Forschungsreise wider das Vergessen (4): Von Lublin nach Kaunas

von kulturvollzug

Der Künstler Paul Huf tritt mit dem Zeitzeugen Ernst Grube, seiner Frau Helga Hanusa und der Autorin Renate Eichmeier die "Forschungsreise wider das Vergessen" an. Die Texte, die die Reisenden Tagebuchartig verfassen, erscheinen hier in ihrer Originalfassung.

13. 11. 2011:

Helga Hanusa und Ernst Grube. Foto: Paul Huf

Ernst Grube: Die Onkel und Tanten mütterlicherseits von Werner, Ruth und mir wurden mit ihren Kindern nach Piaski, Izbica und Riga deportiert: Selma Süss-Schülein und Siegfried Süss-Schülein, Rosa Neu und Sigmund Neu mit ihrem Sohn Irwin Neu, Erna Berenz und Max Berenz mit ihren Kindern Abraham, Manasse und Bella (geb. 7.3.1942).

Am 25.11.1949 wurden sie vom Amtsgericht Stuttgart für tot erklärt.

Helga Hanusa: Auf dem jüdischen Friedhof in Izbica steht auf einem Gedenkstein: „Hier ruht die Asche der durch Deutsche im November 1942 ermordeten Juden mit der Bitte um Nachdenken und ein Gebet.“

Krähe - Aufgenommen in Piaski. Foto: Paul Huf

Renate Eichmeier: Wieslaw Wysock holt uns morgens im Hotel ab. Wir haben einen Mietwagen und verlassen Lublin Richtung Südosten. Graues Novemberwetter. Wir fahren über die Lubliner Hochebene, links und rechts der Straße Felder, hin und wieder liegt etwas Schnee.

Nach einer Viertelstunde erreichen wir Piaski. Wieslaw Wysock führt uns durch den kleinen Ort, der heute etwa 2500 Einwohner hat. Vor der deutschen Besetzung 1939 war Piaski ein Schtetl mit etwa 4000 jüdischen Einwohnern. Odilo Globocnik, SS- und Polizeiführer im Distrikt Lublin, ließ einen Teil des Ortes mit einem Bretterzaun absperren  und zu einem Ghetto umfunktionieren. Einheimische Juden und Deportierte aus dem Deutschen Reich wurden auf engstem Raum zusammengepfercht. Im April 1942 kamen um die 750 Menschen aus München hier an.

Auch das etwa 20 km entfernte Izbica war ein Schtetl, das die deutschen Besatzer in ein Ghetto für einheimische und deportierte Juden umwandelten.

Davidsterne. Zeichnung: Paul Huf

Piaski und Izbica waren Transitlager. Wer nicht an den furchtbaren Lebensbedingungen starb, wurde in die nahegelegenen Vernichtungslager Belzec und Sobibor gebracht. Bei Auflösung der Ghettos Anfang November 1942 wurden 2000 Juden auf den dortigen jüdischen Friedhöfen erschossen.

Wir fahren weiter nach Zamosc, über Jahrhunderte eine internationale Handels- und Wissenschaftsstadt: Armenier, Griechen, Polen, Juden, Menschen aus den verschiedensten Kulturkreisen lebten hier.

 

 

14. 11. 2011:

Foto eines SS-Hauses in Belzec. Foto: Paul Huf

Ernst Grube: Vernichtungslager Belzec. Mit dem 2. Transport am 21. April 1942 wurden 700 Münchner Juden, wie ich heute weiß, in das Durchgangslager Piaski deportiert. Darunter 10 Kinder aus unserem Antonienheim. Wir noch nicht verschickten Kinder mussten nun mit den Erzieherinnen Henriette Jakobi und Alice Bendix ins Durchgangslager Milbertshofen. Die SS nutzte ab jetzt das Gebäude des jüdischen Kinderheims für den „Lebensborn“.

