Der Maler Karl Hubbuch als Fotograf: Vom neuen Frauenbild und dem Reiz der Provinz

von Achim Manthey

Karl Hubbuch, Karl und Hilde mit Nudelholz und Föhn, nach 1927, Münchner Stadtmuseum (Foto: Karl Hubbuch Stiftung, Freiburg)

In der Ausstellung "Karl Hubbuch und das neue Sehen. Fotografien, Gemälde und Zeichnungen 1925-1935" zeigt die Sammlung Fotografie des Münchner Stadtmuseums erstmals den fotografischen Nachlass des Malers.

Es hatte schon viel mit Erotik zu tun. Marianne im Schwimmbad auf der 1929 entstandenen Fotografie: nasse kurze Haare, der selbstbewusste Blick irgendwohin gerichtet, Wassertropfen perlen auf der Haut. Die Aufnahme macht an, weil Hubbuch angemacht war. Hilde, die seine Frau war, Martha und Marianne sind gegen Ende der 1920er Jahre seine wichtigsten Modelle. Verspielt, vertraut und fast slapstickartig die Aufnahmen mit Hilde. Da sind dann auch schon einmal Nudelholz und Föhn im Spiel, wie auf der Aufnahme vom 1927.

Das Karl Hubbuch auch selbst gern vor der Kamera posierte, zeigen die von Hilde gefertigten Aufnahmen. Starke Nähe und Intimität, zugleich aber auch Distanz und Statik in den  nach 1927 entstandenen Aufnahmen der Ballettschülerin Martha. Die Fotografien zeigen ein für jene Zeit neues Bild der modernen, aufgeschlossenen, selbstbewussten Frau, mal kess mit Zigarette, mal beim Ringtennis oder in unaufdringlichen Aktaufnahmen. Auch Freunde wie der Maler Georg Scholz, der Schauspieler Hermann Brand oder Ellen Rosenberg, die später unter dem Namen Auerbach als Fotografin bekannt wurde, posierten und inszenierten sich gern vor Hubbuchs Kamera. Viele Aufnahmen zeigen die Ironie, das Augenzwinkern im Umgang mit der Geschlechterrolle der damaligen Zeit, aber auch die Gaudi der Clique bei den Aufnahmen. Es ging da schon sehr heiter und locker zu.

Ein bewegtes Leben

Karl Hubbuch wird 1891 in Karlsruhe geboren. Zwischen 1908 und 1912 studiert er an der an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, wo er sich mit Rudolf Schlichter und Georg Scholz befreundet. Danach Studium an der Schule des Museums der angewandten Künste in Berlin bei Emil Orlik, wo er George Grosz kennen lernt. Im I. Weltkrieg dient er als Artillerist, nimmt danach seine Studien wieder auf und beginnt ab 1924, Lithographie an der Akademie in Karlsruhe zu unterrichten. Seine Arbeiten sind in dieser Zeit in zahlreichen Ausstellungen zu sehen, darunter 1925 die große Präsentation "Neue Sachlichkeit" in Mannheim. Um 1926, die Zeit, in der er sich selbst mit Fotografie zu beschäftigen beginnt, lernt er die Fotografin Hilde Isay kennen, die er 1928 heiratet. Wegen ihrer jüdischen Herkunft muss Hilde Deutschland verlassen, die Ehe wird 1935 zwangsgeschieden. Hubbuch wird 1933 als Professor entlassen und als "entarteter Künstler" mit Berufsverbot belegt, schlägt sich als Hilfsarbeiter und Blumenmaler bei der Karlsruher Majolika-Manufaktur durch. Im Oktober 1947 wird seine Professur an der neu eröffneten Karlsruher Akademie erneuert, wo er bis zu seiner Pensionierung 1957 wirkt. Er stirbt 1979 in Karlsruhe.

Mädchen, Straßenszenen und die Nazis am Horizont

Karl Hubbuch, Marianne im Rheinstrandbad, 1929, Münchner Stadtmuseum (Foto: Karl Hubbuch Stiftung, Freiburg)

Die Münchner Ausstellung zeigt mehr als 150 Fotografien, Zeichnungen und Gemälde. Immer wieder wird den Fotos die malerische oder zeichnerische Umsetzung der Motive gegenüber gestellt, wie in dem 1928/29 entstandenen Aquarell "Hilde mit Föhn, Fahrrad und Breuerstuhl. Oft dienen Fotos als Vorlagen für Gemälde oder Zeichnungen. "Hilde im Bett liegend" von 1930 zeigt die Ausstellung in einer Reproduktion.

Den zweiten Schwerpunkt der Ausstellung bilden Aufnahmen des Straßenlebens mit Stadtansichten am Beispiel von Karlsruhe, Trier und Paris. Ganz in der Tradition des Bildjournalismus der 1920er Jahre dokumentiert Hubbuch Straßenszenen. Menschen vor den Aushangbildern eines Kinos oder einer Metro-Station. Die Eröffnung eines neuen Schwimmbades in Karlsruhe gibt Anlass für eine Reihe von Kinderbildern. Aufnahmen von Flugschauen am Alten Flugplatz und Festumzüge in der Karlsruher Kaiserstraße und von Prozessionen in Trier sind zu sehen.

In der 1930er Jahren verdüstern sich die Bilder, zeigen die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen im Stadtbild unter dem aufkommenden Nationalsozialismus. Erste Armbinden mit dem Hakenkreuz tauchen auf den Fotos auf, die Uniformalität und Gleichförmigkeit der Massen, die Entindividualisierung der Menschen wird immer offenbarer und damit auch die Distanz des Künstlers zu dem, was er abbildet. Ganz deutlich wird dies an einer in der Ausstellung gezeigten, undatierten Radierplatte, die den Aufmarsch von Arbeitsdienstlern zeigt, die vom GröFaZ in all seiner Menschenverachtung und Niedertracht niedergegrölt werden. Es sind Zeugnisse eines sich auch in der deutschen Provinz verändernden Lebens.

Karl Hubbuch, Junge mit Fahrrad, um 1930, Münchner Stadtmuseum (Foto: Karl Hubbuch Stiftung, Freiburg)

Die Ausstellung beeindruckt, weil die Bilder ein Zeitzeugnis liefern. Fotografien, Gemälde und Zeichnungen korrespondieren miteinander. Sie belegen Veränderungen im Denken und im Bewußtsein, zeigen, wie es einmal war und sind uns heute doch gar nicht so fremd. Spontanität und Experimentierfreude, ganz in der Tradition der Bauhausfotografie prägen die Bilder.

In diesem Fall nicht unklug, wird die Ausstellung durch Fotografien von Künstlern ergänzt, die ähnlich gearbeitet haben, darunter August Sander, Konrad Ressler, Fritz Loos, Theodor Hilsdorf und Herbert List.

Bis zum 4. März 2012 im Stadtmuseum München, St.-Jakobs-Platz 1, täglich außer Mo. von 10-18 Uhr. Zur Ausstellung ist bei Schirmer/Mosel ein Katalog erschienen und für 38 Euro erhältlich.

Veröffentlicht am: 12.11.2011

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