Die Welt dahinter - die Micheko Galerie zeigt den japanischen Fotografen Muga Miyahara

von Achim Manthey

Japanische Fotografie in München hat noch Seltenheitswert. Zum ersten Mal in einer Einzelausstellung in Deutschland sind 40 Bilder des Fotografen Muga Miyahara in der Micheko Galerie zu sehen.

Die traditionelle japanische Fotografie ist geprägt von der Distanz des Bildermachers zu dem, was er abbildet. Muga Miyahara ist anders. 1971 in Tokio geboren, ist er dort seit 2001 als erfolgreicher Werbefotograf tätig. In seinen Bildern stellt er persönlichen Empfindungen in den Vordergrund - dabei möchte er die Dinge hinter den Dingen zeigen; dem Betrachter unsichtbare Welten öffnen, wie Friedrich Naumann im Vorwort zum Katalog zur Ausstellung schreibt. Die Welt dahinter.

Die im Juni 2010 von der Japanerin Keiko Takana und dem Italiener Michele Vitucci in München eröffnete Micheko Galerie zeigt 40 Arbeiten des Fotografen, überwiegend Werke aus vier Bild-Zyklen.

"Shinatsuhiko", benannt nach der alten japanischen Gottheit des Windes, zeigt eine junge Frau, wie sie Blätter in die Luft wirft, wegbläst, ihnen spielerisch nachläuft, ein Kind fast, das Herbstlaub vor sich her treibt. Miyahara vermittelt dem Betrachter Freiheit, Freude, auch einen Einklang mit der Natur und sich selbst, wie sie nicht nur der der japanischen, sondern auch unserer übersättigten Gesellschaft abhanden gekommen zu sein scheint.

Foto: Muga Miyahara

Schnitt: Ekel kann aufkommen, Schaudern.

"A Memory of a Fish is there ...", einer der bekanntesten Bild-Zyklen des Fotografen, entstanden 2006.

"Als Kind hasste ich es, Fisch zu essen. Aber mein Vater bestand darauf und sagte immer 'iss Fisch, iss Fisch!' Das bereitete mir große seelische Qualen", schreibt Miyahara. Eine junge, nackte Frau, auf Fischen liegend zunächst, dann mehr und mehr von Fischen bedeckt, bis zur Brust erst, bis zum Hals dann. Schließlich bleibt nur noch das Gesicht unter lauter Fischleibern erkennbar. Aufarbeitung des kindlichen Traumas, surreal, verstörend, zugleich aber friedvoll angesichts der ruhigen, entspannten Gesichtszüge der Frau. Eine Decke aus Fischen.

Foto: Muga Miyahara

Die Auseinandersetzung mit der Tradition zeigt "Tokonoma". Der Begriff bezeichnet eine Nische in einem typischen japanischen Haus, die üblicherweise mit einem Rollbild oder auch einem Ikebana-Gesteck geschmückt ist. Bei Miyahara wird daraus ein Schaukasten, ein Panoptikum, in dem Dinge, Szenen gezeigt werden, die nichts mehr zu tun haben mit dem häuslichen Idyll: eine an einem Faden hängende Beinprothese ("Courage"), angehäufte Werkzeugen ("Patience"), drei Bomber über einem aufsteigenden Explosionspilz ("Fear"). Reflexionen über das Thema Gewalt.

"Sakura", ein Bild-Zyklus über die Kirschblüte, einem der bedeutensten Symbole der japanischen Kultur. Für die Aufnahmen hat Miyahara eine "Hermagis", eine Kamera aus dem 19. Jahrhundert, verwendet und die Aufnahmen nachträglich mit Sepiatönung versehen, was den Aufnahmen einen der Realität entrückten Reiz verleiht. Nicht Frühling und Schönheit, sondern die Vergänglichkeit der Dinge symbolisieren die Aufnahmen.

"MIMI" schließlich - nackte menschliche Körper, bedeckt mit frischen Nahrungsmitteln, kleine Fische, filetierte Tentakel eines Oktopus, auf der Haut schmelzende Buttercreme. Ästhetisch und schaurig zugleich.

Die in der Ausstellung gezeigten Fotografien sind eindringlich, betörend, verschreckend. Miyahara verlangt dem Betrachter eine aktive Fantasie ab, die Auseinandersetzung mit dem zu Sehenden, die Einordnung in die individuelle, die persönliche Realität.

Muro Miyahara fotografiert analog und in schwarz/weiß. Nur wenige Aufnahmen sind nachträglich am Computer coloriert ("Miyahara Shashinkan"). Für Freunde der immer noch und zu Recht existierenden analogen Fotografie ist die Ausstellung ein besonderer Genuß.

Es ist ein Verdienst der Micheko Galerie, dies in München exklusiv zu zeigen.

Die Ausstellung ist noch bis zum 8. Januar 2011 täglich in der  Micheko Galerie, Theresienstraße 18 in München, zu sehen. Katalog 18 Euro, www.micheko.com.

Veröffentlicht am: 04.11.2010

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