Stars, Sternchen und Straßen - Fotos des Life Magazine zeigen die fließende Grenze zwischen Zeitgeschichte und Propaganda

von Achim Manthey

Newsboy in the middle of Los Angeles traffic, 1949 by Loomis Dean (c) Time Inc.

Es war das erste Magazin für Fotojournalismus. Die besten Fotografen waren für das Life Magazine überall auf der Welt unterwegs. Passend zum 75. Jubiläum der Zeitschrift zeigt die Galerie Stephen Hoffman in der Ausstellung "American Way of Life" Aufnahmen von 20 Life-Fotografen aus der Zeit zwischen 1945 und 1971. Ein Spiegel auf die Vergangenheit der Vereinigten Staaten, der Aufbruch, Pioniergeist, Kult und Propaganda verdeutlicht.

Steve McQueen, die Sonnenbrille auf der Nase, flätzt sich auf seinem Sofa und zielt mit dem Colt auf irgendetwas. John Dominis gelang das Foto 1963 bei einer Art Home Story über den Schauspieler, die er für das Life Magazine fotografierte. Jerry Lewis blödelt sich über eine New Yorker Showbühne auf dem Bild von Ralph Morse von 1949. Allan Grant bekam Audrey Hepburn und Grace Kelly bei der Oskarverleihung 1956 vor die Linse in einem Moment, in dem sich die Darstellerinnen unbeobachtet wähnten. Grace Kelly in sich gekehrt, gedanklich wohl schon in Monaco.

Und immer wieder John F. und Jaqueline Kennedy: die Hochzeitsfeier 1953 in Newport dokumentierte Lisa Larsen, beim Wahlkampf 1958 in Boston fotografierte Carl Mydans. Natürlich fehlt auch die 1962 entstandene Aufnahme von Yale Joel nicht, als Marilyn Monroe dem Präsidenten auf dem Parteitag der Demokraten in New York City sehr innig ihr "Happy Birthday Mr. President" von der Bühne hauchte. Auch das unmittelbar nach diesem skandalumwitterten Auftritt im Madison Square Garden entstandenen Foto von Cecil W. Stoughton ist zu sehen, das einmalig John F. Kennedy und seinen Bruder Robert F. gemeinsam mit der Monroe zeigt - sie soll bekanntlich mit beiden "was gehabt haben". Die Aufnahme war damals als brisant einstuft worden und soll vom amerikanischen Geheimdienst, der sie zunächst übersehen hatte, aus Stoughtons Dunkelkammer entfernt worden sein. Das Bild wurde erst 1994 nach Jacky Kennedys Tod veröffentlicht.

"Das Leben sehen, die Welt sehen"

George Silk, University of Pittsburgh Students, 1960 (c) Time Inc

Fotos von 20 Fotografen des Life Magazine zeigt die Ausstellung, darunter sind so berühmte Nahmen wie Andreas Feininger, Alfred Eisenstaedt, George Silk oder Margaret Bourke-White und Cornell Capa, der Sohn Robert Capas, der Mitbegründer der Fotoagentur Magnum war und erst vor einigen Jahren ins Gerede kam, als sein berühmtes Foto des fallenden Kämpfers im Spanischen Bürgerkrieg als gestellt entlarvt wurde.

Life Magazine, 1936 von Henry Luce in New York gegründet, lebte von solchen Aufnahmen. Die erste Ausgabe erschien am 23. November 1936. Das Credo, auf das alle Fotografen verpflichtet waren, lautete: " Das Leben sehen, die Welt sehen, Augenzeuge großer Ereignisse sein, die Gesichter der Armen und das Gehabe der Stolzen erblicken - Maschinen, Armeen, Menschenmassen, Schatten im Dschungel und auf der Mondoberfläche; die Werke des Menschen sehen, seine Gemälde, Bauwerke; Dinge wahrnehmen, die Tausende von Kilometern entfernt sind, hinter Mauern, in Innenräumen, an die heranzukommen gefährlich ist; Frauen, die Männer lieben und Scharen von Kindern; sehen und am Sehen Freude haben; sehen und staunen, sehen und belehrt werden." Und so zogen die besten Reportagefotografen aus, um das bis 1972 wöchentlich erschienene Magazin, das nach meheren Erhaltungsversuchen schließlich eingestellt wurde, mit ihren Geschichten zu beliefern.

