Auch schwerer Fels hält der Macht des Wassers auf Dauer nicht stand; ein Zusammenspiel und doch ein Gegeneinander von Naturgewalten wird auf der Aufnahme "Gesteinstransport im oberen Tessin" von 1960 deutlich. Mächtige schwarze Basaltblöcke in Irland kontrastieren mit der weißen Gischt der See.

Die in der Ausstellung gezeigten Aufnahmen stammen aus den Publikationen "Bäume" (1962) und "Gestein" (1966), die Renger-Patzsch im Auftrag des Industriellen Ernst Boehringer fertigte. Es sollten die letzten beiden Fotobände vor seinem Tod 1966 bleiben. In kleiner Auflage erschienen sie für einen ausgewählten Empfängerkreis. In einem Brief an seinen Auftraggeber bezeichnete Renger-Patzsch die Arbeiten als "die Summe meiner Erfahrungen". Denn es war nicht die erste fotografische Auseinandersetzung mit dem Thema Natur. Schon 1920 arbeitete er für den Auriga Verlag an dessen Pflanzenbüchern mit und entwickelte seine ganz eigene Bildsprache, die sich durch begrenzte Bildausschnitte, Bildschärfe und Konzentration auf die Oberflächenbeschaffenheit qualifizierte. Eigenschaften, die er in seiner späteren Tätigkeit als Industrie- und Werbefotograf vervollkommnete.

Albert Renger-Patzsch, Astwerk einer Solitärfichte, ca. 1960 (c) Ann und Jürgen Wilde, Zürich/VG Bild-Kunst, Bonn 2011, Foto: Bayer. Staatsgemäldesamm-lungen, Nicole Wilhelms

Albert Renger-Patzsch wird 1897 in Würzburg geboren. Schon früh, mit etwa 14 Jahren kommt er, angeleitet durch seinen Vater, mit der Fotografie in Berührung. Ein in Dresden begonnenes Chemiestudium bricht er ab und übernimmt um 1920  herum die Leitung des Bildarchivs des Folkwang-Verlages in Hagen, des späteren Auriga Verlages. Nach kurzer Tätigkeit für eine Bildagentur in Berlin ist er ab 1925 bis zu seinem Tod im September 1966  als freischaffender Fotograf tätig. Er gilt als Begründer der neusachlichen Fotografie, die durch einen direkten, sachbezogenen Aufnahmestil geprägt ist und sich deutlich abgrenzt von der von ihm abgelehnten "Kunstfotografie". Sein 1928 erschienenes Buch "Die Welt ist schön" gilt als Standardwerk der modernen Fotografie.

Sehr plastisch drückt er das, was ihn antreibt, in einem Brief vom 22. November 1962 an Ernst Jünger aus: "Der Fotograf kann den Gegenstand allenfalls erkennen, aber er kann ihn nicht verwandeln. Die Abstraktion, die Ihr Bild zum Gegenstand hat, auch von mir zu fordern ..., kann der Fotograf nicht leisten; da er auf die Wirklichkeit angewiesen ist, kann er die 'Idee' nicht fotografieren." Ein Plädoyer für die Realität und eine Absage an eine überhöhte fotografische Fantasie, eine Ablehnung, die prägend war für die neue Sachlichkeit.

Den Gesteinen stehen in der Ausstellung überwiegend sehr harmonische Naturbilder gegenüber. Junges Kastanienlaub, Gezweige, Pappelhaine, aber auch mächtige, knorrige, stark verästelte und verwachsene alte Bäume wie die Eiche bei Dobersdorf in Holstein auf dem Foto von 1959. Das Bild des Astwerks einer Solitärfichte in der um 1960 entstandenen Aufnahme beeindruckt. Gerade die Bilder der alten Gewächse offenbaren bei aller realistischen Abbildung Mystisches, Geheimnisvolles. Dazu schreibt Renger-Patzsch am 21. April 1966 an Ernst Jünger: "Da aber viele Leser oft auch die klarsten Texte nicht verstehen, schadet es nicht, wenn sie auch einmal vor einem Bilderrätsel stehen." Ein wenig scheint diese Aussage das Grundprinzip der Neuen Sachlichkeit zu konterkarieren.

Ach ja, Ernst Jünger. Er findet in der Ausstellung nur fragmentarisch statt. Die Schau soll begleitet werden von einer Publikation des Briefwechsels zwischen Fotograf und Schriftsteller zwischen 1943 und 1966, von dem aber nichts zu sehen ist. Ein geringer Teil eines Briefwechsels steht beziehungslos nebeneinander. Die zwangsläufug unterschiedlichen Ansätze von Literatur und Fotografie lassen sich so nur erahnen oder nachträglich erlesen. Diese Gestaltung ist kuratorisch mißlungen. Der Titel der Ausstellung erweckt Erwartungen, die nicht erfüllt werden.

Bis zum 26. Februar 2012 in der Pinakothek der Moderne in München, Raum 016, in München, täglich außer Mo. von 10-18 Uhr, Do. 10-20 Uhr.

 

Veröffentlicht am: 22.11.2011

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