In der Gedenkstätte Belzec erinnern mich die Vornamen der Ermordeten an der Gedenkwand an meine Freunde aus dem Kinderheim und an meine Verwandten

Renate Eichmeier: Aufbruch in Zamosc um 8.00 Uhr. Wir fahren mit unserem Mietwagen weiter Richtung Südosten. Belzec ist ein kleiner Ort, 10 km vor der ukrainischen Grenze.

Es ist neblig und kalt. Wieslaw Wysock führt uns durch die Gedenkstätte des ehemaligen Vernichtungslagers Belzec. Es liegt unmittelbar am Bahnhof. Vom Lager ist nichts erhalten geblieben, aber bei Ausgrabungen wurden 33

Auspuff. Foto: Paul Huf

Massengräber entdeckt. Die Gedenkstätte ist ein Friedhof: eine große Fläche mit Schlacke, die nach hinten ansteigt, in der Mitte geteilt durch einen Weg. Wir gehen hindurch, die Wände werden höher und höher. Von Februar bis November 1942 führte etwa hier der Weg in die Gaskammern, in denen um die 500.000 Menschen den Tod fanden. Sie wurden von den umliegenden Transitlagern oder direkt von ihren Heimatorten hierher deportiert. Auch viele der aus München Deportierten, die im April 1942 nach Piaski verschleppt wurden, kamen hier ums Leben.

Während der „Aktion Reinhardt“ wurden etwa 1,7 Millionen Juden im Generalgouvernement ermordet. Die jüdischen Gemeinden vor Ort waren zerstört und mit ihnen verschwand ihre jiddische Schtetl-Kultur.

 

15. 11. 2011:

Auf dem Weg nach Kaunas. Foto: Paul Huf

Ernst Grube: Unser Zug hält in Bialystok. Ich denke daran, dass im August 1943 ein Transport mit 1.200 Kindern aus Bialystok einige Tage in Theresienstadt war. Meines Wissens durfte von der Lagerverwaltung niemand mit den Kindern Kontakt aufnehmen. Nach einigen Tagen waren sie spurlos verschwunden.

Helga Hanusa: Und die Täter? Viele sind straffrei davongekommen.

München 1963. Die zuständige Strafkammer am Landgericht München I lehnte für 7 von 8 Angeklagten SS-Männern, die im Vernichtungslager Belzec Dienst taten, die Eröffnung des Hauptverfahrens ab mit der Begründung, sie hätten nichts anderes tun können, als den ihnen erteilten Befehlen zu gehorchen. Ein Täterwille sei nicht erkennbar.

Von mehr als 107.000 Ermittlungsverfahren wurden 90% eingestellt.

Am Bahnhof in Kaunas. Foto: Paul Huf

Renate Eichmeier: Gestern abend noch nach Warschau. Heute 7 Uhr 45 Uhr: Wir fahren mit dem Zug Richtung Litauen, über Bialystok und Sestokai nach Kaunas.

Acht Stunden im ICE, bedeckter Himmel, vorbei an Wäldern, herbstbraunen Wiesen und Feldern. Zeit für ein Resümee zu unserem Aufenthalt in der Lubliner Gegend. Dieses dichte Netz an Arbeits-, Durchgangs-, Vernichtungslagern. Die Ermordung der gesamten jüdischen Bevölkerung, die Auslöschung ihrer Kultur -  das war Teil des großangelegten „Generalplans Ost“. Polen war das Experimentierfeld für die „Germanisierungspolitik“ der deutschen Besatzer: Unterwerfung der Bevölkerung, Enteignung, Umsiedlung, Verschleppung zur Zwangsarbeit ins Reich.

Unser Begleiter Wieslaw Wysock hat uns erzählt, dass die SS im Distrikt Lublin eine Art „Modellprojekt“ startete: In der Umgebung von Zamosc wurden Tausende polnische Bauern brutal vertrieben, ihre Höfe von Angehörigen der deutschen Minderheit aus Bessarabien übernommen. Unter den Vertriebenen war die Familie von Wysocks Schwiegermutter.

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht am: 17.11.2011

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