Herlinde Koelbls Videoinstallation auf den "Seven Screens": Große Augen und rote Lippen

von Roberta De Righi

Herlinde Koelbls Augenzauber am Mittleren Ring, Foto: Osram

Am südöstlichen Mittleren Ring, zwischen Isar und Sechziger-Stadion, bedeutet „stockender Verkehr“ statt Stau nahezu das größtmögliche Glück. Doch jetzt bringt Herlinde Koelbl mit ihrer Videoinstallation auf den „Seven Screens“ von Osram Sinn und Sinnlichkeit an die tosende Stadtautobahn.

Ein Kussmund, ein Wimpernschlag, Fragmente von Gesichtern. Fast scheint es, als würde der unaufhörliche Autolärm verstummen, wenn man diesen bewegten Bildern zuschaut. Riesige Augenpaare blicken dich an, fein getuschte Wimpern blinzeln. Rote Lippen formen unhörbar ein Wort, das man zu gerne lesen können möchte.

Zum fünfjährigen Jubiläum der „Seven Screens“ lud Kurator Christian Schoen die Fotografin ein, die sieben LED-Bildschirm-Stelen vor dem Osram-Hauptgebäude zu bespielen. „Du hast mich verzaubert mit einem Blick deiner Augen“ heißt Koelbls Arbeit nach einem Zitat aus dem Hohelied Salomos - und sie bietet einen echten Knalleffekt, den nur Fahrer mit Tunnelblick für Leuchtreklame halten können.

Dabei ist die Candidstraße kurz hinter der Brudermühlbrücke eigentlich kein Ort, sondern nur eine Durchgangsstrecke, die Bilder werden hier im Vorbeifahren am Rande wahrgenommen. Doch wo man nichts erwartet, wirkt das Überraschende umso mehr. So liegt gerade in der Flüchtigkeit der Reiz dieses Kunst-Schauplatzes.

Und Auch in Herlinde Koelbls Konterfeis in Großaufnahme geht es um Transitorisches: Um die Zeit zwischen erstem und letztem Augenaufschlag, um Veränderung und Vergänglichkeit, aber auch um die Einzigartigkeit des Lebens. Aber Koelbl, die etwa in den Langzeit-Studien deutscher Politiker minimale Veränderungen einer Persönlichkeit sichtbar machte, ist auch eine Meisterin des Augenblicks geblieben. Ihre Porträts lassen den Betrachter nie kalt, weil es keine fernen Idole und Models, sondern Menschen aus der Nähe sind.

Fast wünscht man sich einen klitzekleinen Stau, damit man den Zauber dieser Augen ein paar Momente länger spüren kann. Wer lange genug hinschaut, kann vielleicht am Ende sogar das Wort, das alle Münder wie aus einem sprechen, verstehen.

Herlinde Koelbls Videoinstallation läuft noch bis zum 15. Mai 2012 vor dem Osram-Gebäude am Mittleren Ring, Hellabrunner Str. 1

Veröffentlicht am: 10.11.2011

Über den Autor

Roberta De Righi

Roberta De Righi ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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