Stars und Alltag

Peter Stackpole, San Francisco, Oakland Bridge Construktion, undatiert (c) Time Inc.

Die Prominenten, die Stars gehörten dazu. Interessanter jedoch sind die Alltagsszenen, weil sie Armut und harte Arbeit ebenso zeigen wie Aufschwung und Fortschritt. Der Zeitungsjunge, verloren im Straßenverkehr von Los Angelas auf dem 1949 entstandenene Foto von Loomis Dean. In schwindelnde Höhen traute sich Peter Stackpole, um das sensationelle Foto von den Arbeitern bei Bau der Oakland Bay Bridge bei San Francisco zu schießen. Das Foto hat Seltenheitswert, da von diesem Fotografen, der von 1936 bis 1960 zu den ersten vier "staff photographers" von Life gehörte, nur wenige Aufnahmen erhalten sind. Ein Brand 1991 in seinem Haus in Oakland vernichtete fast alle Negative, nur die Aufnahmen der Brücken in San Francisco konnte er retten. Nina Leen hielt Hausfrauen beim Friseur unter silbernen Trockenhauben fest (1947) und die Eröffnung des ersten Drive-in-Restaurants Amerikas in Kalifornien (1945).

Dem gegenüber steht die Armut in dem kleinen Laden auf dem 1936 entstandenen Foto von Margaret Bourke-White, in dem zwei Kinder etwas gegen den Hunger zu erhaschen versuchen, wo doch der Ladenbesitzer nicht viel mehr hat als seine Kunden. Aber der kennt seine Pappenheimer und weist auf einem Schild darauf hin, dass nur Bares Wahres ist.

Von Propaganda und Werbung

Und dann gibt es da diesen heute nur noch schwer erträglichen Patriotismus in den Fotos, die zu reiner Propaganda verkommen. Das berühmt gewordene und mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnete Bild von Joe Rosenthal "Old Glory Goes Up on Mt. Suribachi, Iwo Jima" von 1945 gehört dazu, auf dem U.S. Marines im II. Weltkrieg den Sternenbanner auf der Pazifikinsel hissen, weil sie sich mal wieder eingebildet haben, sie hätten etwas gewonnen. Dass die Situation nachträglich gestellt wurde, interessierte nicht. Auch die Abbildung der Freiheitsstatue auf der 1951 aus dem Hubschrauber geschossene Aufnahme der Freiheitsstatue von Margaret Bourke-White überhöht. Auch für Werbung waren sich die Fotoreporter nicht zu schade. Als Goodyear einen besonders griffsicheren Reifen entwickelt hatte, war Margaret Bourke-White zur Stelle: 1934 entstand die Aufnahme eines Automobils in Vollbremsung vor einem aufscheuenden Pferd. Dass das Motiv heute ausgeprägt komische Aspekte birgt, muss nicht betont werden.

Es ist eine erstaunlich vielschichtige Ausstellung, die ganz unterschiedliche Aspekte des berühmten American Way of Life offenbart. Straight Photography in höchster Qualität von den besten Fotografen, die sich aber auch haben vor Karren spannen lassen. Man hat Freude an den hochwertigen Aufnahmen, kann aber auch sehr schnell einen Kick im Kopf bekommen.

Bis zum 24. Dezember 2011 in der Galerie Stephen Hoffman, Prannerstr. 5 in München, Di-Fr 11-18 Uhr, Sa 11-14 Uhr. Freier Eintritt.

Veröffentlicht am: 24.11.2011

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