Der Fotograf Olaf Otto Becker und die abgebildete Zeit: Zwei Island-Welten in der Galerie f 5.6

von Achim Manthey

Dyptich Oeraefajoekull, 1999/2010 (c) Olaf Otto Becker, courtesy Galerie f 5,6

Zehn Jahre liegen zwischen den Reisen des Fotografen Olaf Otto Beckers nach Island. In der Ausstellung "Under the Nordic Light - A Journey Through Time" zeigt die Galerie f5.6 Fotografien dieser Zeitreise.

Aus den Jungs sind Männer geworden. Als Olaf Otto Becker die beiden 2001 auf Island kennenlernte und fotografierte, waren sie 14 und 15 Jahre alt und schon unterwegs mit ihren Motorcross-Maschinen in dem vulkanischen Gelände.  Zehn Jahre später : Auf dem zweiten Bild sind die spitzbübischen Mienen von damals überlegenen Gesichtsausdrücken gewichen, die das durch erste Lebenserfahrungen geprägte Selbstbewusstsein von Twens ausdrücken. Freunde sind sie immer noch, verbunden durch den Motorcross als gemeinsame Liebe und wer weiß, wodurch inzwischen noch.

Starke Veränderungen zeigen sich nach einer Dekade auch in Natur und Landschaft. Ganz deutlich wird das bei den 1999 und 2010 entstandenen Fotografien des Oeraefajoekull, dessen Gletscherzunge schon auf dem ersten Bild auf dem Rückzug war und elf Jahre später nahezu vollständig verschwunden ist. Die Bilder geben ein Zeichen dafür, wie stark auch vermeintlich unberührte Landschaften durch Umwelteinflüsse tangiert werden. Mächtiges Vulkangestein baut sich an einem schmalen Sandstrand vor einer Industrieanlage auf, die ein kleines Dorf zu erdrücken scheint. Geprägt wird die Aufnahme mit dem Titel "Akranes Beach" von 2002 allerdings nicht von den gravierenden Eingriffen des Menschen in eine Landschaft, sondern durch eine dreiköpfige Dusche am Strand, die 24 Stunden am Tag läuft und wohl nur von einer Stelle im Irgendwo abgestellt werden könnte.

Canyon of Jökulsá á Brú (c) Olaf Otto Becker, courtesy Galerie f 5,6

"Kann man Zeit fotografieren?" Der Versuch, diese Frage zu beantworten, war Ansatzpunkt des Fotografen für dieses Projekt. Die gleichen Orte, die gleichen Motive mit denselben Ausschnitten und vergleichbaren Tageszeiten und Lichtverhältnissen  mit einem Abstand von zehn Jahren zu fotografieren, sollte eine Antwort bringen. Tatsächlich ergeben die teilweise als Diptychen gegenübergestellten Fotografien nicht lediglich diesen Vorher-Nachher-Effekt, sondern sie vermitteln ebenso zeitliche Erfahrung wie Stillstand oder Konstante. Und selbstverständlich sind sie geprägt von den in der Zwischenzeit gesammelten persönlichen Erfahrungen und Sichtweisen, von Vorstellungen und Emotionen.

Veränderungen der Landschaft werden ebenso dokumentiert wie architektonische Entwicklungen und Beweise dafür, dass sich an manchen Orten inzwischen zumindest nach außen hin nichts geändert hat, wie in den Aufnahmen des Reihenhauses mit dem davor geparkten VW Polo. Die Bilder sind nahezu unverändert; Zeichen eines eingefahrenen Lebens. Auch die Aufnahmen "Landmanelangar", 2000 und 2011 entstanden, die einen Gebirgssee abbilden, dokumentieren eine unverändert unberührte Natur.

Olaf Otto Becker, 1959 in Lübeck-Travemünde geboten, studierte von 1981 bis 1986 zunächst Kommunikationsdesign in Augsburg, danach zwei Jahre lang Philosophie in München. Seit 2003 arbeitet er nur noch an fotografischen Projekten. Er sieht sich in der Tradition amerikanischer Landschaftfotografen wie Anselm Adams, die das Zusammenspiel von Natur und der menschlichen Einflüsse auf sie als Grundlage allen Seins zum Thema haben. Seine Aufnahmen entstehen mit Großformatkameras - eine Hommage an die Landschaft. Die Bilder zeigen, wie berührend und zugleich vergänglich ihre Schönheit ist.

Durch die mächtigen Schluchten des Jökulsár á Brú, einst ein Strom, fließt heute nur noch ein Rinnsal, weil das größte Stauwerk Europasihm das Wasser genommen hat. Auch Bilder dieses monumentalen Bauwerks zeigt die Ausstellung. Glatte Betonwände sind in den schroffen Fels getrieben, das eisenhaltige Gestein zeigt starke Rostspuren, wie auf dem 2010 entstandenen Foto zu sehen ist. Blickfang des Bildes "Power Plant" von 2002, das ein leeres Staubecken zeigt, ist ein kleiner rot-weißer Rettungsring, der von der abgeschrägten Felswnd herabbaumelt.

Die Ausstellung bietet mehr als bloße Landschaftsaufnahmen. Die Bilder reflektieren Ist-Zustände, die zwischen Veränderungen durch brutale menschliche Eingriffen in Urlandschaften einerseits und Stillständenandererseits variieren. Sie vermitteln das Gefühl, man könne Zeit tatsächlich fotografieren.

Bis zum 21. Januar 2012 in der Galerie f 5,6, Ludwigstraße 7 in München, Di-Fr 12-18 Uhr, Sa 11-15 Uhr. Eintritt frei.

 

 

 

Veröffentlicht am: 07.11.2011

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